Wolfgang Mayrhofer

Wolfgang Mayrhofer

Artikel des Autors

Ressort Kreuzpeilung
Der Fortschritt überrollt mich. Im allgemeinen und insbesondere beim Segeln. Üblicherweise kann ich das recht gut kaschieren, gehen doch die Gespräche im Clubrestaurant und am Bootspark selten so in die Tiefe, dass es auffällt. Aber die ständige Gratwanderung zwischen kompetent erscheinen und sich keine Blöße geben auf der einen, und eigentlich nicht wissen, wovon man spricht, auf der anderen Seite kostet Nervenkraft. Hand aufs Herz: Wie vielen von uns geht es ähnlich, wenn von eigentlich schlichten Themen wie Segel, Leinen oder Bootsbau die Rede ist? Ich kann mich an Zeiten erinnern, als man bei Segeltuch zwischen Baumwolle und Dacron, bei Leinen zwischen geflochten und gedreht und beim Bootsbau zwischen unterschiedlichen Holzarten und GfK unterschied. Nicht, dass ich damals alles verstanden hätte, aber ich war in groben Zügen im Bilde und so war es leichter, allfällige Lücken zu überspielen. Und heute? Ja, Segel werden noch aus Dacron gefertigt (Danke! Danke!!). Aber darüber hinaus gibt es jede Menge andere Materialien: Hydra Net, Mylar, Pentex, Vectran, Technora, Spectra-/Dyneema-Laminate, Kevlar, Carbon, Load Path Membran, Taffeta. Zum Teil nur unterschiedliche Markennamen, weiß ich schon, trotzdem verwirrende Vielfalt. Einfaches Zuschneiden ist auch passé. Ein computergestützter Designprozess setzt sich fort in 3DL, Tape Drive & Co. Bei Leinen zeigt sich ein ähnliches Bild: Neben Klassikern wie Polyester und Polyamid tauchen Dyneema und Vectran auf, ebenso wie Polypropylen, PBO oder Aramid, und das in unterschiedlichen Kombinationen von Kern- und Mantelmaterialien. Beim Bootsbau fange ich gar nicht erst an. Hölzer und klassisches GfK-Aufklatschker-Verfahren sind längst nicht mehr alles, en vogue Begriffe wie Vakuum, Infusion, Pre-Peg & Co., dazu Kohle-, Kevlar- oder Aramidfasern. Schwirrt Ihnen der Kopf? Wollen Sie eigentlich nur ein Boot mit Segel und entsprechenden Leinen? Ich auch. Deshalb kein Herumeiern mehr. Ich stehe dazu: Dacron & Co. sind mein Horizont, darüber brauche ich kompetente Hilfe. Punkt.









 

Fort. Schritt. Hilfe. Punkt.

