Der doppelte Rüdiger

Kommandosache. Persönliche Zurufe haben viele große Vorteile. Ein Allheilmittel sind sie aber auch nicht

Der doppelte Rüdiger

Mitten in der Nacht, mitten im Ärmelkanal. Der Godfather der österreichischen Hochseesegler spricht zu mir: „Siehst du ein, warum man jedem Kommando einen Namen beifügen muss?“ Zuvor hatte ich vom Ruder aus ein paar eher verwirrende Ausweichmanöver mit Zurufen wie „… wir sollten …“, „… du musst …“, „… einer könnte …“ und ähnlichen Sprachfragmenten versehen.

Zu meiner Rechtfertigung: Ich spürte einen Hauch von Nervosität im Nacken, als wir bei Neumond und Regen mit schwarzen Segeln durch dieses Stroboskop aus roten, grünen und weißen Lichtern bretterten. Mit gut 15 Knoten auf einer soeben ausgemusterten Volvo-Ocean-Race-Yacht.

Der englische Bootsmann der Black Pearl beschimpft mich auch noch, als hätte ich den Big Ben in die Luft gejagt. Nur weil ich es wage, im Ärmelkanal auf Deutsch herumzukommandieren. Wart’s nur ab, diese Überstellung führt uns auch nach Brunsbüttel. Dort zahl ich ihn dir heim, den „Bloody Bastard!“ Und zwar mit germanischen Schimpfworten wie Flitzpiepe und Napfsülze!

Zum Glück bin ich nicht nur nachtragend, sondern auch lernfähig: Kommandos dienen dazu, schnell befolgt zu werden. „Jeder hat einen Namen. Sag ihn laut vor dem Kommando!“ Diese Lektion von Andreas Hanakamp hat sich bei dieser Überstellung von Portsmouth nach Helsinki eingebrannt.

Bitte kommt mir jetzt nicht mit dem Heldenepos, wonach Engländer ganz ohne Kommandos auskommen! Ja, viele Profis wissen ohne Zuruf, was sie zu tun haben. Szenenwechsel: Anlegemanöver in einem engen kroatischen Stadthafen beim Sommerferien-Familientörn. Eines der vier Kinder hat einen Fender verloren. Das Dezibel-intensive Kommando „Kusch jetzt!“ muss erlaubt sein. Vielleicht personalisiert, um ein kollektives Trauma zu vermeiden: „Max und Moritz, Jekyll und Hyde, seid bitte leise!“

Persönliche Kommandos sind aber kein Allheilmittel. Neulich im Norden der Insel Šolta. Die Bucht Rogac ist für alle, die sich die Schlacht an den Tankstellen vor Trogir ersparen wollen, leider kein Geheimtipp mehr. Freitag, 15 Uhr: Die maschinell unterstützte Regatta zur Zapfsäule startet in der Meerenge zwischen Šolta und Brac. Sie ist so sinnvoll wie ein E-Bike-Rennen auf den Kahlenberg.

Im Duell um Platz 27 in der Schlange unterliegen wir einer Hanse 52 unter schwarz-rot-goldener Flagge und vernehmen das zackige Kommando des Skippers: „Werner Dieter: Fender!“ ­Worauf sich drei Mann rasant in Bewegung setzen. Das nenne ich hanseatische Effizienz! Es muss sich um Werner, Dieter und Werner-Dieter handeln.

Dann unterbindet der kantige Skipper den Versuch seines Rudergängers, auch noch eine italienische Familie auszubremsen: „Kai-Horst, lass das!“ Obwohl mit zwei Steuerrädern versehen, gibt es auf seinem Schiff nur einen Rudergänger. Also nicht auch noch einen Kai und einen Horst. Der Kapitulation geht eine Geste des mutmaßlich sizilianischen Paten voraus, die ich wie folgt interpretiere: „Ein Zentimeter noch, und ich trenne dir mit dem Wantenschneider alle zehn Finger ab, schlitz dir die Kehle auf und überlasse deine zuckenden Überreste den Haifischen!“

Endlich darf auch die überschäumend geduldige Crew anlegen. Die Leinen sind bereit, obwohl der Tankwart abwinkt. Doch wer vertraut dem schon? Ein klares Kommando ist gefragt. „Rüdiger, spring!“ Und Rüdiger springt. Allerdings der falsche Rüdiger. Der richtige klammert sich paralysiert ans Reling-Türl und schaut zu, wie der falsche samt Heckleine deutlich vor der Kaimauer versinkt. Das nenn ich Kadavergehorsam! Rüdiger II ist tatsächlich gesprungen, obwohl die Distanz von neun Metern selbst für Mike Powell nicht zu überbrücken gewesen wäre. Jener stellte vor 34 Jahren mit 8,95 Metern den heute noch gültigen Weitsprung-Weltrekord auf. Ohne Ölzeug!

Eines muss man den Hanseaten lassen: Auch das letzte persönliche Kommando sitzt. „Rüdiger, du Flitzpiepe: Badeleiter!“ Jetzt kommt ja nur noch ein Rüdiger in Frage …

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