Überstellung zum Anpinkeln

Wunschpassagiere. Für einen guten Skipper ist Vergesslichkeit genauso wichtig wie ein festes Nervenkostüm und ein Übermaß an Humor

Überstellung zum Anpinkeln

Gerhard – Urgestein des Austrian Offshore Yacht Club – ist mit 1.400 Menschen gesegelt. Verblüffende Bilanz: „Mit einem von zweihundert würd‘ ich nie wieder auf ein Boot gehen.“ Das sind sieben von 1.400. Bei mir sind es auch sieben – aber von 140! Mir reicht es schon, wenn einer den letzten Vanillepudding verdrückt, der eindeutig für den Skipper bestimmt war. Bei Gerhard müsste einer das Schlauchboot auffressen, um in Ungnade zu fallen. Daraus schließe ich voll Demut: Gerhard ist zehn Mal so tolerant wie ich. „Was auf dem Schiff passiert, bleibt auf dem Schiff“, sagt er und schützt sogar seine sieben Aussätzigen. Andere halten es zum Glück so wie ich und sind nicht ganz so verschwiegen. Ein Beispiel: Überstellung Mallorca–Reggio di Calabria. Wolfgang ist für einen kranken Skipper eingesprungen. Die ihm unbekannte Crew berichtet stolz: „Einkauf erledigt!“ Vertrauen gut, Kontrolle besser: Drei Flaschen Wasser, ein halber Laib Brot und ein zartes Fenchel-Pflänzchen zieren die Pantry. Der fassungslose Skipper rüstet heimlich nach. „Wir sind strenge Antialkoholiker“, protestiert einer. Die Prohibition hält nicht lang, denn in der ersten Nacht kugelt eine junge Dame johlend im Salon herum. Ihre Vorräte bleiben unentdeckt.

Gewitter. „Diese Schwimmwesten ziehen wir nicht an“, sagt Susi entschlossen. „Damit schauen wir doof aus.“ Der Skipper verkneift sich die Bemerkung, dass dies mit den Rettungswesten nichts zu tun habe. Susis Lover Detlef, angeblich Segellehrer, übernimmt genau auf halber Strecke zwischen Mallorca und Sardinien ungefragt das Kommando: „Sofort umkehren! Sicheren Hafen ansteuern!“ Wolfgang veredelt Saft mit Rum und setzt die Meuterer in ihrer Kabine fest. Die nächsten Schritte wären Kabelbinder und Klebeband. Beim Zwischenstopp in der Cala Pira auf Sardinien mucken die beiden erneut auf: „Sauerei, dass 180 Meilen im Atlas nur drei Zentimeter sind!“

Wolfgang verhängt Badeverbot. Um 5 Uhr früh planscht Susi splitternackt in der Bucht. Sekunden später panisches Gebrüll. Feuerqualle hat rechten Arm erwischt. Skipper zaubert perfekte Salbe aus der Apo-Box. Die esoterisch-alternative Hobby-Astrologin wehrt sich heldenhaft: „Nein! Nicht mit chemischem Gift! Detlef soll mich anpinkeln!“

Der Grat zwischen Heulen aus Verzweiflung und Brüllen vor Lachen ist für den gemeinen Skipper oft schmal. Die Pinklerei findet bald ein Ende – vielleicht wegen des Wassermangels. Postwendend ist das Gift hoch modern. Kurz vor den Liparischen Inseln erkennt Wolfgang im Halbschlaf, dass die Sonne auf der falschen Seite steht. Entwaffnende Antwort von Rudergänger Detlef. „Ich will auch mal Vorwind Segeln!“ Trotzig wie ein Kind wehrt er sich eine Weile gegen die Kursänderung.

In der Cala de Zimmari auf Panarea lässt Detlef sein Surfbrett zu Wasser. Wie ein Profi rast er dahin. Vorwind. Bis er am Strand detoniert. Aufkreuzen ist seine Kernkompetenz nicht. Er schleppt das Brett zu Fuß zurück zum Start. Die anfangs erwähnte, zufällig nüchterne Mitseglerin meint im doppelten Sinne trocken: „Schau, Detlef läuft Höhe!“

Mit deutlich weißeren Haaren und zittrigen Händen rodet der Skipper im Waschraum von Reggio seinen Sechstagesbart. Er ist besorgt ob seiner gefüllten Tränensäcke und entdeckt Falten, die in Mallorca noch nicht da waren. Gleichzeitig bietet er seinem erbärmlichen Spiegelbild neue Hobbys an: Lokführer bei der Liliputbahn, Skeleton-Profi, Hüttenwirt auf 4.000 Meter Höhe, Apnoe-Taucher…

Schon am nächsten Tag führt er den Zustand seiner Augen auf die Tränen zurück, die er zum Lachen braucht. Folgerichtig erklärt er seine Falten zu Lachfalten. Er setzt Susi und Detlef auf die schwarze Liste und freut sich auf seine nächste Crew mit vollem Kühlschrank, ausreichend Trinkwasser und unauffälligem Harndrang. Echte Skipper sind sehr vergesslich.

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