Ressort Kreuzpeilung
Mich fasziniert die Unterwelt. Genauer gesagt: was Boote unter der Wasserlinie verbergen. Vermutlich hat das mit meiner seglerischen Prägung zu tun. Als ein am Neusiedler See groß gewordener Gatschlackensegler kenne ich Boote hauptsächlich von oben. Klar, hin und wieder eine Kenterung, aber dann hast du etwas anderes zu tun als versonnen auf dein Unterwasserschiff zu blicken. Du versuchst vielmehr keuchend auf das Schwert zu kommen und denkst mit Schrecken an die bald von der Mastspitze kommenden Schlammbatzen und das verschmutzte Segel. Aber alles unter Wasser ist im Normalfall unsichtbar. Vielleicht zieht es mich deshalb fast magisch zu Winterlagern und in großen Hallen stattfindenden Bootsausstellungen. Sie pflegen eine Art pornographischen Zugang zum Thema, geben das Verborgene am Boot fast gewaltsam frei, erlauben den Naheblick auf isolierte Ausschnitte, die wichtig und doch unvollständig sind angesichts des Fehlens von natürlicher Bewegung im Wasser sowie der Abwesenheit von Mast und Segel. Aufgebockte Boote im Winterlager, meist gezeichnet von den Mühsalen der vergangenen Saison und nur oberflächlich befreit von Bewuchs und Schrammen, festgezurrt auf oft altersschwachen Hängern und Böcken laden Voyeure wie mich zur Inspektion ein. Taktil erlauben sie das wohlig-schaurige Erleben von pockennarbigen Unterwasserschiffen oder ausgefransten Kielabrisskanten. Visuell assoziiert man schnell gestrandete Wale, die herausgerissen aus ihrem ureigensten Element aufregend und bedauernswert zugleich erscheinen. Ähnlich und doch ganz anders der Anblick in Bootsaustellungen. Oft frisch aus der Werft, geradezu unnatürlich schön im Oberflächenfinish sind es gerade die ganz großen Boote, die nackt und bloß ihr Untergestell preisgeben. Viele Besucherinnen und Besucher klettern hoch, um in deren Inneres zu gelangen. Ich bleibe unten und streiche wie Peeping Tom um Kiel und Ruder herum, ertaste kleinste Unebenheiten im Unterwasseranstrich, erfreue mich an Form und Position der Kielbomben, gestatte mir – in natura stets ein wagemutiges Unterfangen – einen Naheblick auf diverse Borddurchlässe für WC & Co und sehe mit Entzücken unterschiedliche Formen des Ruderblatts. Seltsam? Vermutlich. Aber anders, aufschlussreich und neue Perspektiven eröffnend.









 

Unterwelt

Ressort Kreuzpeilung
Barbara und Christoph tun es, Doris und Wolfgang tun es, Claudia und Jürgen tun es auch – die Liste der österreichischen Langzeitseglerinnen und -segler (sehr informativ: http://www.untersegeln.eu/links/oesterreichische-langzeitsegler/) ließe sich problemlos weiter verlängern. Die dazugehörigen Blogs und Webpages sind unterhaltsam und informativ. Manche schlüsseln detailliert ihr Budget auf, andere veröffentlichen akribisch ihren jeweiligen Standort und lassen einen so an Tagesetmalen und Routen teilhaben, wieder andere geben substanzielle Tipps für die typischen bei Langzeitfahrten auftauchenden Problemstellungen rund um Segel, Schiff, Motor & Co. Allen gemeinsam scheint die Begeisterung für das Blauwasser, ihre Sehnsucht nach Freiheit und die Freude über ihr Leben auf See – allen Widrigkeiten und Überraschungen zum Trotz. Nicht nur bei minus 6 Grad und leichtem Schneefall lässt mich das bewegt zurück. Diese Menschen sind Rollenmodelle. Vieles bewirkt einen positiven Sog. Als normaler Erdling, gefangen im vielschichtigen Geflecht meiner alltäglichen Verpflichtungen, sehe ich die Möglichkeit des Andersseins lebendig und konkret vorgelebt. Das erfrischt, löst Freude aus, verstärkt die bereits bestehende Faszination des Segelns. Die dargestellten Lebensentwürfe kratzen an meinen Wertigkeiten. Sie hinterfragen den Stellenwert von Sicherheit, thematisieren die Korrumpierung durch die Annehmlichkeiten des Wohlstands, erzielt auf Kosten globaler Ungerechtigkeiten, und weisen auf das größere Ganze hin, in dem wir leben. Die Aktivitäten dieser Menschen berühren auch meine seglerische Identität. Wäre ich in der Lage den vielfältigen Anforderungen zu genügen, die von navigatorischen Überlegungen über Trouble-Shooting bei Motor und Elektrik bis hin zu weisem Umgang mit Behörden, Marineros und Dieben reichen? Manches bleibt ein Fragezeichen: Ist das Flucht aus dem jeweiligen Beitrag zur Lösung der großen gesellschaftlichen Fragen? Wie umgehen mit Krankheit und Alter? Wann aufhören? Mein persönliches Resümee: Bitte weiter so. Bitte weiterhin den Rest der Menschheit mit dieser Art des Lebens konfrontieren, die Erfahrungen über Blog & Co. teilen und Nachdenken auslösen. Wir brauchen es.









