Blinde Passagiere

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
5 min
Artikelbild
  1. home
  2. Erlebnisse
  3. Kommentar

Na, Bumsti! Von seeschwachen Adleraugen, hartnäckigen Zickzackkursen, falschen Feuer­sirenen und heimtückischen ­Maskottchen

Erich ist Steirer, erfahrener Skipper, doch seit ein paar Jahren ein bisserl sehschwach. „Seeschwach mit ­zweimal e“,pflegt Lieblingsneffe Hans zu spotten, wenn der Onkel am Ruder wieder einmal ein Plauderstündchen und dadurch hartnäckig seinen Zickzackkurs hält.

Sein Meisterstück lieferte Erich in Marciano Marina auf Elba ab, nachdem er wieder einmal alle fünf Brillen irgendwo verlegt, versenkt oder zerbrochen hatte: Forsch schreitet er über die Passarella: „Hans Heckleinen, Franziska Fender, Martin Muring!“ Erich liebt es, jedem Kommando einen Namen mit demselben Anfangsbuchstaben zuzuordnen. Entschlossen wie gewohnt erscheint er am Ruder. Doch sein unscharfer Bewegungsmelder registriert erstaunt, dass sich keiner der drei rührt. „Ist das eine Meuterei, oder was?“

Nach kurzer Pause antwortet einer: „Nee, keene Meuterei. Datt is’ nich’ deen Schiff!“ Nachsatz des Hamburgers: „Nen blinden Passagier hatten wir schon mal. Nen blinden Skipper nich’!“ Mit einem kaum hörbaren „Tschuidigung“ schleicht Erich von Bord und wird nach zehn Metern von seiner abfahrtsbereiten Crew empfangen, die sich halb totlacht.

Auch Hans ist nicht unbedingt das Adlerauge unter den Skippern. Frühmorgens in Madalena auf Sardinien. Der Onkel hat dem Neffen die Gundel Gaukelei erstmals für einen eigenen Törn geborgt. Plötzlich ein Kreischen, das noch auf Korsika jenseits der Straße von Bonifacio für einen Feueralarm gehalten wird. Franziska hat eine tote Maus entdeckt und kniet bibbernd auf dem Salontisch. Hans, der Unerschrockene, schreitet mit Nylonsackerl und Küchenrolle zur Tat. Keiner weiß, wie weit fortgeschritten der Verwesungsprozess ist. „Es riecht komisch“, stellt Martin fest. Als Zeugnis seiner Heldentat trägt Hans den Kadaver in der nach vorn gestreckten linken Hand die lange Promenade entlang zur Mülltonne.

Zurück auf dem Schiff desinfizieren alle ihre Hände. Franziska sogar die Füße. Sie kann auf diesem Törn nicht mehr richtig schlafen. Beim letzten Anlegen ist sie so müde, dass sie das Kommando „Abfendern“ falsch auslegt und alle Fender wegräumt. Der kleine Kratzer am Rumpf ist aber nicht das große Problem: Beim nächsten Törn durchsucht Onkel Erich wie ein Besessener sein Schiff. Fluchend zwängt er sich in die finstersten Winkel, bleibt kurz kopfüber in der Bilge stecken, wühlt selbst im Gepäck der anderen.

„No, Onki! Suchst du Franziskas Unterwäsche?“, scherzt Hans. „Nein, mein Maskottchen“, brüllt Erich zutiefst verzweifelt. „Uijegerl! War’s ein rosa Elefant?“, fragt der Neffe mitleidig. Fast alle lachen. Nur Erich wimmert: „Nein, Idiot! Bumsti ist meine kleine, graue Plüsch-Maus!“ Hans und Franziska erstarren. Ihr Geständnis führt dazu, dass Erich die Gundel Gaukelei nie wieder aus der Hand gibt. Der Neffe heißt seither „Bumsti-Killer“.

Ein Jahr später, wieder Sardinien. Nach „una piccola buona notte birra“, wie er zu sagen pflegt, lässt er sich müde in seine Koje fallen. Erneut empfängt man in Korsika ein lautes Kreischen. Schon wieder ein Großbrand? „Was machst du in meiner Kabine?“, brüllt der ebenso geschockte Erich. Die junge Italienerin, auf der er gelandet ist, versteht weder ihn noch die Welt: „Chi, cosa, perché?“, stammelt sie. Darauf Erich: „Who you? Why you? What you make?“ Fluchtartig, nur in Unterwäsche und nachhaltig traumatisiert stolpert die blinde Passagierin vom Schiff.

Kopfschüttelnd tapst Erich, natürlich ohne Brille, mehrmals neben den Lichtschalter. Mithilfe der Kopflampe stellt er fest: Es ist nicht seine Kabine. Es ist nicht einmal sein Schiff. Er hat seine 107 Kilo auf einer wildfremden Frau abgelegt und jene aus ihrem eigenen Schiff vertrieben.

Wenig später erntet Erich auf dem richtigen Schiff erneut einen Lachkrampf. Nach seiner genuschelten Rechtfertigung gleich noch einen zweiten: „Baugleiche Boote gehören verboten!“

Blinde Passagiere | Yachtrevue