Unerwarteter Ritterschlag

Dem Wiener Thomas Müller-Uri wurde vor Cádiz nicht nur die Möglichkeit geboten, auf einem foilenden Sail-GP-Kat zu segeln, er durfte sogar von Ben Ainslie das Steuer übernehmen

Unerwarteter Ritterschlag

Wenn du im Post-Eingang liest, dass du ein paar Millionen Dollar gewonnen, geerbt oder geschenkt bekommen hast, dann lächelst du müde, markierst die Nachricht als Junk und löschst sie.

So ähnlich reagierte Thomas Müller-Uri, als er per Mail darüber verständigt wurde, dass er bei einer Verlosung den Hauptpreis gezogen habe und als Gast am SailGP-Tourstop in Spanien teilnehmen könne. „Nachdem ich nie bei einem Gewinnspiel mitgemacht habe, nahm ich diese Nachricht nicht ernst“; erinnert sich der 46-Jährige, „aber dann kam ein Anruf aus England und eine sehr freundliche Dame wollte wissen, ob sie für mich einen Erste-Klasse-Flug nach Cádiz buchen dürfe.“ Der Pharmazeut, der in Wien Alsergrund die Vindobona-Apotheke führt, hatte nämlich für einen gemeinnützigen, international tätigen Verein gespendet und tatsächlich den oben erwähnten Hauptpreis gewonnen, der unter sämtlichen großzügigen Gebern ausgelost worden war. Kein müdes Lächeln also, sondern ein glückliches Grinsen von einem Ohr zum anderen. Denn als erfahrener und umtriebiger Segler wusste Müller-Uri, der derzeit vor allem auf Finn, Lago26 und J/70 aktiv ist, ganz genau, was der SailGP ist: Eine spektakuläre Rennserie auf foilenden, 50 Fuß langen Highspeed-Kats, erfunden von Larry Ellison und Russell Coutts, die seit 2019 an attraktiven, publikumsfreundlichen Spots ausgetragen wird; Formel 1 am Wasser quasi und damit eine Szene, zu der man als Normalo kaum Zutritt hat. Doch Müller-Uri durfte in Cádiz nicht nur SailGP-Luft schnuppern und einen Blick hinter die Kulissen werfen, sondern mit dem britischen Team tatsächlich segeln gehen – Jackpot!

Probe für den Ernstfall

Ehe es soweit war, galt es aber ein Sicherheitstraining zu absolvieren. „Seit dem tödlichen Unfall von Andrew Simpson wird dieses Thema sehr ernst genommen“, weiß Müller-Uri, „wer seinen Fuß auf den Kat setzen will, muss sich sowohl theoretisch als auch praktisch darauf vorbereiten.“ Der Brite Simpson, der Teil der Segelcrew des AC-Herausforderers Artemis gewesen war, ertrank 2013 in der Bucht von San Francisco, weil er nach einer Kenterung unter dem AC72-Kat eingeklemmt gewesen war und sich nicht befreien konnte.

Geleitet wurde das Safety-Praktikum in Cádiz von Nathan, einst Mitglied der Eliteeinheit Navy SEALs, deren Training als das härteste der Welt gilt. „Der Kerl hatte gute hundert Kilo reine Muskelmasse“, beschreibt Müller-Uri seinen Lehrmeister anschaulich. Geübt wurde vor allem, was zu tun ist, wenn man, warum auch immer, unter dem Kat zu liegen kommt. „Du trägst an Bord eine Art Klettergurt und bist verpflichtend die ganze Zeit eingepickt“, erzählt Müller-Uri, „zur Ausrüstung zählen neben der Prallschutzweste Messer, Gurtschneider und eine Pressluft-Flasche, deren Inhalt für drei Minuten reicht.“ Zunächst wird das richtige Verhalten – „Eine bestimmte Körperhaltung einnehmen, ruhig über den Regulator atmen, auspicken“ – an Land durchgespielt, dann geht es ins Wasser. Allerdings völlig unvermittelt. „Nathan hat mich einfach ins Hafenbecken geschubst, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo ich überhaupt nicht damit gerechnet habe. Dann wurde ich von ihm unter Wasser gedrückt und dort festgehalten“, schildert Müller-Uri das einigermaßen brachiale Prozedere, „da zeigt sich, ob du das theoretisch Gelernte unter Stress umsetzen kannst.“ Müller-Uri konnte (so wie übrigens auch Herzogin Kate oder Mika Häkkinen) und wurde daher für die Segel-Einheit zugelassen. „Davor gab es eine Führung mit Hannah Mills. Sie gehört zum Segelteam, hat uns eineinhalb Stunden lang alles am Schiff gezeigt, jede Schraube erklärt und geduldig jede Frage beantwortet“, erzählt Müller-Uri. Und: „Mit einer Silber- und zwei Goldmedaillen ist Mills die erfolgreichste Seglerin bei Olympia“, weiß er, „sie hat aber keinerlei Starallüren, sondern ein unglaublich gewinnendes, offenes Wesen und eine beeindruckende positive Ausstrahlung.“

Supernetter Superstar

Beeindruckend wäre auch der Aufwand gewesen, den es braucht, um das Rigg per Kran zu stellen und den Kat zu Wasser zu lassen, so der Wiener weiter. An Bord wurde er von Ben Ainslie, America’s-Cup-Sieger 2013 und Steuermann im britischen SailGP-Team, in Empfang genommen und begrüßt.

Weitere Artikel aus diesem Ressort

Ressort News

Hinein ins Vergnügen!

Foilen liegt voll im Trend. Wir waren im Sportcamp Raudaschl am Wolfgangsee und haben nachgefragt, welche ...

Ressort News

Klein, aber oho

An einem Elektroaußenborder kommt auf heimischen Seen kein Segler, Angler oder Freizeitkapitän vorbei. Wir ...

Ressort News

Aus einem Holz, an einem Strang

Das Großhandelsunternehmen Allroundmarin feiert heuer sein 50-jähriges Bestandsjubiläum. Judith ...

Ressort News
PDF-Download

Mies beisammen

Wer seekrank ist, verliert den Spaß am Segeln und fällt an Bord als Crewmitglied aus. Umso wichtiger ist ...

Ressort News

Volle Ladung

Mit steigendem Wohnkomfort nimmt auch der Strombedarf an Bord zu. Der Umstieg auf Lithium-Akkus schafft ...

Ressort News

Friede, Freude, Eierkuchen

Wer seine Sprösslinge für das Segeln begeistern möchte, sollte sie behutsam in die Materie einführen und ...