Das Ende der Freiheit

Auch in der Blauwasser-Szene ist nichts mehr, wie es war. Verena Diethelm und Judith Duller-Mayrhofer haben österreichische Langfahrt-Segler in aller Welt gefragt, wie sie den Ausbruch der Corona-Pandemie erlebt haben und in welcher Lage sie sicher derzeit befinden

Das Ende der Freiheit

Französisch Polynesien: Gefangen im Paradies

Unter Segel um die Welt. Nach diesem Prinzip leben die Seenomaden seit über 30 Jahren. Rund 140.000 Seemeilen liegen in ihrem Kielwasser, zwei Mal haben sie den Globus umrundet, Kap Hoorn sowie die Nordwestpassage gemeistert und 2012 ihre dritte große Reise gestartet. 2020 wollte das Paar mit seiner Nomad, einer Sonate Ovni 41, das Traumrevier der Südsee befahren – und landete statt dessen in der Geiselhaft der Corona-Krise. „Wir sind im Februar von San Diego, Kalifornien, nach Französisch Polynesien gesegelt und anschließend entspannt durch die Inselgruppe der Marquesas gebummelt“, erinnert sich Wolfgang Slanec, „das Thema COVID-19 blitzte nur am Rande auf, Internet war rar, die Lage in Europa für uns nicht einschätzbar.“

Am 11. März wurde die erste Corona-Infektion in Französisch Polynesien festgestellt – eine Lokalpolitikerin hatte das Virus aus Frankreich nach Tahiti eingeschleppt. „Zu diesem Zeitpunkt lagen wir vor Atuona, dem Hauptort der Insel Hiva Oa“, erzählt Doris Renoldner, „wir haben gespürt, dass sich die Lage zuspitzen wird, und wollten uns in einem unbewohnten Atoll in den Tuamotus verstecken.“ Dafür hätte es umfassende Vorbereitungen gebraucht, wie Lebensmittel kaufen oder Gasflaschen und Wassertanks füllen. Doch alles dauerte länger als erwartet – und dann wurde auch noch der Diesel rationiert. Pro Boot und Tag gab es nur mehr 20 Liter; den Seenomaden lief die Zeit davon.

Am 19. März forderte der Bürgermeister von Atuona bei einem eilig einberufenen Treffen die internationale Seglergemeinde auf, die Insel sofort per Flugzeug zu verlassen. Das hätte bedeutet, dass die rund 25 hier vor Anker liegenden Yachten völlig unbeaufsichtigt geblieben wären. Doch Atuona ist kein sicherer Hafen, Südschwell und Dünung stehen ungehindert in die kleine Bucht. Entsprechend hitzig verliefen die Diskussionen. Als Folge erließen die lo­kalen Behörden am nächsten Tag einen neuen Bescheid: Die Segler dürfen, sofern sie sich offiziell registrieren, auf ihren Yachten bleiben, diese aber nicht verlassen. Zusätzlich zur Bord-Quarantäne wurde ab 21. März ein Fahrverbot für ganz Fran­zösisch Polynesien verhängt. Auch alle
Flüge nach Tahiti sind seither eingestellt, Destinationen in Europa damit unerreichbar geworden. „Plötzlich ging alles ganz schnell und unser Entscheidungsspielraum schrumpfte auf null“, schüttelt Slanec den Kopf, „wir wurden von dieser Entwicklung regelrecht überrumpelt.“

Arrest auf einer Yacht vor einer Südsee-Insel, das mag romantisch klingen. Ist es aber nicht: „De facto befanden wir uns in einer sieben Quadratmeter großen Gefängniszelle“, beschreibt es Renoldner, „in der Kajüte hatte es tagsüber stickige 35 Grad und wir durften auch zum Einkaufen nicht an Land.“ Benötigte Lebensmittel wurden über E-Mail oder WhatsApp bestellt, die Segler holten sie per Dingi am Steg ab, luden bei dieser Gelegenheit den Müll ab und füllten ihre Wasserkanister auf. Mehr Kontakt nach außen gab es nicht. „Wir waren zwar am Wasser, aber weiter von der großen Freiheit entfernt als je zuvor“, bringt es Slanec auf den Punkt.

Am 20. April wurden die behördlichen Vorgaben gelockert, seither dürfen sich die Segler wieder frei auf Hiva Oa bewegen, nur von 20.00 bis 5.00 Uhr herrscht ein Ausgangsverbot. Aber: Im Moment sind alle kleinen Inselstaaten im Pazfik sowie Neuseeland dicht und man lässt Touristen nicht ins Land. Deshalb erwägen die Seenomaden, Französisch Polynesien zu verlassen. Wolf Slanec hat eine Tochter, die in Toronto lebt, aus diesem Grund ­dürften er und seine Frau in Kanada einreisen. Der 4.500 Seemeilen lange Törn nach Vancouver Island wäre aber alles andere als einfach: „Auf dieser Strecke würden uns sehr schwierige ­Bedingungen erwarten“, weiß Doris Renoldner. Zudem geht das Gerücht um, dass eine weitere Erleichterung bevorsteht und das Segeln zwischen den Inseln Französisch Polynesiens bald wieder erlaubt ist. „Ende April entscheiden wir, ob wir bleiben oder gehen“, sagt Slanec.

Im Hafen von Atuona steht eine weitere Ovni unter österreichischer Flagge – aller­dings an Land. Sie gehört den Nieder­österreichern Brigitte und Ferry Windbichler, die im Herbst 2016 von der Adria aus zu einer Weltumsegelung aufgebrochen waren. Sie hatten ihre Alrisha hier zu Jahresbeginn gekrant, um nötige Servicearbeiten durchführen zu können, und waren dann für einen von langer Hand geplanten Zwischenaufenthalt nach Hause geflogen. ­Anfang März kehrten sie nach Französisch ­Polynesien zurück. Um einreisen zu dürfen, mussten beide ein aktuelles Gesundheitszeugnis vorweisen (das sie sich vorausschauenderweise bei ihrer Hausärztin besorgt hatten), zudem wurde vor Ort ihre Temperatur gemessen.
Der Standplatz in der Werft ist Fluch und Segen zugleich.

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