In Schettinos Kielwasser

Kolumne Jürgen Preusser: Über die Kombination aus Elektronik und Beobachtung

„Such dir“,befahl der gestrenge Segellehrer Willi, „such dir einen Punkt am Horizont, damit du endlich lernst, den Kurs zu halten!“
Nachtfahrt, nur ein paar Wochen später; irgendwo in dalmatinischen Gewässern. Der gelehrige Franz übernimmt das Steuer. Franz, der in Wahrheit anders heißt und das in Folge beschriebene Ereignis selbst unter Eid leugnen würde, tut genau das, was man ihm beigebracht hat. Und sein übermüdeter Kumpel an den Schoten ändert ständig die Segelstellung. Offenbar dreht der Wind permanent.
Eine Stunde vergeht. Skipper Walter, in Unterhosen, aber des Harndrangs wegen mit Gurtgeschirr gerüstet, krabbelt schlaftrunken den Niedergang empor. Von der kleinen Seite aus fällt sein ungläubiger Blick auf den Kompass. „Sag einmal: Was macht ihr zwei Vögel da?“ jault er nach verrichtetem G’schäft. „Kurs 135? Seids deppert? Wir brauchen Kurs 90!“
Franz bleibt standhaft: „Der Willi hat g’sagt, ich soll mir einen Punkt am Horizont suchen und drauf zuhalten! Ich fahr seit einer halben Stunde auf das Hotel da vorne zu.“
Walter – misstrauisch, wie er nun einmal ist – greift zum Fernglas. Vor dem Uringang hätte die genauere Betrachtung des hell erleuchteten Gebäudes durchaus fatale Folgen haben können. So aber ereilt ihn ein trockener Lachkrampf: „Dei Hotel is a Kreuzfahrtschiff, du Kasperl!“ johlt er mit der sich überschlagenden Stimme eines Sängerknaben im Stimmbruch. Plötzlich macht der ständig drehende Wind auch für die Schlafmütze an den Schoten Sinn …
Ein Tag vergeht. Franzens Fehlinterpretation hat längst die Runde durch sämtliche Konobas der Kornaten gemacht, als mich ein um ein Vierteljahrhundert jüngerer Skipper einer steirischen Männercrew an der Bar der Marina Piscera anspricht. Was mag dem sichtlich verzweifelten jungen Mann namens Gernot widerfahren sein? Weshalb geht er ganz bewusst auf Distanz zur eigenen Crew?
„Des glaubst ma nia“, seufzt er und starrt in sein drittes Karlova?ko Pivo. Dann murmelt er etwas von Grundberührung, von Steinhaufen, von einem heldenhaften Manöver des letzten Augenblicks. Erst nach und nach ist er in der Lage, gerade steirische Sätze zu bilden: „Dei Dodln san foust geign an Föisn gfoahn in da Noucht!“
Der bangen Rede würziger Sinn: Skipper Gernot ging schlafen. Letztes Kommando: Sturer Kompasskurs. Der aufgeweckte Teil der Crew fühlte sich nun dazu berufen, Garmins, Navionics und Grib Files miteinander zu vergleichen. Unter anderem, weil das nervöseste Crew-Mitglied auf einer bisher unbekannten Wetterseite die Entstehung einer besonders bedrohlichen Front beobachtet hatte.
Während sich nach stundenlanger meteorologischer Kleinarbeit herausstellte, dass es sich dabei um die Demo-Version eines neuen Computerprogramms handelte, dass gleichzeitig weder Aladin noch irgendeine andere Wetterseite für die nächsten Tage einen Wetterumschwung prognostiziert hatten, dass auch nicht die geringsten Anzeichen dafür am sternenklaren, mondlosen Firmament zu erkennen waren, schrammte der Kiel der Bavaria 44 brüllend über einen Felsen und steuerte zielstrebig auf den gerade einmal zehn Meter langen Steinblock Prsnjak zu.
Jedes der Geräte im Cockpit hätte per GPS einen gefahrlosen Kurs vorgeben können. So aber lenkte die gebündelte Elektronik die Schiffskompassnadel entscheidend ab. Und der Steuermann war durch die vier Stirnlampen vor ihm zu sechsundneunzig Prozent sehbehindert und seebehindert. Erst in letzter Sekunde griff er panisch in die Speichen des Steuerrades.
„Wou“, stöhnte Gernot und hob die Hand, um die Karlova?ko -Versorgung ja nicht abreißen zu lassen, „wou san die Zaitn, wou ma nou mit dei Stern navigiert houm ound deis Weida grouch’n houm!“ Klingt nicht nur stoansteirisch, sondern auch ziemlich altklug aus dem Mund eines so jungen Skippers, doch selbst ich hab Ferdinand Magellan nicht mehr erlebt. Die druckreife Übersetzung hat angesichts des raumgreifenden Blindvertrauens in elektronische Hilfsmittel aber durchaus philosophische Züge: Wo sind sie wirklich, die Zeiten, in denen man noch nach den Sternen navigieren und das Wetter riechen konnte?
Heute ist es nicht einmal sicher einem Kreuzfahrtschiff nachzufahren, wie wir nicht erst seit Franz wissen, sondern spätestens seit Francesco Schettino.

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