Polarmeer

Extrem. Eine Wienerin segelte von Bremerhaven entlang der norwegischen Küste und über die Barentssee ins Packeis von Spitzbergen. Und entdeckte dabei ihre Liebe zum hohen Norden. Text & Fotos: Andrea Sikorski

Drei Uhr morgens. Die norwegische Küste liegt hinter uns. Schön langsam gewöhne ich mich an den Am-Wind-Kurs und an die Kälte, auch wenn ich wie eine Babuschka daher stapfe, unbeweglich und steifbeinig. Pagan braust mit sechs Knoten nordwärts. Gelegentliche Ein- und Ausreffaktionen am Groß halten den Kreislauf stabil. Sonst tut sich nichts. Große Stille in der Plicht. Ich fotografiere das Schäumen der Bugwelle und lichte die vermummten Gesichter meiner Mitsegler ab. Dazwischen trinke ich Earl Grey und betrachte skeptisch die graue, öde Welt um mich. Um die Pinne brauche ich mich nicht zu kümmern. Die hat „Windpilotin Ariesa“, die Dame mit der zarten Fahne, übernommen und die hält zuverlässig den Kurs.
 Ich habe mir das Schiebeluk als Schreibtisch eingerichtet und kritzle mit Bleistift in ein winziges Ringbüchlein. Eigentlich finde ich es hinter der Sprayhood recht gemütlich. Hier kann ich mit der „Schnellschusskanone“ auf fotogene Wasserfontänen lauern oder einfach meinen Gedanken nachhängen. Hie und da muss ich allerdings meine klammen Finger anhauchen, sonst fällt mir der Bleistift aus der Hand. Na ja, schließlich bin ich im Eismeer und nicht in der Südsee.
 Kurz vor Mitternacht hocke ich wieder auf dem alten Platz. Pagan schaukelt gemütlich auf halbem Wind Richtung Bäreninsel. Es ist so kalt, dass ich meinen Atem sehen kann. Langsam befallen mich ernsthafte Zweifel. Wo bin ich eigentlich? Alle Menschen in Mitteleuropa lassen sich in diesem Sommer dunkelbraun braten und ich friere in dicken Socken! Nach jedem Reffen sind meine Finger dicke, krebsrote Würste und eiskalt. Mir passt kein Ring mehr und den Zustand meiner Fingernägel möchte ich gar nicht beschreiben. Weiters rinnt meine Nase und der Wind pfeift mir bis in die Unterhose. Wenigstens sind meine Stiefel wieder trocken. Ich kontrolliere die Leinen und riskiere einen Rundumblick. Was soll ich sonst tun, mitten in der Barentssee, bei drei Grad Wassertemperatur, Wolkenbergen und nassem Schiffsdeck. Morgen sind wir auf der Bäreninsel. Die soll ja selten im Sonnenschein liegen. Na bravo.

Den kompletten Artikel finden Sie in Ausgabe 3/2007. Diese Ausgabe kann online nachbestellt werden.

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