 

Rollenmodelle

Ressort Kreuzpeilung
Der auf 2 und 4 einsetzende Bass der Surdo, die auf 1 und 3 dazukommende Contra und dann noch Caixa, Ganzá, Agogô & Co. Samba mitten im Dezember in Wien? Ich lasse Tee, Lebkuchen und Buch am Tisch zurück und blicke durch das Fenster. Eine kleine Sambagruppe zieht durch die Wohnanlage und macht bei unserer Terrasse halt. An der Spitze eine Tänzerin, die aussieht wie – das Weihnachtsengerl. Mit Kurven an den richtigen Stellen, die Flügeln harmonisch in das, na ja, nennen wir es Kostüm eingebettet, viel nacktes Gefieder, wenig Stoff, reichlich Metall. Leicht verstört öffne ich die Terrassentür. Nach kurzer Begrüßung und abgelehntem Tee – „Samba und adventlicher Tee, das passt nun nicht wirklich zusammen!“ – beäuge ich den Gefiederten näher. Bei dem Metall handelt es sich um 30 Scheiben in Gold, Silber und Bronze an ebenso vielen Bändern. „Olympiamedaillen im Segeln, für jede Klasse in Rio drei Stück, Design noch geheim“ antwortet das Engerl auf meinen fragenden Blick. Ich kann es kaum glauben: „Habt ihr denn mit der Vergabe etwas zu tun?“ Schelmisch entgegnet mein himmlischer Freund: „Wir haben – so oder so – mit allem hier auf Erden was zu tun.“ „Und was macht ihr mit den Stoßgebeten um Erfolg, die aus den unterschiedlichen Ländern zu euch nach oben geschickt werden?“ Verträumt klimpert der Gefiederte mit den Medaillenrohlingen: „Eigentlich Betriebsgeheimnis. Aber im Vertrauen: Wir versuchen – der Teufel steckt ja bekanntlich nicht nur im Detail – die ärgsten Schweinereien zu verhindern. Aber grundsätzlich gilt: No pain, no gain – wer mehr reinsteckt, bekommt mehr raus.“ Bevor ich noch die Konsequenzen für die österreichische Flotte in Rio bedenken und ‚ganz schön neoliberal‘ oder ‚wo bleibt die Gnade‘ stottern kann, ist das Weihnachtsengerl auch schon aus der Tür draußen. Es setzt sich an die Spitze der neu Schwung aufnehmenden Kapelle und verschwindet hüftschwingend in der Nacht, nicht ohne mir den obligaten Segenswunsch für die Handbreit Wasser unter dem Kiel an die p.t. Leserschaft mitzugeben. Dem schließe ich mich gerne an.









 

