Himmel und Hölle

The Ocean Race. Das im Zwischenklassement führende US-Team 11th Hour konnte nach einer unverschuldeten Kollision nicht zur letzten Etappe antreten und wurde nach Antrag auf Wiedergutmachung per Jury-Entscheid zum Sieger gekürt. Von Judith Duller-Mayrhofer

Himmel und Hölle

Vibrierende Spannung lag nicht gerade in der Luft, als sich die IMOCA-Flotte vor Den Haag sammelte, um das siebente und letzte Teilstück nach Genua in Angriff zu nehmen. Das US-Team 11th Hour Racing, das aufgrund der langen Vorbereitungszeit und seiner speziell fürs TOR designten Yacht nicht umsonst im Vorfeld als Favorit gehandelt wurde, lag in der Zwischenwertung relativ klar in Führung. Die Crew um Skipper Charlie Enright hatte sowohl die windreiche Atlantik-Etappe Newport–Aarhus, bei der diverse Geschwindigkeitsrekorde geknackt wurden, als auch den darauf folgenden Sprint nach Den Haag gewonnen, der nächste Konkurrent Holcim-PRB wies einen Rückstand von zwei Punkten auf. Rein rechnerisch gab es für die unter Schweizer Flagge segelnde Mannschaft zwar noch eine Chance auf den Gesamtsieg, an ein Zustandekommen der dafür nötigen Konstellation (drei Plätze zwischen Holcim-PRB und 11th Hour) glaubte aber niemand. Die Sache schien gegessen zu sein.

Doch dann kam es auf dem Kreuzkurs kurz nach dem Start zu einem fatalen Zwischenfall: Der Underdog Team Guyot übersah den klar mit Wegerecht kommenden Konkurrenten 11th Hour Racing, schoss die Yacht mit voller Geschwindigkeit breitseits ab und bohrte seinen Bugspriet tief in deren Flanke. Dass dabei niemand verletzt wurde, grenzt an ein Wunder, die Schäden an beiden Yachten waren aber enorm. Guyot-Skipper Ben Dutreux, der am Steuer gestanden war, sprach später von einem ebenso unerklärlichen wie unverzeihlichen Fehler und nahm sofort alle Schuld auf sich. Sein Team, das in der Tabelle ohnehin weit abgeschlagen an letzter Stelle lag, wurde von der Jury noch am Wasser mit einer Black Flag abgestraft und damit zur Aufgabe gezwungen.

In einer gänzlich anderen Lage befand sich 11th Hour. Nachdem der erste Schock verdaut war und rasch klar wurde, dass an eine Fortsetzung des Rennens nicht zu denken sei, gab das US-Team die Etappe ebenfalls auf und stellte, wie es im Regattasport bei so einem Fall üblich ist, einen Antrag auf Wiedergutmachung. Sämtliche in diesem Zusammenhang sofort angestellten Rechenspiele kamen zu dem Ergebnis, dass 11th Hour bei positiver Behandlung des Antrags zum Sieger gekürt werden müsste. Die tatsächliche Entscheidung, so gab es die Regattaleitung nach einer Nachdenkpause von einigen Tagen bekannt, würde die Jury aber erst am 29. Juni und damit nach Ankunft der gesamten IMOCA-Flotte in Genua fällen.

Die im Rennen verbliebenen drei Teilnehmer quälten sich einstweilen bei Leichtwind durch den Englischen Kanal sowie die Biskaya und sorgten erneut für Schlagzeilen der speziellen Art, als vor Gibraltar zwei Yachten von Killerwalen attackiert wurden; die Angriffe blieben aber glücklicherweise ohne Folgen. In der Schlussphase des Rennens schob sich das Trio noch einmal ganz nah zusammen, ehe schließlich am frühen Nachmittag des 27. Juni Team Malizia als Erstes über die Linie ging. Das junge Team rund um den deutschen Skipper Boris Herrmann, das im Laufe der vergangenen Monate sehr fair und sympathisch rübergekommen war, durfte sich nicht nur über den zweiten Sieg bei dieser Regatta freuen, sondern setzte auch andere bemerkenswerte Wegpunkte. So war die Niederländerin Rosalin Kuiper das einzige weibliche Crew-Mitglied der gesamten Flotte, das alle Etappen bestritten hatte, und der 26-jährige Will Harris, dem für zwei Teilstücke das Kommando übertragen worden war, der jüngste Skipper im Feld.

Hinter Malizia reihten sich Biotherm und Holcim-PRB ein – und dann hob das große Warten auf den Entscheid der internationalen Jury an. Am Tag vor deren Zusammenkunft reichte Holcim-PRB, ein Team, das am Start-Crash völlig unbeteiligt gewesen war, auch noch einen Protest gegen 11th Hour ein, da deren Skipper und Steuermann Charlie Enright nicht versucht hätte, die Kollision zu vermeiden.

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