
Bruchstücke. Einige unserer Schmäh-Poeten sind noch immer höchst aktiv, doch die Werke ihrer frühen Epochen sind zum Teil unwiederbringlich verloren
Es ärgert mich maßlos, dass ich nicht schon seit meinem allerersten Segeltörn die besten Sprüche sammle. Angeblich gibt es nach kargen Jahrzehnten wieder viele Jungskipper und – im Vergleich zu früher höchst erfreulich – auch Skipperinnen. Daher ein Appell eines alten, weißen (weisen?) Mannes: Denkt immer daran, im Logbuch ein paar Seiten für die besten Wortschöpfungen eurer Mitsegler freizuhalten. Ja, besonders für die peinlichsten! Jahre später können selbst die Urheber solcher Wort-Schätze drüber lachen.
Sagt jetzt ja nicht: „Ich merk’ mir sowieso alles!“ Das hab’ ich auch gedacht. Jetzt komm’ ich mir vor wie ein Archäologe, der nach monatelangem Graben einen Scherben einer Keramik-vase ausbuddelt. Aus ein paar Scherben lassen sich die g’scheiten Blödheiten unserer Pionierzeit nur teilweise zusammenstückeln: Etwa das Missverständnis mit der Ankerrache. Nein, das Boot neben uns war nicht unser Feind. Es sollte nur jemand Ankerwache halten, um zu verhindern, dass wir des Nachts zu Feinden werden. Ein Hörfehler, der zum Running Gag wurde. Bei uns heißt es seither nur noch: „Wer hat Ankerrache?“
Heute werde ich – altersbedingt – mit Werbespots für Hörgeräte penetriert, weshalb ich oft lieber stocktaub wäre. Hörfehler führten ja schon in unserer Jugend zu kleinen Fehlinterpretationen. So hatte sich Neuling Sigi im dritten Anlauf gemerkt, dass die Gummi-Dinger Fender heißen. Dann äußerte der alte Hase Benno den Wunsch nach einem anderen Radio-Sender, da ihn die Liebeskummer-Elegien dalmatinischer Männerchöre an das Begräbnis seiner Oma erinnerten. Leider hatte zuvor im Zuge einer Spelunken-Schlägerei ein Schneidezahn seine obere Backbord-Backe verlassen: „Figi, kannft du bitte einen anderen Fender fuchen?“, pfiff Benno genervt durch die Zahnlücke. Worauf Sigi den Deckel einer Backskiste öffnete. Mit dem todernsten Blick des fahnentreuen Befehlsempfängers überreichte er dem Rudergänger Benno einen auf offener See gänzlich sinnbefreiten Fender. Totenstille, dann ein kollektiver Lachkrampf. Dass Sigi heute noch Figi heißt, versteht sich von selber.
Ein anderer Grünschnabel missinterpretierte das Kommando: „Hol die Leine vom Vorschiff!“ Er zwängte sich unter das kieloben vertäute Dinghi und versuchte dort ächzend, eine Leine zu ertasten. Seine Anfänger-Logik: Wenn Gummiboot wird nachgezogen, heißt Nachschiff. Wenn vorne auf Yacht liegt, heißt Vorschiff … Fast richtig.
Apropos Schiff: Als ich einst die Schiffspapiere vom Kartentisch anforderte, wurde mir eine Rolle Klopapier ausgehändigt. Eher eine Gedankenlosigkeit als ein Hörfehler. Seither wird jedem, der sich anschickt, die Marina-Toilette zu benützen, der gleiche Rat erteilt: „Nimm sicherheitshalber die Schiffspapiere mit!“
Bei meinem ersten Törn – gefühlt 333 v. Chr. – hab ich mich sehr gewundert, dass all die hilfsbereiten Männer, die beim Anlegen unsere Heckleinen entgegennehmen, denselben Vornamen tragen. Bisher hab’ ich meinen Trugschluss keinem verraten: Ich bin erst nach dem dritten Anlegemanöver misstrauisch geworden. Heute bin ich mir ziemlich sicher: Marineroist kein Vorname, sondern eine Berufsbezeichnung, oder?
Jede Crew entwickelt ihren eigenen Jargon. Oft haben wir dessen Ursprung längst nicht mehr auf dem Radar. „Ich verkriech mich in meine Boje“, heißt es bei uns. Oder im Gegenzug: „Siehst du die gelbe Koje steuerbord voraus?“Apropos Steuerbord: Einer von uns war einst der Meinung, dass Steuerbord immer dort ist, wo der Rudergänger steht. Die dramatische Ursache dafür, dass voraussichtliche Ankunftszeit bei uns estimated time of survival statt arrival heißt, kann ich nur erahnen. Das Kommando vor einem Badestopp auf dem offenen Meer lautet: „Klar zum Beiliegen“. Dass es in unserer Crew „Klar zum Beischlafen“ heißt, könnte die Folge eines etwas zu lang geratenen Männertörns gewesen sein.

