Anschlag auf die Pantry

Kolumne Jürgen Preusser: Smutje-Terror auf See und wie man ihm entgegnet

Es gibt ein absurdes Grundproblem an Bord: Menschen, die an Land nicht in der Lage sind einen Pfefferminztee zu brauen, halten sich, bedingt durch wissenschaftlich noch nicht ergründete Hormonausschüttungen, auf einem Schiff plötzlich für geniale Küchenchefs. Und schaffen Kreationen, die zur Folge haben, dass zwei Drittel aller gebunkerten Lebensmittel verderben. Denn im günstigsten Fall steht schon am zweiten Tag statt „Selberkochen oder Wirtshaus?“ nur noch die Frage „Welches Wirtshaus?“ im Salon.
Im ungünstigsten Fall landen in Cornflakes panierte Inzersdorfer Jagdwurst, Zwanzig-Minuten-Spaghetti in Senf-Ketchup-Sugo oder Kaiserschmarrn mit Ajvar tatsächlich auf dem Tisch. Nein. Das ist weder lustig noch erfunden. Pantry-Terroristen können jeden Törn ordentlich versalzen. Daher muss der verantwortungsvolle Skipper rasch eingreifen, wenn Gefahr droht: Entweder stellt er blitzschnell eine Eierspeis mit Speck her um dem Attentäter zuvorzukommen, oder er nimmt diesen zur kritischen Tageszeit in den guten alten Schwitzkasten um ihn vorbeugend zu neutralisieren.
Ein relativ neues, aber überaus gefährliches Exemplar des Pantry-Terroristen ist der Regatta-Food-Purist (kurz RFP). Meist geht seinem grausamen Plan das unglückliche Zusammenspiel von einem TV-Beitrag über das Volvo Ocean Race und einem Einkaufsbummel auf der Tullner Messe voraus. „Ihr werdet schon sehen, um wie viel wir schneller segeln!“ lautet sein Argument und dann wird extra leichtes Dry Frozen Food gebunkert – wie bei den Großen halt.
Trägt man Gegenargumente wie: „Du weißt aber schon, dass wir 300 Liter Wasser und 120 Liter Diesel in den Tanks haben und unser Boot 12 Tonnen wiegt?“ nicht energisch genug vor, hört der Urlaub auf, Urlaub zu sein und es werden täglich Wasser und Trockenfutter (meist im falschen Mischverhältnis) in den größten verfügbaren Topf geschüttet und viel zu kurz oder viel zu lang aufgekocht. Die Etiketten auf den Aluminiumsäcken versprechen zwar „Thai Chicken“ oder „Southern Cajun Special“ oder „Original Caledonian Lamb Stew“ oder „East Indian Fish Curry“, doch es entsteht in jedem Fall eine breiige Maische, die ein Geschmackserlebnis vermittelt, als hätte jemand die Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Gurkenessig ausgekocht. Die Folgen: Durchfall, Übelkeit ohne Seegang, Darmverschluss oder schwere Depressionen samt Selbstmordgedanken.
Der Vorgänger des RFP ist der die Törn-Szene nachhaltig infiltrierende MT (Müsli-Terrorist). Gutes und nicht mehr ganz so gutes Obst wird emsig in das abgesehen vom Mistkübel größte verfügbare Plastikgefäß geschnitten, mit Jogurts aus gekühlten und weniger gut gekühlten Ecken des Eisschranks gemischt und schließlich mit ungemahlenem Getreide verquickt. Und das in aller Herrgottsfrüh, wobei der MT dabei meist vergnügt singt oder pfeift. Das tut er nicht nur um einen glaubwürdigen Eindruck müslibedingter Rundum-Fitness zu vermitteln, sondern auch um den Langschläfern die Möglichkeit zu bieten sich seinem Glauben anzuschließen.
Die Folgen der MT-Mission sind weniger gefährlich als der RFP-Aktivismus, aber durchaus unangenehm: Stundenlange, ungeplante Stuhlgänge (ob der ungewohnten, wenngleich vehement angepriesenen Ernährungsart) verhindern nicht nur ein ansprechendes, geruchsneutrales Segel-Erlebnis. Sie reduzieren auch den Personalstand der crew-internen Reinigungsbrigade, die in stundenlanger Kleinarbeit die Müsli-Reste aus sämtlichen Fugen des Salons kratzen muss.
Volle Überzeugungskraft besitzt der MT nur bei den Wespen, die postwendend in fantasievollen Kampf-Formationen angreifen. Und ganz sicher nie den MT stechen, sondern stets eines seiner ohnehin schwer gezeichneten Opfer.

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