
Umweltschutz. Eine europaweite Bürgerinitiative will Flüssen, Seen und anderen Ökosystemen eigene Rechte einräumen. Als Vorbild dient die spanische Lagune Mar Menor, die bereits als eigenständige Rechtspersönlichkeit anerkannt ist. Ein Modell, das auch für Österreichs Gewässer, allen voran den Neusiedler See, neue Perspektiven eröffnen könnte.
Kann ein See seine Rechte vor Gericht einklagen? Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist in Spanien bereits Realität. Die Lagune Mar Menor an der Mittelmeerküste genießt seit 2022 den Status einer eigenständigen Rechtspersönlichkeit und verfügt damit über einen rechtlichen Schutz, der deutlich über herkömmliche Umweltbestimmungen hinausgeht. Nun soll dieses Modell europaweit Schule machen.
Am 13. Oktober fiel im Wiener MuseumsQuartier der österreichische Startschuss für die Europäische Bürgerinitiative „Rechte für die Natur“. Ihr Ziel: Flüsse, Seen, Wälder und andere Ökosysteme sollen ein eigenes Recht auf Existenz, Regeneration und Wiederherstellung erhalten. Bürger und Organisationen könnten diese Rechte stellvertretend für die Natur auch vor Gericht geltend machen.
Was auf den ersten Blick wie eine juristische Spitzfindigkeit wirkt, könnte weitreichende Folgen für den Umgang mit unseren natürlichen Lebensräumen haben. Denn während bestehende Umweltgesetze vor allem menschliche Interessen und konkrete Schutzvorschriften berücksichtigen, würde die Anerkennung eigener Rechte den Ökosystemen eine zusätzliche rechtliche Stellung verschaffen.
Vorbild aus Spanien
Dass dieser Ansatz nicht bloß Theorie ist, zeigt das Mar Menor. Die spanische Salzwasserlagune wurde nach jahrelangen ökologischen Belastungen zum Schauplatz einer bemerkenswerten Bürgerbewegung. Mehr als 640.000 Menschen unterstützten die Forderung, dem Gewässer eigene Rechte einzuräumen. 2022 wurde das entsprechende Gesetz beschlossen. Im Mai 2026 trat das Mar Menor laut den Initiatoren erstmals selbst als Kläger vor Gericht auf, um finanzielle Schadenersatzansprüche geltend zu machen. Ein bemerkenswerter Schritt, der auch international Aufmerksamkeit erregte.
Für den europäischen Segelsport besitzt die Lagune darüber hinaus besondere Bedeutung. Das Mar Menor ist Standort der Segelakademie des Europäischen Segelverbandes EUROSAF. Damit treffen an diesem Ort die Interessen des Wassersports unmittelbar auf jene des Natur- und Gewässerschutzes. Auch innerhalb der EUROSAF ist das Thema von besonderer Relevanz. Yachtrevue-Chefredakteur Roland Regnemer bekleidet im Europäischen Segelverband das Amt des Vizepräsidenten. Die Entwicklungen rund um das Mar Menor betreffen damit auch ein Revier, das eng mit den europäischen Ausbildungs- und Nachwuchsaktivitäten im Segelsport verbunden ist.
Gerade am Beispiel der spanischen Lagune zeigt sich, dass intakte Gewässer nicht nur einen ökologischen Wert besitzen, sondern auch die Grundlage für Freizeit, Tourismus und sportliche Aktivitäten bilden. Ohne entsprechende Wasserqualität und funktionierende Ökosysteme verliert letztlich auch der Wassersport seine Basis.
Perspektiven für Österreich
Eine europaweite Verankerung der Rechte der Natur könnte auch für heimische Gewässer neue Möglichkeiten eröffnen. Allen voran für den Neusiedler See, dessen ökologische Entwicklung seit Jahren von Wasserstandsschwankungen, Trockenperioden und unterschiedlichsten Nutzungsinteressen geprägt ist. Der Steppensee ist nicht nur ein einzigartiger Naturraum, sondern zugleich eines der bedeutendsten Segelreviere Österreichs. Naturschutz, Tourismus, Landwirtschaft und Wassersport treffen hier unmittelbar aufeinander. Eine stärkere rechtliche Stellung des Ökosystems könnte dazu beitragen, dessen langfristige Erhaltung bei zukünftigen Entscheidungen noch stärker zu berücksichtigen. Dabei geht es nicht darum, bestehende Naturschutzbestimmungen zu ersetzen oder den Wassersport einzuschränken. Vielmehr könnte ein zusätzliches Rechtsinstrument helfen, ökologische Interessen konsequenter zu vertreten und bei Eingriffen in den Naturhaushalt auch die Wiederherstellung geschädigter Lebensräume einzufordern.


Rechtsanwalt Dr. Thomas Wallentin ist selbst Segler, derzeit an der Spitze der heimischen Aktitivtäten rund um das Theme "Rights for Nature" und war unter anderem während der Olympischen Spiele in Sydney im Präsidium des Österreichischen Segelverbandes engagiert.
© Yachtrevue / Roland RegnemerEine Million Unterschriften
Bis aus der Idee eine europaweit geltende rechtliche Grundlage werden kann, ist noch einiges an Überzeugungsarbeit notwendig. Die Europäische Bürgerinitiative muss innerhalb von zwölf Monaten mindestens eine Million gültige Unterschriften sammeln und dabei die vorgeschriebenen Mindestzahlen in wenigstens sieben EU-Mitgliedstaaten erreichen. Gelingt das, muss sich die Europäische Kommission mit dem Anliegen auseinandersetzen und dazu Stellung nehmen. Eine automatische Verpflichtung zur Ausarbeitung neuer Gesetze besteht allerdings nicht.
Derzeit sind nach Angaben der Organisatoren bereits 17 europäische Länder an der Initiative beteiligt. In Österreich koordiniert Rechtsanwalt Thomas Wallentin die Aktivitäten. Beim Auftakt in Wien versammelte er Vertreter aus Wissenschaft, Kunst, Zivilgesellschaft, Recht und Wirtschaft, um die breite gesellschaftliche Bedeutung des Vorhabens zu unterstreichen. Mit dabei waren unter anderem der Biodiversitätsforscher Franz Essl, die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofes Irmgard Griss, Schauspielerin und Aktivistin Valerie Huber sowie Vertreter aus Kultur und Wirtschaft. Das gemeinsame Ziel ist klar: Der Natur soll nicht nur politisch und gesellschaftlich, sondern auch juristisch eine stärkere Stimme gegeben werden.
Für den Wassersport könnte sich daraus eine interessante Perspektive ergeben. Denn Seglerinnen und Segler zählen zu jenen Menschen, die Veränderungen an Seen und Küsten besonders unmittelbar wahrnehmen. Sinkende Wasserstände, eingeschränkte Wasserqualität oder ökologische Schäden sind für sie keine abstrakten Herausforderungen, sondern Teil des Alltags am Wasser. Ob die Initiative letztlich zu einer europäischen Richtlinie führt, bleibt abzuwarten. Das Beispiel Mar Menor zeigt jedenfalls, dass sich durch zivilgesellschaftliches Engagement auch grundlegende rechtliche Veränderungen erreichen lassen.
Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Unterzeichnung: www.rightsfornature.eu

