Wolfgang Mayrhofer

Wolfgang Mayrhofer

Artikel des Autors

Ressort Kreuzpeilung
Rar waren die Anfälle von Saturday Night Fever in jungen Jahren, heute sind sie vollständig verschwunden. Wovor ich noch immer nicht gefeit bin, ist die Begeisterung für Segel-Großereignisse. Derzeit bin ich also America’s-Cup-Aficionado; zwar kein Groupie, das in Valencias Hafen, auf den Zuschauerbooten oder vor den Mannschaftshotels abhängt, aber virtuell live dabei. Die offizielle Webpage des Cups (www.americascup.com) bietet eine gute Basis. Vom Layout zwar nicht mein Fall, da viel zu überladen, liefert sie neben Hintergrundinformationen zu den Teams, der Geschichte des Cups oder den Regeln auch den jeweiligen aktuellen Stand der Dinge und schöne Fotos. Das ist gegenüber dem letzten Cup ein Fortschritt, aber noch nicht wirklich aufregend. Tatsächlich „fiebersteigernd“ finde ich AmericasCupAnywhere (www.americascupanywhere.com). Um knapp 30 Euro erhält man Zugang zu einer 3D-animierten Darstellung des Rennverlaufs, ähnlich einem Computerspiel. Auf Basis von GPS-Daten der Yachten ist es möglich, den Rennverlauf live oder durch Aufruf aus dem Archiv relativ exakt zu verfolgen. Startmanöver, Kreuz- und Vorwindkurse können aus unterschiedlichen Perspektiven und mit verschiedenen Zoomoptionen beobachtet werden. Frei zuschaltbare Anzeigen wie Bootsgeschwindigkeit, VMG oder Windstärke bieten zusätzliche Informationen. Der Aufruf von Rennen aus dem Archiv erlaubt unterschiedliche Abspulgeschwindigkeiten und damit das bequeme Überspringen wenig spannender Sequenzen. Trotz kleiner Schwachpunkte – so macht etwa der fehlende Kompasskurs der Boote taktische Entscheidungen etwas schwer nachvollziehbar, da ein „virtuelles Kielwasser“ relativ zu einem über das Wasser gelegtes Gitternetz die einzige Kursinformation ist – bin ich entzückt über dieses Tool. Retrospektiv lassen sich Rennstrategie, Wendeduelle, Vorwindtaktiken etc. recht gut analysieren. Live ist es durchaus spannend, die Wettfahrten in einem kleinen Fenster am Bildschirm nebenher laufen zu lassen. Das konnte ich letztens während einer Konferenz in Brüssel genießen. In weiser Voraussicht und durchaus schamhaft im letzten Eck hinten sitzend, konnte ich dank Laptop und Wireless LAN eine der ersten Überraschungen des Cups, den Sieg der italienischen Mascalzone Latino über Team New Zealand live verfolgen. Geschickt den Gegner auf der benachteiligten linken Seite des Kurses haltend, schafften es die Italiener lange vorne zu bleiben. Auf dem letzten Vorwindgang dann zwei riskante taktische Manöver von ITA 90, welche die Neuseeländer bis auf ein paar Meter heranbrachten, letztlich aber den Sieg von Mascalzone Latino nicht gefährdeten. Nicht sehr professionell, ich weiß schon (von mir, nicht von ITA 90, nämlich während der Konferenz AC schauen), aber im Fieber weiß man halt nicht ganz genau, was man tut. Sagen Sie also nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt …









 

Virtual Fever

Ressort Kreuzpeilung
Heute ein heikles Thema: Fuß. Keine Angst, es geht nicht um Fetischisten, sondern: Wie sind wir als Segler geerdet oder ‚gebootet’? Eine kleine Typologie fasst langjährige Beobachtungen zusammen.