Samba

Ressort Kreuzpeilung
Was assoziieren Sie mit Quarantäne? Vogelgrippe, Isolation, Maul- und Klauenseuche, Sperrzeit, Tuberkulose? Dann sind Sie in guter Gesellschaft; der Begriff löst wohl kaum positive Gefühle bei der Normalbevölkerung aus. Und jetzt raten Sie mal, wie der internationale Segelverband ISAF die Zone bezeichnet, in der sich Boote und Segler vor dem Medal Race beim Olympischen Test-Event aufhalten müssen, jener finalen, kurzen Wettfahrt mit doppelten Punkten, in denen es meist ums Ganze geht? Richtig, Quarantäne-Zone. Das ist *Ironie an* eine Meisterleistung der Rahmung *Ironie aus* und lässt tief blicken. Was bedeutet Rahmung? Sie ist, das wissen wir aus unterschiedlichen Forschungsergebnissen, enorm wichtig für die Interpretation von und Handlung in Situationen. Menschen, die zunächst Geldscheine zählen und dann ohne unmittelbaren eigenen Nutzen helfen sollen, tun das weniger häufig als Personen, die vorher nur leere Papierblätter gezählt hatten. Vieldeutige Situationen werden je nach vorhergehender Rahmung als Bedrohung oder Chance gesehen. Was, bitte schön, will die ISAF mit einem solchen Label bei Seglerinnen und Seglern, Trainern, Publikum und Medienleuten auslösen? Leistungssteigerung aus Angst? Vieldeutige Absonderung vom Normalen? Achtung, Gefahr? Wenn ja, wovor? Mir scheint dieser Begriff jedenfalls völlig unangemessen. Dazu kommt: Wer eine so aufregende, spannende Situation wie das Medal Race mit Quarantäne verbindet, der lässt tief blicken. Man muss kein besonderer Wizzard der Textinterpretation sein, um ein seltsames Rollenverständnis mehr als nur durchschimmern zu sehen: Auf der einen Seite das potenziell Gefährliche, Nicht-Berechenbare, Unbeherrschbare, auf der anderen Seite diejenigen, die aus einer Position der Expertise und Macht streng kontrollieren, aber auch wieder frei geben. Was sagt das über das Bild der Aktiven, über die Vorstellung von der eigenen Funktion? Das möchte ich lieber nicht weiter denken … Spin-Doktoren und plumper Marketing-Jargon sind mir an sich ein Greuel. Aber hier würde ich Spezialisten herbeisehnen, die dieser Situation ein neues sprachliches Gewand verpassen. Selbst einem wenig kreativen Geist wie mir fallen Bezeichnungen wie ‚Arena of the Champions‘, ‚Medal Area‘ oder ‚Plaza of Honor‘ ein. Sicher nicht das Gelbe vom Ei, aber allemal besser als siehe oben. ISAF, bitte ändern!









 

Meisterleistung

Ressort Kreuzpeilung
Sind Sie ein Muggel, nicht à la Harry Potter, sondern einer aus dem Geocaching-Universum? Von Geocaching noch nichts gehört? Dann sind Sie ein Muggel. Bis vor Kurzem war auch ich völlig unberührt von dieser Welt der elektronischen Schatzsucher. Sie heben mit Hilfe von im Internet verfügbaren geographischen Koordinaten, oft unterstützt von GPS-Geräten, sogenannte Caches. Das sind unterschiedlich große Behälter zwischen Nano und Large, in denen sich ein Logbuch zum Eintrag des Auffindens und zum Teil kleine Tauschgegenstände befinden. Die Geocacher vermerken den Fund unter ihrem Benutzernamen im Internet und können sich so eines weiteren Skalps, äh, Caches rühmen (mehr dazu in Wikipedia unter ‚Geocaching‘ und auf www.geocaching.com). Vor uns Muggels, d.h. Nicht-Geocachern, ist das Auffinden eines Caches zu verheimlichen, wir sind die, die bei Geocaching amüsiert-verwundert blicken oder gar, Gotte bewahre, zufällig einen Cache entdecken. Die aus Köln angereiste Verwandtschaft meiner besseren Hälfte machte mich während ihres Urlaubs bei uns im Burgenland regelmäßig zum Muggel. Manchmal unbeteiligt vom Gartenstuhl aus den Aufbruch beobachtend, hin und wieder als Teil des Fahrrad-Trecks auf dem Weg zum Cache, selten, aber doch, als unverzichtbares Maultier, wenn sich das Objekt der Begierde auf einer Insel befand. Dann wurden Manta oder Sprinto zum Ritt über den See gesattelt. Am Ort der Sehnsucht zuerst eine Analyse vom Boot aus für die beste Stelle zur Landung, danach in bester U.S.-Marines-Tradition raus aus dem Boot, durch das Schilf gewatet und die Suche aufgenommen. Schließlich idealerweise das Signal: Cache gehoben! Oft kein Problem, manchmal verbunden mit hüfthohem Einsinken im Schlamm; zum Teil kam das Boot beim Absetzen und Aufnehmen der Cacher in gefährlich seichte Gewässer – ein gewisser Spannungsfaktor war also vorhanden. Ach ja, und wieso der Titel “Einsamer Großbaum“? So hieß der Cache, der am einzeln stehenden, weithin sichtbaren Baum inmitten des Podersdorfer Schoppen, der größten Schilfinsel am Neusiedler See, verborgen war. Hintergründigen Humor haben sie ja, die Geocacher …









