Ein Abenteuer kommt selten allein

Beim Vegvisir, einer Langstrecken-Regatta durch die dänische Inselwelt, kämpfen Solosegler und Zweier-Teams gegen Wind, Strömung und sich selbst. Verena Diethelm war auf einer Seascape 18 dabei

Ein Abenteuer kommt selten allein

Es sieht unbeholfen aus, wie eine von Kinderhand gekritzelte Zeichnung, die einen Kompass darstellen soll: Acht Zweige, die in krakeligen Runen enden – der Vegvisir. Der isländischen Mythologie zufolge ist er ein mächtiges, magisches Symbol; wer es bei sich trägt, kommt sicher am Ziel an und bleibt auch in aussichtslosen Situationen am richtigen Weg. Für Morten Brandt Rasmussen, den Erfinder der gleichnamigen Abenteuerregatta für Solosegler und Zweier-Crews, ist der Vegvisir auch eine Art Wegweiser zu sich selbst: „Man entdeckt während des Rennens Seiten an sich, die man vorher nicht kannte."

Auf diese Reise zu sich selbst haben sich Anfang September 189 Teams aus neun Nationen gemacht, die überwiegende Mehrheit zu zweit, was das Vegvisir zu einer der größten Doublehanded-Regatten der Welt macht. Gesegelt wird auf drei unterschiedlich langen Kursen, die jeweils mindestens eine Nachtfahrt beinhalten und kompetentes Navigieren durch die mit zahlreichen Untiefen gespickte Inselwelt vor Fünen verlangen. Der mit 238 Seemeilen längste Parcours ist ausschließlich für Zweier-Teams vorgesehen und bietet echtes Offshore-Feeling mit einem Abstecher in deutsche Gewässer rund um die Insel Fehmarn. Der mittlere, 158 Seemeilen lange Kurs gilt als besonders anspruchsvoll, da er sich durch flache Gebiete, Sunden und Meeresengen schlängelt. Der weniger exponierte, 70 Meilen lange orangefarbene Kurs ist vor allem für kleinere Boote gedacht, aber nicht weniger knifflig.

Gemeinsam stark

Schon Tage vor dem ersten Start trudeln die Teilnehmer in Nyborg auf Fünen ein. Es ist eine eingeschworene Gemeinde, die sich da versammelt. Die meisten sind Wiederholungstäter und kennen sich von anderen Veranstaltungen. Für uns – übrigens die einzige Damen-Crew im Starterfeld – ist es hingegen eine Premiere in jeder Hinsicht. Skipperin Doris Guttmann hat mit ihrer Seascape 18 zwar öfters an Langstreckenregatten in der Adria teilgenommen, die raue Ostsee ist jedoch Neuland für sie. Für mich als Dickschiffseglerin sind nicht nur die unbekannten Gewässer sondern auch das jollenartige Gefährt Teil des Abenteuers.

Da die Teams klein sind, hilft jeder jedem. Boote werden gemeinsam gekrant oder geslippt, aufgeriggt und für das Rennen vorbereitet. Überall wird gebastelt, Proviant und Ausrüstung verstaut, Sturmsegel an Bord geräumt und nach einem Blick auf die Windprognose, die sich nahezu stündlich ändert, wieder zurück ins Auto verlagert.

Nervosität und gespannte Erwartung liegen in der Luft, die Stimmung erinnert an ein Klassenzimmer in der Pause vor der alles entscheidenden Mathematikschularbeit. Man brütet über Seekarten und Navigations-Apps, vergleicht Wetterdaten, fachsimpelt über Strömungen und wärmt Geschichten aus den Vorjahren auf. Legendär ist die Erzählung, dass einer der Favoriten über Bord ging, an Land schwamm und triefend nass an die Türe eines Ferienhauses klopfte. Besonders bunt ausgeschmückt werden die Schilderungen von durch Schlafmangel induzierten Halluzinationen: Teilnehmer sehen Dornenbüsche im Wasser, passieren eingebildete Fahrwassertonnen und hören nicht vorhandene Mitsegler. Auch von drei Meter hohen Wellenbergen im Norden von Fünen, Strandungen, Kielverlust und quälenden Flauten ist die Rede. Seemannsgarn, das bei uns Novizinnen zu einer gewissen Verunsicherung führt. Diese ist jedoch schnell verflogen, als wir uns dem Trubel für ein paar Tage entziehen, die Leinen loswerfen, einen guten Teil unseres Kurses im Vorfeld absegeln und uns so von den Gegebenheiten selbst ein Bild machen.

Zäher Start

Die Teilnehmer auf den beiden langen Kursen werden bereits am Donnerstagnachmittag bzw. -abend ins Rennen geschickt und sind nicht zu beneiden. Stunden nach dem Start stehen mehr als ein Dutzend Boote noch immer im Nyborg Fjord. Im Schneckentempo bewegen sich die Positionslichter über die spiegelglatte Oberfläche. Im Svendborg Sund ist der Wind komplett weg, dafür setzt die Strömung ein und zwingt die Teilnehmer im engen Fahrwasser zu ankern, damit sie nicht zurück oder gar auf eine Untiefe treiben. Nicht allen gelingt das und es kommt zu den ersten Ausfällen. Zum Glück setzt bis zu unserem Start am Freitagabend acht bis zehn Knoten starker Wind aus Ostsüdost ein, der im Laufe der Nacht weiter zulegen soll. "Es wird ein schnelles Rennen. Das Wetter ist gut, es sind keine Gewitter und Regen in Sicht. Ihr könnte euch voll aufs Segeln konzentrieren“, sagt der slowenische Meteorologe Jure Jermann beim Skipper-Briefing perfekte Bedingungen voraus.

Rückenwind

Die Storebaektsbroen, die Brücke über die Meeresenge Großer Belt, verbindet auf mehr als 13 km Gesamtlänge die beiden Inseln Fünen und Seeland. Um dieses mächtige Bauwerk ranken sich etliche Horrorgeschichten, die sich meist darum drehen, dass jemand stundenlang vergeblich versucht, zwischen zwei Pfeilern durchzufahren, Strom und Wind ihn aber immer wieder zurücktreiben oder, noch schlimmer, gegen einen Brückenpfeiler drücken. Viele haben an dieser Stelle schon die Nerven weg- und den Motor angeworfen.
Wir bleiben zum Glück von derlei Ungemach verschont und passieren die gefürchtete Problemstelle unter Gennaker.

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