 

Jenseits der Bloßfüßigen

Ressort Kreuzpeilung
Bei einer Tasse Tee sowie ein paar Linzeraugen genieße ich einen nachweihnachtlichen Abend. Plötzlich durchbricht ein seltsames Piepen, Surren und Pfeifen leise, aber doch deutlich vernehmbar die Stille. Dann rhythmisches Klopfen an der Terrassentür: kurz – lang-kurz – lang-lang-kurz – kurz – kurz-lang-kurz-kurz. Ich muss lächeln: E-N-G-E-L im Morsecode. Ohne zu schauen mache ich die Türe auf – und pralle entsetzt zurück. Das ist ja gar nicht mein gefiederter Freund, das Weihnachtsengerl, sondern ein Furcht erregender StarWars-Abkömmling! Elektronisches Gerät, wohin das Auge blickt, futuristisch gestylte Schutzkleidung und eine dunkle Sonnenbrille. Schon will ich entsetzt die Türe zuknallen, als eine vertraute Stimme ertönt. Tatsächlich schält sich nach und nach der Gefiederte aus seiner High-tech-Hülle, legt seine Gerätschaften ab, schüttelt Lockenhaar und Flügel aus und setzt sich zu mir. Nach ein paar Minuten kann ich meine Neugier nicht mehr zähmen. Ich deute wortlos auf das Equipment. „Das, lieber Freund“, so die Antwort, „ist auch deine Zukunft auf See!“ Auf meinen ratlosen Blick hin erläutert mir das Engerl, dass sich die Himmlischen auf ihren Reisen schon lange nicht mehr auf Führung durch den Heiligen Geist verlassen. „Unsere Erzengel setzen ganz auf die neueste Technologie“, doziert das Engerl und erklärt mir dann lang und breit, was es alles mit sich führt. Nach einer Weile kann ich nicht mehr richtig folgen und meine Gedanken schweifen ab. Vielleicht hat das Engerl ja Recht, denke ich. Was hat der Fahrtensegler nicht schon alles an Bord: GPS, Farbplotter, diverse weitere Bordinstrumente, eigener Laptop mit Navigationsprogrammen, die alle Stücke spielen, GPS-Maus, integriertes Navtex und Logbuch … Und was erst die Zukunft bereit hält: intelligente Textilien, die Infos über Kurs, Untiefen oder Winddrehungen direkt auf die Sonnenbrille liefern, Joystick-Yachten, die komplett vom Zentralcockpit aus zu steuern sind. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als das Engerl ruckartig aufsteht: „Tja, mein Lieber, so schaut’s aus. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten, auch auf See.“ Das Engerl zieht seine Montur über und verschwindet mit Wünschen für ein gesegnetes Jahr 2007 an die p.t. Leserschaft und unter Mitnahme aller Gerätschaften. Ich bleibe nachdenklich sitzen. Ist das die Zukunft? Wird „Segeln pur“ zum Anachronismus? Sehen wir bald vor lauter Monitoren das Wasser nicht mehr? Oder werden wir beim Segeln die Technik als Hilfe nützen, ohne das Wesentliche zu verlieren? Aber was ist das Wesentliche? Kommt es vielleicht zur Gegenbewegung? Ohne wirkliche Antworten sinniere ich weiter, übermittle aber jedenfalls die Engelsbotschaft und wünsche Ihnen – mit oder ohne Technik – immer die obligate Handbreit Wasser unter dem Kiel.









 

Segeln pur?

