Frau Napoli und Herr Franz

Planungsphase. Der Advent ist nicht gerade die Prime Time für Segeltörns

Frau Napoli und Herr Franz

Die historisch gewachsene Hoffnung, dass ein Schwiegermutter-Hunderter und ein Onkel-Pepi-Fuffziger unter dem Christbaum liegen könnten, macht den Advent zur beliebtesten Zeit für große Pläne. Schließlich muss der erste Törn stehen, ehe man berufliche und andere Nebensächlichkeiten festlegt. Gesagt, getan: Erstes Treffen in einem Wiener Wirtshaus. Der legendäre Charme des Herrn Ober Franz passt zum heutigen Krampustag. Und erst recht zum Herrentörn.

Eine leicht g‘spreizte Dame vom Typ vegane Avantgardistin nimmt am Nebentisch Platz. „Bringen S‘ mir einen koffeinfreien Latte Macchiato mit laktosefreier Milch und Süßstoff.“ Grunzend versucht unsere Runde, den kollektiven Lachkrampf zu unterdrücken. Diese Stimmung wiederum kriegt auch Herr Franz mit und läuft zur Höchstform auf: „Gnä‘ Frau: Jetzt gehn S‘ no amoi vor die Tür, kommen wieda rein und b‘stell’n wos G’scheites!“

Erstaunlicherweise ist die Dame weder dem Ober noch unserer nun hemmungslos losbrüllenden Crew böse. „Frau Napoli ist Stammgästin“, gendert sich Herr Franz zurück in ihre Gunst. „Sie kennt mich und a olle onder’n OberInnen.“
Unsere Planung gerät ins Stottern. Ein blöder Spruch aus dem Genre „Männer unter sich“ jagt den anderen. Herr Franz gießt permanent Öl ins Feuer der minütlich jünger werdenden Spätfünfziger.

Thomas: „Geh, bringen S‘ ma a alkoholfreies Bier.“

Herr Franz: „Laktosefrei?“

Thomas: „Woll’n S‘ mi pflanz‘n?“

Herr Franz: „Sie ham ang’fangt!“

Sprachlehrer Norbert versucht Thomas zu beruhigen: „Es gibt eine eiserne Deutsch-Regel: Alle alkoholischen Getränke sind männlich.“ Thomas: „So ein Blödsinn. ‚Das Bier‘ ist sächlich.“ Norbert: „Also ist Bier kein Alkohol.“

Kurz danach wird der geplante Skandinavien-Törn zum x-ten Mal verworfen, weil der Alkohol dort oben im Norden so teuer ist. Außerdem lautet unsere eiserne Regel: „Don‘t drink before sunset!“ Dazu Stephan: „Wenn wir im Hochsommer in Schweden segeln, kriegen wir nie was zu trinken!“ Und weil’s so schön passt, zitiert er Helmut Qualtingers einzigartige Kunstfigur Travnicek: „Wos brauch‘ i um Mitternocht a Sunn‘?“ Dazu Norbert: „Der Erfinder des Sundowners war sicher ein Schwede!“

„Geh bitte!“, zürnt Walter. „Geht ‘s uns nach dreißig Jahren Herrentörn denn wirklich nur mehr ums Saufen?“ Recht hat er, der Commodore! Aber es gibt schlimmere Crews. Neulich hat neben uns in der Marina eine ungarisch-burgenländische Partie dreißig Minuten lang Leergut ausgeladen. Im Waschraum der Marina wurde ich dann Zeuge eines Dialogs: „Stinkt Haut immär noch wie Schnaps, obwohl hob‘ ich Viertälstundä gäduscht!“ Darauf sein burgenländischer Kumpel aus der Abteilung ’What shall we do with the drunken sailor‘: „Attila, probier ‘s amoi mit Kärchern!“

Unser erstes Törn-Treffen geht fast ohne Alkohol über die Bühne. Wenn die Pubertät nahtlos in den Pensionsschock gleitet, darf man sich schon vornehmen auch beim Törn nicht über die Stränge zu schlagen. So entwickelt sich eine heftige Diskussion über verschärfte Alko-Kontrollen für Bootfahrer. Immerhin sind gerade in den vergangenen Monaten vom Wörthersee bis Gibraltar schlimme Unfälle unter Alk-Einfluss passiert. „Gott sei Dank sind unsere Kinder nicht so blöd wie wir damals“, sagt Thomas. „Hoffen wir ‘s halt“, sagt Georg. „Aber ich fürcht‘, das haben unsere Eltern auch geglaubt…“
Weil wir unser Advent-Meeting, das mit Lachkrämpfen begonnen hatte, diesmal so gesittet, besinnlich und ernsthaft fortgeführt haben, genehmigt uns Commodore Walter doch noch ein Flucht-Seidl. Nur Benno tanzt aus der Reihe und bestellt ein Krügerl. „Wir haben doch ein Seidl ausgemacht“, schimpft Ober Franz. „Ja“, antwortet Benno, „aber mir wird auf Seidln immer schlecht.“

Unser Revier haben wir erst vier Monate später festgelegt. Den Ausschlag gab schließlich unser Törn-Debütant Herr Franz. Er wollt unbedingt nach Napoli …

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