Wind mit Charakter

Bora: Trockener, kalter, böiger Fallwind aus Nord bis Nordost. Fluch und Segen zugleich. Dazwischen liegt viel Lehrreiches

Wind mit Charakter

„Ja, ja. Die Bora trennt die Spreu vom Weizen.“ Diesen denkwürdigen Satz bekam ich neulich im Stadthafen von Šibenik ins Gesicht geschleudert. Und zwar von einem Bermuda-Träger vom Typus „Vorher“ aus dem Inserat für eine Vorher/Nachher-Blitzdiät. Mr. Vorher vermittelte mir auf diese Weise fast vorwurfsvoll Jahrzehnte lange Erfahrung, vorbildliche Seemannschaft und außerordentliche Weisheit.
Demütig setzte ich mich vor ein kleines Café, um mein neu gewonnenes Wissen zu verarbeiten. „Schtöschähisch?“ grunzte der Kellner. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Antwort auf die Frage, warum manche Kroaten den Charme eines betrunkenen Eisbären vermitteln, warum ihre Stimmen oft wie das Bellen eines Kettenhundes mit chronischer Bronchitis klingen.
Als g’standener Österreicher, der von der Natur mit Political Correctness im Übermaß ausgestattet ist, muss ich besonders vorsichtig sein mit solchen Klischees. So vermeide ich seit dem Zerfall Jugoslawiens sogar das Wort „Jugo“. Und sage „Schirokko“.
Dieser war eh kein Jugo-, sondern ein Bora-Tag: Während mir ein Tschickstummel aus dem Aschenbecher vom übernächsten Tisch ins Aug‘ flog, während ich den Zucker aus zehn Zentimetern Höhe zwanzig Zentimeter neben meinen Kaffee schüttete, während ein Tourist seiner fliegenden Sonnenbrille nachhechtete, wurde mir klar: Kroatien ist wie es ist, weil hier die Bora bläst.
„Schtöschähisch?“ heißt in Wahrheit „Što želiš?“ – also „Was willst du?“ Und das ist eine ganz normale höfliche Frage. Vor allem wenn man berücksichtigt, dass der arme Mann unmittelbar vor meiner profitträchtigen Bestellung – „A little Espresso, molim!“ – zwei Sessel aus dem Hafenbecken hatte fischen müssen.
Zurück beim Schiff: Die Fairwind zerrte wie verrückt an den Leinen, die Burschen hatten zwei Springs gesetzt, die Fender fingen abwechselnd in verschiedenen Höhen den Schwell ab. Keine Leine schepperte, die Luken waren dicht, Sprayhood und Bimini mit Zusatzleinen gesichert.
Der einzige Mann an Deck trank (gezuckerten) Kaffee, sah kurz von seinem Buch auf und fragte: „Wollen wir nicht auslaufen? Wenn wir noch länger hier bleiben, müssen wir zahlen. Außerdem wär‘ jetzt ein geiler Segelwind …“
Drei Boote weiter brüllte Mr. Vorher seine Crew an, sie solle endlich die Leinen dichtholen. Krampfhaft versuchte er, einen Fender zwischen den tanzenden Rumpf und die Mauer zu stopfen. Während sein Kapperl Richtung Gargano flog, warf er einem gänzlich unbeteiligten Passanten gegen den Wind eine Leine zu, was dieser nicht einmal bemerkte, weil die Leine im Wasser landete. Der Kellner aus dem kleinen Café überzuckerte die Situation am schnellsten und bannte die Gefahr mit ein paar blitzartigen Handgriffen.
Als ihm Mr. Vorher so etwas wie: „Danke, das wäre auch ohne dich gegangen“, zurief, war ich endgültig überzeugt: Die Bora trennt die Spreu vom Weizen. Jedenfalls charakterlich. Und der raue Charme der Kroaten hat nicht direkt mit der Bora zu tun, sondern eher mit dem Umgang der Touristen mit ihr. Kroaten vergeben keine Vorschusslorbeeren in Form von übertriebener Höflichkeit. Weil: Den guten Steuermann lernt man erst im Sturme kennen. (© Seneca)

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