Ressort Kreuzpeilung
Individuelle Lebensentwürfe sind von faszinierender Unterschiedlichkeit. Bord- und Bargespräche mit hauptberuflichen Kapitänen, Skippern, Maaten und Matrosen beeindrucken mich jedes Mal aufs Neue hinsichtlich Lebensgeschichte und Zielsetzungen. Dabei habe ich mit drei unterschiedlichen Typen häufig Bekanntschaft gemacht: Maritimer Backpacker. Backpacker reisen mit wenig bis gar keinem Geld und einem Rucksack auf möglichst billige Art durch die Welt. Das maritime Pendant macht das als mehr oder weniger erfahrene Deckshand auf Yachten aller Art. Simon etwa, 19 Jahre jung und aus dem Großraum London stammend, war nach dem Schulabschluss mit 16 einige Zeit im öffentlichen Dienst beschäftigt, später arbeitslos. Jetzt stromert er von Schiff zu Schiff, mit nicht mehr als einer Sporttasche im Gepäck. Wochenverdienst ca. 200 Dollar, dazu Kost und Logis, hin und wieder ein Abstecher nach Hause. Ansonsten: Arbeit an Bord, fremde Länder und Häfen, Winter in der Karibik, Partys. Was kommt später? „Let’s see, I am still young!“ Heißes Herz, kühler Kopf. Das Herz schlägt heiß fürs Segeln, dennoch wird das Leben auf See mit kühlem Kopf geplant. Weit entfernt von romantischen Vorstellungen über ewige Freiheit kombiniert dieser Typ auf bestmögliche Weise Passion und Existenzsicherung. So wie Anderl, Salzburger, Mitte 20, nach Kindheitserfahrungen auf dem elterlichen Boot im Mittelmeer und Publizistikstudium heute zertifizierter Yachtmaster Offshore, erster Maat auf einem Traditionssegler und auf der Suche nach einer Skipperstelle. Er rechnet nüchtern: 15 Jahre Arbeit bei einem Monatsverdienst von 4000–7000 Dollar und kaum Ausgaben für Essen und Wohnung ermöglichen eine finanziell relativ unbeschwerte zweite Lebenshälfte. Alles neu mit 40. Krisen in der Mitte des Lebens sind ein Klassiker. In der maritimen Variante führen sie zum radikalen Wechsel vom bürgerlichen Brotberuf zum Leben auf dem Wasser. Dem Abbruch aller Brücken folgt ein von vielen Hoffnungen getragener Neuanfang auf See. JoJo, 42-jähriger Deutscher, hat nach dem Ende einer langjährigen Beziehung Pharma-Job und Wohnung aufgegeben und sich auf einer Oceanis 44 CC im Hafen von Palma niedergelassen. Er verdingt sich als Skipper und ist begeistert: von der Umgebung, den unterschiedlichen Schiffen, der Szene, den Bars rund um die Kathedrale mit viel Essen für wenig Geld. Berufene sind sie allesamt, die See und das Segeln ist ihr Leben. Klar gibt es dunkle Seiten: Wenn der Körper nicht mehr so will, wenn die Partnerschaft belastet ist. Berufungskrisen scheint es trotzdem kaum zu geben – das Leben auf See scheint besser zu sein als alles, was dauerhaft nach Land riecht.









 

