Vierundvierzig Pfoten

Kolumne Jürgen Preusser: Das wundersame Leben des Jérôme D.

Jérôme D. aus der gutbürgerlichen Rue du Parchamp in Paris war ein Wunderkind, gab mit sechs Jahren Klavierkonzerte, gewann mit sieben Optimisten-Regatten, studierte als 16-Jähriger Architektur und Jus, war damit restlos unterfordert und legte daher noch Astronomie drauf. Mit zwanzig schloss er alle drei Studien ab und wurde noch im gleichen Jahr Anwalt, Architekt sowie Zielobjekt der Headhunter.
Als 27-Jähriger erhielt er einen äußerst heiklen, streng geheimen Regierungsauftrag. Er war jung und er brauchte das Geld. „Sowas nicht immer ist güt“, sagt er. Okay, Deutsch hat er nicht studiert, aber seines ist definitiv magnifique gegen mein Französisch. Jérôme sollte das umstrittenste Atomprojekt Frankreichs rechtlich und architektonisch durchboxen. „Da müsst du zu oft brechen deine caractère, verstehst du?“ Oui, j'ai compris. Fünf Jahre später stand das nukleare Monster, die politischen Gegner waren zerschmettert, die Bürgerinitiativen abgewürgt. Jérôme D. hatte ausgesorgt – und war fertig mit diesem Leben. Sein erster großer Auftrag war auch sein letzter.
Knapp zwanzig Jahre später sitzt der gut Fünfzigjährige auf einem Poller im türkischen Hafen Datça, raucht eine Gitanes mit Zigarettenspitz, streichelt eine dreifärbige Glückskatze und erzählt mir seine Lebensgeschichte. Seine Haut sieht aus wie dunkelbraunes Leder. Versandelt kommt Jérôme aber nicht daher, ganz im Gegenteil. Das Tropenhemd ist aus Leinen, die Schuhe sind von Sebago. Die Katze auf seinem Schoß ist kein streunender Flohzirkus, sondern eines von elf gepflegten, wohlbehüteten Wohlstandstieren. Die Kolleginnen und Kollegen kugeln irgendwo auf Jérômes Segelyacht herum. Étoile Filante (Sternschnuppe) heißt sie und ist eine First 50. „Isch segle von eine ‘afen zü die nexte ‘afen die ganze Jahr, die ganze Welt …“
Im Salon steht neben einem Regal aus Katzenkörbchen ein Klavier, zwar kein Bösendorfer-Flügel, aber immerhin. Den Baum samt Großsegel kann der Aussteiger mit wenigen Handgriffen verschwinden lassen. Danach schiebt er mittels Hydraulik eine kleine Kuppel aus dem Salondach und schaut sich durch ein professionelles Teleskop die Sterne an. Der Plafond des Salons ist mit Sternenkarten tapeziert. Die Bilge ist ein gut sortierter Weinkeller. „Gäste sind immör willkommen, spécifiquement Frauen“, lacht er. Bevorzugt solche ohne Katzenallergie.
Apropos. Seine vierbeinigen Freunde sind allesamt nach Sternbildern benannt: Carina (Schiffskiel), Vela (Segel), Puppis (Achterdeck) und Pyxis (Schiffskompass) fand ich am originellsten, Volans (Fliegender Fisch), Vulpecula (Fuchs), Sagitta (Pfeil), Aquila (Adler) auch nicht schlecht. Die Stammesältesten Orion und Phoenix haben die besten Sonnenplätze an Deck gepachtet. Die Glückskatze heißt Andromeda.
Kater Taurus (Stier) dürfte im besten Fall von Bord, im schlimmsten Fall über Bord gegangen sein. Monoceros (Einhorn) ist längst ausgestorben, pardon, einfach nur gestorben. Und den bösen Kater Draco (Drache) musste Jérôme in Neukaledonien einschläfern lassen. Hochbetagt verspürte er plötzlich den unwiderstehlichen Impuls den Rest der katzigen Crew zu zerfleischen. „So ’at meine Mannschaft jetzt nür noch 44 Beine“, sagt Jérôme. „Maximüm waren sechzig.“ Pfoten, nicht Katzen.
Die Tigerkatze Fornax (benannt nach dem Sternbild „Chemischer Ofen“ – ja, sowas gibt es am Südhimmel tatsächlich!) hatte die Étoile Filante schon nach wenigen Wochen verlassen. Ein Zeichen, ein Zeichen! „Isch ’abe eine Leben mit große nucléaire Ofen gelebt, doch damit is schon longe Schlüss!“ Über dem Kartentisch hängt ein Zitat von Voltaire in einem kleinen Messingrahmen: „In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein zu wollen ist schon wieder ein Irrsinn.“
Und die Moral von der Geschicht‘? Es gibt keine. Auch keine Pointe, diesmal. Ich habe viel über den Einhandsegler mit seiner ungewöhnlichen Crew nachgedacht, mit anderen darüber philosophiert, moralisiert und gelacht. Mein Fazit: Das Leben des Jérôme D. aus der Rue du Parchamp in Paris ist eine einzige große Pointe. Mit oder ohne Moral.

Weitere Artikel aus diesem Ressort

Ressort Abdrift

Ein Oscar fürs Hafenkino

Special Effects. Hinter der einen oder der anderen Komödie verbirgt sich in Wahrheit eine Tragödie

Ressort Abdrift

Die Fähre aus dem Nirgendwo

Manöverkritik. Gelegentlich sollte man touristisches Verhalten überdenken und korrigieren, bevor es ein ...

Ressort Abdrift

Quasti

Vorsätzlich. Für 2024 habe ich den Plan gefasst, mir von niemandem die Laune verderben zu lassen. Schon ...

Ressort Abdrift

Zwischen Trogir und Kangchendzönga

Lauschangriff. Törnbesprechungen fremder Crews sind mitunter lehrreich. Oft aber auch verwirrend

Ressort Abdrift

Artenvielfalt bei Panagiotis

Skipper-Typen. Zufallsbegegnungen unter dem Wellblech-Dach einer griechischen Taverne

Ressort Abdrift

Gevatters allerletzter Törn

Lehrstunden. Die unverwüstliche Weisheit eines schlauen Seehundes mit Charakter