Was ist Zeit?

Kolumne Rückenwind
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Seit Tagen liegen wir in der Matanda Bay im Nordwesten der Insel Gaua vor Anker. Draußen tobt der Passat, doch die kleine Bucht bietet guten Schutz. Verrutschen darf der Anker allerdings nicht, sonst landen wir auf den scharfkantigen Riffen, die uns umgeben.

Gerade einmal drei Familien leben hier, weit entfernt von allem, was wir westliche Zivilisation nennen. Wer Reis braucht, läuft fast eine Stunde bis ins nächste Dorf oder paddelt mit dem Auslegerboot hin. Doch die Menschen hier benötigen nicht viel, besitzen auch kaum Geld. Unser ungeplant langer Aufenthalt schenkt uns etwas, das auf Reisen oft zu kurz kommt: Zeit für das Unerwartete. Für Begegnungen und Erlebnisse, die sich nicht planen lassen, sondern geschehen. Ganz nebenbei werden wir von Besuchern zu Pannenhelfern, reparieren den Wasserhahn eines Wassertanks, prüfen Solarpaneele, ölen Kettensägen oder lindern Zahnweh mit Schmerztabletten. Und ich backe jeden zweiten Tag Bananenkuchen – sehr zur Freude der ganzen Nachbarschaft.

Was uns in Vanuatu immer wieder fasziniert, ist das völlig andere Verständnis von Zeit. Fragen wie „Wann waren zuletzt andere Segler hier?“ führen selten zu Antworten, mit denen wir etwas anfangen können.

„Vor einer Woche?“ „Ja.“

„Vor einem Monat?“ „Ja.“

„Vor einem halben Jahr?“ „Ja.“

Unser lineares Zeitgefühl scheint hier keine Rolle zu spielen. Vergangenheit und Zukunft sind für die Ni-Vanuatu keine exakt vermessenen Abschnitte, sondern fließende Übergänge. Entscheidend ist, was jetzt geschieht. Wir dagegen haben uns ein präzises Raster geschaffen, das unseren Alltag strukturiert, Orientierung gibt, aber auch ständig antreibt. Manchmal frage ich mich, ob nicht wir diejenigen sind, die Zeit missverstehen. Vielleicht hat sie gar nicht die klare Form, die wir ihr geben. Vielleicht existiert sie tatsächlich nur im Augenblick.

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