Leben auf See

Ressort Kreuzpeilung
Ein Sommer am See birgt so manches Erlebnis in sich. Nachstehend eine kleine Auswahl. * Altbekannt unvermeidlich: Unsere Spur im Stau ist die langsamste, Ampeln sind überwiegend rot und das bissbereite Butterbrot fällt immer mit der bestrichenen Seite auf den Boden. Weit gehend ungeachtet der Gegebenheiten konstruieren wir uns die Welt passend zu unserem subjektiven Erleben. Mein Beitrag dazu aus diesem Sommer: El Ni\u00F1o hat einen pannonischen Ableger, der die Windmuster durcheinander bringt. Woher ich das weiß? Nach 40 Jahren am See schien ich gegen Überraschungen gefeit – Fehlanzeige: von 7 bis 12 Uhr strahlender Sonnenschein und 6–7 Beaufort aus Süd – dann ohne erkennbare Wetteränderung fast übergangslos 5–6 aus Nordwest; an einem Tag mehrfacher Wechsel zwischen Flaute und 5 Windstärken; seltsame Winde in einem schmalen Uferstreifen, die Anzeichen von thermischen Winden haben, aber eigentlich keine sein dürften. Ja, ich weiß, woanders ganz normal, Meteorologen könnten das ganz logisch erklären, aber ich weiß auch: Burgenlands El Ni\u00F1o lebt! * Haben Sie sich auch schon angesichts der LKW-Mengen an einem Sonntagnachmittag über das Wochenendfahrverbot für Brummis gewundert? Mir ging es während der letzten Clubregatta ähnlich. Wir lagen wegen Flaute nördlich des Podersdorfer Schoppens wie angenagelt und ohne Chance auf regelkonforme Fortbewegung. Daher: Alle Zeit der Welt, unsere Umgebung wirken zu lassen. Statt himmlischer, lediglich durch einzelne Möwen oder Fischhupfer angereicherter Ruhe jedoch: fast permanentes Motorengedröhn. Bei Flaute ist jeder Motor im weiten Umkreis zu hören. Und wir hörten viele: Fischer, Ausflugsboot, Fähre, Segelschulbegleitboot, Startschiff 1, Rettungsboot 1, Startschiff 2, Begleitboot 2, Wassertaxi, Feuerwehrboot, Motorrad. Bei Wind gibt es genug Eigengeräusche, ohne Wind ist meditatives Flautenschieben auf dem „motorbootfreien“ See aber nicht (mehr) angesagt. * Arbeit am Boot im laufenden Betrieb nervt – bei Sonnenschein, Flaute und während des Urlaubs ist sie herrlich. Es sollte nichts Gröberes sein, aber ansonsten finde ich es ausgesprochen entspannend, eine unter Druck vielleicht 40 Minuten dauernde Reparatur unter den genannten äußeren Bedingungen über den gesamten Vormittag hinzuziehen. Im Boot sitzen und das Problem gelassen – man hat ja Zeit! – von mehreren Seiten betrachten; verschiedene Varianten andenken und dann – es ist ja heiß! – ein Pause machen; die Angelegenheit – Club ist Club! – mit ein paar Leuten besprechen; in absichtsvoller Absichtslosigkeit – ich bin im Urlaub! – das perfekte Loch, den formvollendeten Spleiß anstreben. Schließlich wie immer – ich bin auch im Urlaub noch ich! – irgendwo zu patzen, so dass das Ergebnis zwar funktional, nicht aber ästhetisch passt – das nenne ich einen gelungenen Urlaubshalbtag.









 

Sommerimpressionen

Ressort Kreuzpeilung
Demut ist gut für die Entwicklung einer reifen Persönlichkeit, sagen uns die spirituellen Meister. In diesem Sinne war der Juni für mich persönlichkeitsbildend. Aber der Reihe nach: 21 Führungskräfte eines großen österreichischen Unternehmens sollten mit ihrem Chef drei Tage auf einem Schiff vor Amsterdam auf der Nordsee verbringen, der Autor dieser Zeilen als Trainer mit dabei. Außergewöhnlich die Wahl des Schiffes: Der Clipper Stad Amsterdam (www.stadamsterdam.nl), gebaut zwischen 1997 und 2000, ist ein 76 Meter langen Rahsegler mit drei Masten und beeindruckenden Daten. Stahlbau mit 4,8 m Tiefgang, 46,5 m Masthöhe, auf 29 Segel verteilte 2.200 m2 Gesamtsegelfläche, 1018 PS Dieselmotor, 723 Bruttoregistertonnen und rund 30 Personen Besatzung. Ein wesentliches Kennzeichen der Stad Amsterdam ist das Bemühen um möglichst authentisches „tall ship feeling“. Abgesehen von Zugeständnissen wie Metallmasten und -rahen, Rettungsbooten, Dieselmotor, Steuerhydraulik sowie modernster Technik in der Steuerkabine schaut es aus wie damals. Stage, Tauwerk, Belegnägel, Holzblöcke – das Schiffshandling ist so, wie man es von bekannten Großschiffen kennt. Das lehrt Demut in mehrfacher Hinsicht. Erstens: Alles braucht seine Zeit und hat seinen eigenen Rhythmus. Beim Durchgehen des Ablaufes mit dem Kapitän habe ich beispielsweise für das Segelsetzen eine Stunde – großzügig, wie ich meinte – einkalkuliert. Mit unterdrücktem Lachen und professioneller Höflichkeit weist mich der Kapitän darauf hin, dass wir rund zweieinhalb Stunden brauchen werden, da wir für jedes Segel aufentern, auf jeder Rah die Zeisinge von den Segeln nehmen, aufschießen und befestigen, dann die Segel setzen und entsprechend anbrassen (= dichtnehmen) müssen. Dazu kommt, dass zwei der Segel mitsamt ihrer jeweiligen Rah, jedes rund 700 kg schwer, nach oben zu hieven sind. Zweitens: Jeder Plan muss, noch mehr als sonst beim Segeln, auf die Gegebenheiten abgestimmt werden. Als wir am letzten Tag rund 20 Seemeilen gegen den Wind in Richtung Ausgangshafen Ijmuiden müssen, zeigt sich, dass wir nach einer Stunde bei 12 Knoten Wind aufgrund des Stromes, der Abdrift und des großen Wendewinkels des Bootes rund 2 Seemeilen nach Lee (!) gutgemacht haben. Drittens: Regattasegler oder Top-Executive sein hilft dir relativ wenig, wenn du 40 m über Deck mit einem Gemisch aus Angst- und Anstrengungsschweiß in leicht überhängender Lage auf das Krähennest kletterst und dich zitternd auf das äußerste Ende der Rah vorschiebst. Wissend, dass ein Fehltritt dich entweder in die Tiefe sausen oder hilflos im Sicherungsgurt baumeln lässt, hoffend, dass weder Gurt noch Stahlseil reißen. Hier zählen körperliche Gewandtheit, Selbstvertrauen, Erfahrung. Fazit: Die See und ihre Schiffe machen einen als große Umverteiler schneller zum Leichtmatrosen als man glaubt ...









