Böhmen liegt am Meer

Adalbert Stifters Heimat ist für Wassersportler alles andere als langweilig. Sie finden am Stausee Lipno ein windsicheres Revier, unberührte Natur und vielfältige Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung an Land vor

Böhmen liegt am Meer

Shakespeare scheint nicht nur literarische sondern auch hellseherische Fähigkeiten gehabt zu haben. Als er Böhmen für sein "Wintermärchen" ans Meer verlegte, konnte von einem solchen noch keine Rede sein. Erst mehr als drei Jahrhunderte später entstand im südwestlichen Teil des Böhmerwalds der größte See Tschechiens, der schnell den Beinamen "Böhmisches Meer" erhielt.

Da die an der Moldau liegenden Orte, allen voran das Rennaissance-Juwel Cesky Krumlov, immer wieder von verheerenden Überschwemmungen heimgesucht wurden, beschloss man nach dem Zweiten Weltkrieg einen Staudamm zu bauen. Er sollte die tosenden Fluten der Moldau in Zaum halten und darüberhinaus die Umgebung mit Strom und Trinkwasser versorgen. 1952 wurde bei Lipno mit dem Bau eines 25 Meter breiten und 296 Meter langen Damms begonnen, ab 1958 das Wasser aufgestaut. Es verschlang elf Dörfer, Straßen, Eisenbahnlinien und sogar eine Graphitmine, die den bekannten Bleistiftproduzenten Koh-i-Noor Hardtmuth belieferte. Da das überflutete Gebiet zu 90 Prozent von Wäldern bedeckt war, muss man bis heute in manchen Buchten im Nordwesten des Sees darauf achten, beim Ankern nicht eine Wurzel oder einen Baumstumpf zu erwischen. Die zum Teil dunkelbraune Wasserfarbe rührt daher, dass auch einige Torfmoore überschwemmt wurden.

Der künstlich geschaffene See initiierte den touristischen Aufschwung der Region und etablierte sich zu Zeiten des Kalten Kriegs – als eines der wenigen Gewässer, auf dem sich Segler und Surfer aus Ost und West messen durften – als El Dorado für Wassersportler.

Alpen-Disneyland

In Lipno, das uns für die Dauer unseres Aufenthalts als Heimathafen dienen soll, fühlen wir uns auf Anhieb wie zu Hause. Der Schilderwald am Ortsanfang verweist auf Sessellift, Rodelbahn und Après-Ski-Bar. Von der ursprünglichen Holzfäller- und Flößergemeinde Lippen ist nicht mehr viel übrig. Mit Hilfe niederländischer Investoren hat Zidek Zdenek, Lipnos findiger Bürgermeister, jedoch Anfang der 2000er Jahre den 610-Einwohner-Ort aus dem Dornröschenschlaf geholt und ein Ski-Resort nach alpenländischem Vorbild aus dem Boden gestampft. Insgesamt wurden rund 150 Millionen Euro in den Tourismus investiert und das hat sich bezahlt gemacht: Mit 500.000 Nächtigungen jährlich stieg Lipno zur zweitstärksten Tourismusregion Tschechiens nach Prag auf.

Auch die Idee, auf einer Lipno vorgelagerten Insel Kaninchen aussetzen und diese als Tourismusattraktion zu vermarkten, stammt von Zdenek. Als Vorbild diente die japanische Insel Ōkunoshima, wo früher Giftgas produziert wurde und auf der sich die Nachfahren der Versuchskaninchen breit gemacht haben. Auch wenn sich auf der tschechischen Kopie mehr Meerschweinchen als Kaninchen tummeln, ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel für Familien, wobei die Anzahl der Kinder die Tierpopulation bei weitem übersteigt. Wer also einen ruhigen Ankerplatz sucht, ist dort fehl am Platze – auch weil die Route des Ausflugdampfers Adalbert Stifter direkt vorbeiführt und in regelmäßigen Abständen für Wellenschlag sorgt.

Böhmische Fjorde

Das Becken vor Lipno eignet sich perfekt für ein Manövertraining. Beim meist vorherrschenden Südwestwind kann man über die volle Länge zunächst kreuzen und sich dann vor dem Wind wieder nach Lipno zurückblasen lassen. Verlässt man das Becken, verliert das Gewässer den See-Charakter und erinnert im Abschnitt bis Hrustice eher an einen skandinavischen Fjord. Das Fahrwasser ist relativ eng, der dichte Mischwald aus Buchen, Birken, Tannen und Fichten reicht bis zum Ufer und immer wieder schauen runde Granitblöcke aus dem Wasser. Wir halten Ausschau nach Elchen, die angeblich wieder durch den Böhmerwald stromern, allerdings ohne Erfolg.

Der Wind kommt hier zwar auch theoretisch aus Südwest, in der Praxis jedoch aus allen Richtungen, und so muss man unentwegt nachtrimmen oder Kurs ändern. Oft schläft der Wind auch komplett ein – und meldet sich mit einer kräftigen Böe genau dann zurück, wenn man den Außenborder in Stellung bringen will.

Schwer vorstellbar, dass vor nicht allzu langer Zeit dieses ohnehin schmale Fahrwasser durch eine Grenze noch stärker eingeschränkt war. Zur Zeit des Eisernen Vorhangs verlief die Sperrzone mitten durch den See und war durch Bojen markiert. Das gesamte Südufer, das deshalb bis heute kaum bewohnt ist, lag innerhalb dieses Sperrgebiets.

Den gesamten Revierbericht mit zahlreichen praktischen Tipps lesen Sie in der Yachtrevue 9/2020, am Kiosk ab 4. September!

Der komplette Bericht als PDF-Download:

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