 

Einsamer Großbaum

Ressort Kreuzpeilung
Ich bin ein Saubartl. Nicht generell, auch wenn die beste aller Ehefrauen sowie die Töchter vereinzelt etwas anderes kolportieren. Auf Boote aber trifft das zu. Funktionieren muss alles, da bin ich unerbittlich. Ich hasse es, wenn beim Segeln die eine Hälfte nicht und die andere Hälfte nur andeutungsweise funzt, Beschläge locker oder unbrauchbar, Belegleinen und Schoten grindig sind. Aber blank polierte und glänzende Schüsseln brauche ich definitiv nicht. Neben einer möglicherweise genetisch-evolutorischen Grunddisposition als auf die Jagd gehender Höhlenbewohner geht das retrospektiv wohl auf ein Buch von Paul Elvström, seines Zeichens legendärer dänischer Einhandsegler und vierfacher Goldmedaillengewinner zwischen 1948 und 1960, zurück, das ich in meiner Kindheit mehrfach verschlungen habe. Was mir bis heute in lebendiger Erinnerung ist und mich geprägt hat, ist Elvströms Einstellung zu seinem Boot in dessen „wilden Jahren“ – überhaupt nicht romantisch, sondern streng funktional. Eine Story für viele: Er erzählt, wie ein Deckel bei seinem Finn klemmt und er deshalb einen dringend nötigen Eingriff im Inneren des Bootes nicht durchführen kann. Ohne zu zögern verschafft er sich per gezieltem Fußtritt Zugang und nimmt ein großes Loch – später notdürftig geflickt – in Kauf. Wow! Das fast ehrfürchtige Verhältnis, das ich als Kind zu meinen Booten hatte, war nach dieser Lektion nachhaltig erschüttert. Heute bin ich geläutert. Oder verwässert, je nach Sichtweise. Noch immer habe ich, zum Leidwesen meiner Clubkolleginnen und -kollegen und der meisten meiner Familienangehörigen, ein sehr weites Verständnis von einem sauberen Boot. Aber ich schließe offensichtlich langsam an das normalübliche Niveau an. Der unlängst durchgeführte Frühjahrsputz bei meiner Sprinto und der, Gott hab ihn selig, väterlichen Manta löste nicht nur Kreuz- und Armschmerzen aus; beim Anblick der blitzblanken Boote überkamen mich beinahe Glücksgefühle. Tempora mutantur …









 