 

Leichtmatrose

Ressort Kreuzpeilung
Würden Sie gerne ganz von vorne beginnen? Ich nicht. Klar, die Verabschiedung von zwickender Achillessehne hier und herausspringender Bandscheibe dort, das Tauschen des Gössermuskels gegen einen wenigstens in der Erinnerung ultraharten Sixpack-Bauch hat Verlockendes. Aber sonst bin ich froh über das, was ich im Segeln hinter mir gelassen habe – nicht zuletzt deswegen, weil ich den heutigen Anforderungen kaum genügen würde. Segeln hat sich zum Ganzjahressport entwickelt. Auf höchster Ebene Wettsegeln heißt heute – warum sollte es anders sein als in anderen Sportarten – Ganzjahressegeln. Auch für den Nachwuchs. Wintertraining, Ostertraining, seglerische Einheiten unter der Woche. Um nicht im falsch Eck zu landen: Gut so, in den meisten anderen Disziplinen ist es nicht anders. Und: Wenn man die jungen Seglerinnen und Segler mit ihren schwimmenden oder Tennis spielenden Altersgenossen vergleicht, bleibt immer noch etwas aufzuholen. Ich persönlich aber habe Zweifel, ob ich aus einem solchen Holz geschnitzt gewesen wäre. Eine hypothetische Frage, natürlich, aber trotzdem: Zu meinen ganz lebendigen, frühesten Segelerinnerungen gehören die Zeiten des Nicht-Segelns. Seltsam verschämt, aber doch aus tiefem Herzen war ich froh, auch Auszeiten zu haben – und zwar nicht nach einem nach heutigen Maßstäben voll durchgeplanten Trainings- und Regattajahr. Beispiel 1: Bei der damals noch als Teamwettbewerb ausgetragenen Opti-WM 1967 war ich Ersatzmann und buchstäblich das fünfte Rad am Wagen. Wie heute weiß ich noch um mein Zusammenzucken und meine Enttäuschung ob des Verlusts eines freien Tages im Juli (!), als ich kurzfristig für einen erkrankten Teamkollegen einspringen musste. Klar, ich war erst neun, aber trotzdem. Beispiel 2: Bis weit in meine Teenagerjahre hinein habe ich es sehr genossen, nach einem Monat Sommerferien mit täglichem Segelpensum den Neusiedler See mit meiner Kärntner Heimat zu tauschen, um bei den Großeltern den ganzen August (!) die Wälder unsicher zu machen und den Wörther See im Pörtschacher Strandbad lediglich als große Badewanne zu nutzen. Mein Fazit: Hut ab vor denen, die schon in jungen Jahren rund um die Uhr segeln und die Freude daran nicht verlieren, sondern sogar steigern können; nachdenklicher Blick nach innen – habe ich schon früh nach einer für mich passenden „Work-Life-Balance“ gestrebt oder fehlte einfach das Feuer? Zum Glück muss ich, siehe oben, nicht von vorne beginnen…









