Die Wortschatztruhe

Seemannssprache. Was passiert, wenn das ABC des Segelns plötzlich für jeden vollkommen normal ist?

Die Wortschatztruhe

Die Frage meines Freundes Harry tat weh: „Was heißt Abdrift?“ – „So heißt meine Kolumne und mein Segel-Kabarett, du verfluchter Idiot“, antwortete ich unter Tränen. „Nein, ich mein‘, was das Wort bedeutet.“ Okay, jetzt steht außer Zweifel, dass Harry nicht boshaft, sondern nur ahnungslos ist.

Ich verwies ihn an Frau Professor Wikipedia: „Als Abdrift oder Abtrift (holländ. drijven = treiben) bezeichnet man ein seitliches Versetzen (Abtreiben) von Wasser- oder Luftfahrzeugen …“ Von da an beschäftigte mich die Frage, wie ich die geheimnisvolle nautische Wortschatztruhe für mitsegelnde Landratten öffnen könnte.

In einer an sich stillen Bucht in den Ionischen Inseln waren wir gezwungen, die ZDF-Nachrichten von der neben uns ankernden Motoryacht mitzuhören. Da passierte es: „Baden-Württemberg: Außenminister Guido Westerwelle traf in Giengen an der Brenz seinen litauischen Amtskollegen Audronius Ažubalis…“ Dieser Halbsatz führte zur genialen Idee: Nachrichten – fast ausschließlich mit Segelausdrücken! Viele verstehen sowieso nichts von dem, was im Fernsehen erzählt wird. Und das kam dabei heraus:

Der deutsche Außenborder Dirk Pütting hat beim Reffen der G-Achtern im Legerwall-Balast des niederholerschen Koppelortes Unterliek den Vorstag seines österreichischen Kantenkumpels Seemannsgarn Kurzstag aufgeschossen, in der Curryklemmen-Frage endlich beizudrehen. Der US-amerikanische Mastmann Lazy Jack Sprayhood hatte Kurzstag zuvor als Lümmel abgefendert. Der Holländer Steven van Steuerbord sagte daraufhin, Sprayhood müsse endlich bekneifen, dass ein Achterstagspanner ein ernstzunehmender Beschlag sei. Ein solches Beiliegen sei zum Spleißen, fierte der schwedische Barbahauler Saling Bullenstander hinzu.

Die britische Barkasse Blister Cunningham-Stropp vermurte diesen Querschläger mit den Worten: „Der in Kiel ausgebaumte Lateralplan war eine loxodrome Q-Wende!“ Dort habe man Kardinalzeichen gesetzt und diese in Bergen und Knoten schließlich auf den Holepunkt gebracht.

Der französische Sextant Hektopascal Beaufort befeuerte die Barkasse querab als leegierige Heultonne und ihre Ablenkung als rollgroße Missweisung von geografischer Breite. Die neuerliche Dünung der abgetakelten Ankertrosse verhole um mindestens eine Kabellänge gegen den in Genua aufgeschossenen Code Zero. „Die Kieler Verklicker sind keinen Schäkel wert“, schamfielte er weiter. „Wir werden nicht vor Topp und Takel lenzen!“ Luvgierige Doppelpeilung sei der Bootshaken an dieser Gischt und habe das Ösfass zum Überlaufen gebracht. „Ein paar brüllende Vierziger sind noch kein Kurs über Grund in den Wind zu drehen“, enterte Beaufort achteraus.

Der südkoreanische Toppnant Kimm Pan Pan empfand diese Deklination als schwere Krängung. „Es ist an der Gezeit, die Nenntragweite abzuschlagen, denn solche Blitzfeuer haben weder Hand- noch Fußreling.“ Er selbst werde ein Einzelgefahrenzeichen setzen und nur noch seefeste Rudergänger vertäuen. Die dänische Fregatte Flaute Tampen stieß ins selbe Signalhorn: „Wir müssen unklare Mastrutscher verkatten“, schwojte sie. Ihrer Zyklone sei schon längst ein Ankerlicht aufgegangen. Sie werde zu einem Kopfschlag backholen, um diesen Knarrblock abzuschotten. Die Hundewache befinde sich auf dem Decksprung. „Festmacher, die nur auf ihrem Bootsmannsstuhl skiffen, schricken nicht einmal in der Nippzeit vor Patenthalsen zurück“, verholte sie weiter aus.

„Ein Kielschwein im Schanzkleid eines Drachen bleibt immer ein Kielschwein“, drehte auch der englische Knickspanter Yawl Mayday bei. Rundachtern gab es sowohl frenetische Abdrift als auch heftige Turbulenzen. Die Securité hatte alle Pulle voll zu tun, um die wütenden Fünfziger, wie den Australier Jetstream Mooring sowie die beiden Türken Etmal Azimut und Faden Epirb abzutakeln.

Und nun zum Wetter…

Na? Wer mehr verstanden hat als bei einer regulären Nachrichtensendung, ist bestimmt ein seefester Waschbär … pardon … ein waschechter Seebär.

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