Blitzblank

Ressort Kreuzpeilung
Die meisten Menschen haben vom Segeln keine Ahnung. Das ist zwar irgendwie schade, letztlich aber völlig unproblematisch. Außer es zeigt sich jemand plötzlich interessiert. Eine Arbeitskollegin, mit der man über Freizeitaktivitäten plaudert, ein Gast, den man unvorsichtigerweise auf sein Boot gebeten hat, die eigene Tochter, die das einst Selbstverständliche zu hinterfragen beginnt. Dann kommt mit schöner Regelmäßigkeit die unschuldig daherkommende, aber hundsgemeine Frage: Warum fährt dieses Ding eigentlich? Und fast immer ist damit gemeint: Wie kann es sein, dass wir uns gegen den Wind vorwärts bewegen? Falls sich die werte Leserschaft an dieser Stelle über scheinbar erschreckende Wissenslücken beim Kolumnisten wundert: Ja, ja, alles klar, aero- und hydrodynamische Grundzusammenhänge, Segel als Flugzeugflügel, Unterdruck auf der Leeseite, Vortrieb als wesentliches Element im Kräfteparallelogramm, blablabla. Aber genau hier liegt das Problem. Wer so anfängt, hat bereits verloren. Wenige Ausnahmen bestätigten die Regel. Diese Ausnahmen sind technikaffine Menschen, denen die Flugzeug-Analogie beim Verständnis der Arbeitsweise des Segels hilft, die mit Vektoren umgehen können und wenig Schwierigkeiten haben, die Funktion von Schwert oder Kiel im Hinblick auf Vortrieb an der Kreuz zu verstehen. Die Regel sind Menschen, die einen treuherzigen Blick aufsetzen und je nach Temperament Sachen sagen wie „Aha“, „no geh“, „sicher net“, „gibt’s net“ oder „a Wahnsinn“. Oder einfach schweigen. Ich habe Verschiedenes probiert. Zündhölzer aufgelegt um die Kräfte deutlich zu machen. Meine Finger in unmögliche Stellungen gebracht um das komplexe Zusammenspiel zu veranschaulichen. Serpentinen am Berghang als Bild benutzt. Dennoch bin ich meist gescheitert. Deshalb meine ernst gemeinte Frage: Wie machen Sie das? Wie erklären Sie das Kreuzen? Helfen Sie mir, helfen Sie der gesamten Seglergemeinde und verraten Sie uns Ihre höchstpersönliche Vorgehensweise zur Kurzunterweisung. Wie und wo? Ganz einfach auf http://www.yachtrevue.at/kreuzpeilung online kommentieren. Danke!









 

Stunde der Wahrheit

Ressort Kreuzpeilung
Englisch hat sich mehr oder weniger flächendeckend als Arbeitssprache international tätiger Unternehmen etabliert. In der Managementlehre gibt es dazu seit einiger Zeit eine recht heftige Diskussion über die Auswirkungen einer solchen „lingua franca“, die bisweilen zu eigenartigen Konstellationen führt. Ich erinnere mich da an ein interkulturelles Vorbereitungstraining für ein international agierendes österreichisches Unternehmen. Ich sollte einer Gruppe von Technikern, die in naher Zukunft in China ein Montagewerk gemeinsam hochzuziehen hatten, die Kunst der Kommunikationen näher bringen. Steirische Urgesteine aus der Mür-Murz-Furche und chinesische Vifzacke aus Chongqing auf Englisch zu einem differenzierten Dialog über Dynamik und Fallstricke in Gruppenprozessen zu bringen, ist, gelinde gesagt, nicht ganz einfach. Forschungsergebnisse zu diesem Bereich zeigen einige Besonderheiten dieser Form der Kommunikation. Dazu gehören das Verwechseln von sprachlicher Kompetenz mit Intelligenz und Fachkompetenz, Schwierigkeiten mit Personen, die auf Grund ihrer guten Fremdsprachenkenntnisse von Muttersprachlern als fähiger wahrgenommen werden, als sie es eigentlich sind, mangelnde Differenziertheit beim Ausdrücken komplizierter Sachverhalte oder Beschränkungen bei der Verwendung von Metaphern, Ironie und Spaß. Beim olympischen Segeln ist es nicht anders. Es hat seine ganz speziellen Tücken, wenn ein Kroate, ein Franzose, eine Italienerin, ein US-Amerikaner und ein Burgenländer auf Englisch über fachliche (geht noch so halbwegs) und außerfachliche (nicht mehr ganz so einfach) Sachverhalte diskutieren. Kommen Müdigkeit, Frust oder Wind- und Wellengeräusche dazu, wird das im besten Fall ein interessanter, vereinzelt auch ein brisanter Cocktail. Eine hypothetische Konstruktion? Nein. Alltag. Nicht nur, aber auch im österreichischen Segel-Nationalteam. Der Bundes-Sportförderungsfonds hat darauf reagiert. Unter dem Titel „Kommunikation in multi-kulturellen Teams“ hat er für 2015 finanzielle Mittel – wenig, aber immerhin – für ein Projekt genehmigt, das sich dieser Problematik widmet. Ich halte Sie auf dem Laufenden …









 

Getrennt durch gemeinsame Sprache

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