 

Ich bekenne

Ressort Kreuzpeilung
Der Anlass war unbedeutend, die Folgen verheerend. Rechtzeitig vor Weihnachten wurden in dieser Zeitschrift ausgewählte österreichische Segel-Promis zwar nicht nach dessen Sinn, aber immerhin nach seiner ökonomischen Komponente gefragt, sprich: Was schenkst du? Mein konsumkritisch-hochmütiger Überblätterimpuls wurde von voyeuristischer Neugier besiegt und so erfuhr ich dies und das. Schließlich stolperte ich über H. P. Steinachers Geschenk an seinen Sohn (ja, ja, zum Glück gibt es dafür Söhne …) – eine Regattasimulation am PC – und es war um mich geschehen: „Erleben Sie … aufregende Regatten … vier verschiedene Boote … berühmteste und beliebteste Segelreviere der Welt … realistischer 3D-Engine … verschiedene Blickwinkel …“ – ja, jaaa, jaaaaaa! Ein fast lupenreiner Spontankauf über Internet war binnen weniger Minuten erledigt. Fast spontan: Immerhin liebäugle ich, speziell fasziniert von der Variante mit Mini-Pinne als Joystick-Ersatz, seit Jahr und Tag mit so einem Zeitvertreib. Aber jetzt: Nach einigen Tagen trudelte das Spiel per Post ein, die Installation war relativ schnell erledigt und los ging’s. Zunächst Wahlentscheidungen: America’s Cupper, Melges 24, Offshore Racer oder Trimaran Open 60? Sonnig, Regen, Tag, Nacht? Fleet oder Match Race? San Francisco, Porto Cervo, Auckland oder Sydney? Vier, fünf, sechs oder sieben Windstärken? Anfänger, Normal, Fortgeschritten oder Profi? Der Mantel des Schweigens sei über die eher unbeholfenen ersten Schritte im Trainingsmodus gehüllt. Kaum zu schaffen, in einer vorgegebenen Zeit mit schlichter Links-rechts-Tastensteuerung einen bestimmten Kurs einfach abzusegeln. Wenden wie Halsen arteten in wilde, jedem Opti-Anfänger-Kurs zur Ehre gereichende Schlenkerbewegungen aus. Aber – Triumph! – die Manöver wurden besser, die Selbstsicherheit wuchs. Auf in die erste Regatta: Sonnenschein, 6 Windstärken, America’s Cupper, 5 weitere Teilnehmer. Den Start versch…enkt, dann auf der Kreuz ganz gut dabei, auf der Vorwind mit Spinnaker alles wieder verloren, Extremschlag auf der zweiten Kreuz, Anschluss gefunden, die zweite Vorwind dann völlig verschlafen – das gibt’s doch gar nicht: wie im richtigen Leben! Also, zweiter Versuch, gleiche Konstellation, schon ein wenig besser, bereits Dritter im Ziel. Nach einigen Regatten schreckt wildes Geheul meine Familie auf – Sieg, Sieg, Siiiiieg!!!! Heute bin ich routinierter, wenngleich vereinsamter Player. Sicher navigiere ich meine – meine! – Boote über den Parcours, bin über den automatischen Anfängermodus weit hinaus und bestimme selbst die Segelstellung, wechsle blitzschnell von der Vogelperspektive über die Bordkamera zur Totale von schräg vorne und weiß über Wendewinkel, Target Speed und Velocity Made Good meiner – meiner! – Boote Bescheid. Allerdings: Die beste Ehefrau von allen kenne ich kaum mehr, unsere jüngste Tochter Katharina hat sich nach anfänglicher Begeisterung für die Rolle als Spinnakercrew ebenfalls abgewandt. Sollten Sie mich heuer nicht auf dem Wasser treffen – ich bin im Internet-Multiplayer-Modus. Sie bestimmen Ort und Bootsklasse, ich Wind und Wetter – okay?









 

König der Tasten

Ressort Kreuzpeilung
Noch erschöpft vom Slalom zur Vermeidung vorweihnachtlicher Punschstände nippe ich im Wohnzimmer an einem heißen Tee, als mich leises Geklirre am Fenster irritiert. Ein rascher Blick zeigt schwache Umrisse einer Gestalt, die mich an einen Admiral erinnert. Ich zwinkere, aber kein Zweifel: Die Gestalt bleibt und scheint mir sogar auffordernd zu winken. Sollte das etwa …? Sofort eile ich zum Fenster, öffne – und herein bewegt sich, auffallend würdig, mein gefiederter Freund, das Weihnachtsengerl. In bester k. u. k. Kriegsmarinetradition mit allen Insignien eines Admirals ausgestattet steht das Engerl da. Meinen fragenden Blick beantwortet es gerne: „Na, da ihr ja laut Dezember-Rangliste der ISAF die fünftbeste Segelnation der Welt seid, übrigens: Chapeau dafür“ – das Engerl verbeugt sich und lüftet leicht die Admiralskopfbedeckung – „habe ich mir gedacht, ich komme bei dir ohne entsprechende Aufmachung gar nicht mehr beim Fenster herein.“ Ich bin noch immer sprachlos, im Gegensatz zum Engerl: „Ihr habt ja eine umfassende maritime Vergangenheit!“ Republikanische Reflexe und Grant auf die den Zerfall Altösterreichs fördernden Habsburger machen die österreichische Militärgeschichte vor der Ersten Republik zu einem meiner blinden Flecken. Das Engerl scheint das zu ahnen und lächelt leicht. „Du weißt ja sicher um die große Rolle der österreichischen Handelsflotte schon im frühen 18. Jahrhundert und die Bedeutung des Österreichischen Lloyd, der als bedeutende Reederei beispielsweise im 19. Jahrhundert regelmäßig bis nach Hongkong und Singapur fuhr.“ Das Engerl wurde ein wenig ernster. „Und eure Kriegsmarine erst. Klein angefangen, zum Schutz gegen Adria- und Mittelmeerpiraten, aber dann durchaus oho. Ich sage nur: griechischer Freiheitskampf um 1820, Marokko und Syrien in der ersten, Frankreich, deutsch-dänischer Krieg in der zweiten Hälfte des 19., Boxer-Aufstand in China zum Beginn des 20. Jahrhunderts, vom Ersten Weltkrieg ganz zu schweigen – Respekt, wenn man das in diesem Zusammenhang aus der Sicht eines Himmlischen überhaupt sagen kann“, schloss der Gefiederte. „Und Admiräle wie Tegetthoff, Montecuccoli oder Haus – tja, wer hat, der hat. Und, wie die neuen Resultate zeigen, hat offensichtlich noch immer.“ Plötzlich verschwammen mir die Bilder, ich sah Roman Hagara und Hans Peter Steinacher mit Bordkanone statt Spinnakertrompete am Tornado flitzen, Andreas Geritzer in Admiralsuniform statt Taucherhaut am Laser hängen, unser k. u. k. Schlachtschiff Viribus Unitis durch den Schlamm des Neusiedler Sees pflügen – und dann wachte ich auf. Hatte ich nur geträumt? Aber da lag neben mir ein Zetterl am Tisch: „Richte deiner p. t. Leserschaft die besten Wünsche für 2006 und eine obligate Handbreit Wasser unter dem Kiel aus. W. E.“ Was ich hiermit tue, wie immer gerne, aber diesmal leicht verwundert …









 

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