Mayday auf der Mayflower

Nach einer unerwarteten Begegnung steht fest: Ein Segelboot ist eine Art Zeitmaschine, die jedes Alterslimit aufhebt

Mayday auf der Mayflower

Junge Männer in Bootsmannstühlen baumeln an Masten. Andere bunkern kistenweise Energy Drinks. Ein paar tippen Wachpläne ins iPad. Eine Crew hat den Spinnaker über dem Parkplatz ausgebreitet und sucht krabbelnd nach kleinen Rissen. Und dann gibt es noch welche, die ihre High-Performance-Funktionswäsche eingehen müssen wie neue Wanderschuhe vor einer Erstbesteigung.

Regattaspannung im Hafen. Und mitten in diese Hektik platzt eine antiquierte Feeling 446. Ohne hörbares Kommando schmiegt sich die Yacht an den Steg. Im Vergleich zur Crew ist sie ein junges Ding. Der Knall einer Magnum ist der erste Laut, der von den sechs Männern zu vernehmen ist. Flasche – nicht Pistole! Um ein Haar hätte der Korken den Baumler vom Nachbarmast geholt.

„À votre santé!“ ruft der alte Mann mit der Flasche. „Wo sind die Gläser?“ Mit 82 Jahren ist er der Jüngste an Bord. Sekunden später stehen Champagner-Flöten auf dem Cockpit-Tisch. „Heute vor sechzig Jahren sind wir den ersten Segeltörn gefahren“, sagt einer. „Geh hör auf“, bremst ein anderer. „Der junge Herr war ja noch gar nicht auf der Welt damals.“

Ein Hofrat, ein Notar, ein Astronom, ein Physiker, ein Staatsanwalt, ein Arzt. Alle sechs seit einem knappen Vierteljahrhundert außer Dienst. Doch ihr Humor ist aktiv wie eh und je: „Altersbedingter Galgenhumor“, nennt es der Jurist. „Aber ich könnte noch immer Bäume ausreißen!“ Der Mediziner widerspricht: „Was du nicht sagst! Du kannst doch nicht einmal einen Bonsai umtopfen.“

In dieser Tonart geht es weiter. „Neulich hat uns einer gefragt, ob wir unseren Segelschein auf der Mayflower gemacht haben“, erzählt der Notar. „Ich bin ja der Älteste auf diesem Schiff“, flüstert er mir über die Reling ins Ohr. „Ich nähere mich dem Neunziger.“ Dieser Halbsatz war zu laut, denn der Arzt hat mitgehört: „Fragt sich, von welcher Seite du dich dem Neunziger näherst.“

„Junger Mann, kommen Sie an Bord und nehmen Sie einen Schluck Champagner mit uns. Sie senken unseren Altersschnitt!“ Ich fühl mich geschmeichelt, zumal ich vor sechzig Jahren schon kurz auf der Welt war. „Navigieren Sie noch ohne Computer?“, fragt der Physiker. „Ja“, lüge ich unverfroren. „Bravo“, sagt er, „ich nicht, denn so starke Lesebrillen gibt es nicht.“ Und er legt nach: „Sagen Sie einen Satz mit Laptop?“ Ich zögere – er feixt: „Unglaublich, was ich schon alles erlaptop.“

Er selbst sei ja erst sechzig und ein paar Monate. „Wie viele Monate“, frage ich ungläubig. „Dreihundertfünfzehn! Nastrovje!“ Unglaublich: Der Mann ist 86! Die Magnum ist leer. Ab jetzt fließt Wein. „Salute!“, ruft der alte Hofrat, „haben Sie auch schon eine App für Ihre Trinkflasche, die Ihnen sagt, wann Sie durstig sind?“ Ich verneine lachend. „Naja, junge Leute haben das heutzutage“, sagt er. „Ich bräuchte ja viel eher eine Hose, die mir mitteilt, wann ich pischen muss.“

Der Notar ermahnt den Hofrat zu mehr Sprachdisziplin. „Gib mir Wein, wir haben’s eilig“, unterbricht der Astronom. „Unsere biologische Uhr tickt! Und außerdem kollidiert die Magellan’sche Wolke mit der Milchstraße.“ Meinen Einwand, wonach wir bis dahin noch ein paar Milliarden Jahre Zeit hätten, pariert er gekonnt. „Na und? In astronomischer Zeitrechnung geht sich da gerade noch ein Fluchtachterl aus. Danach ist Mayday auf der Mayflower!“

„Ich war Wahlbeobachter für die OECD“, erzählt der Notar. „Ach Gott, er verwechselt alles“, höhnt der Staatsanwalt. „Wir haben im Atlantik Wale gesehen … Whale Watching meint er!“ Mit jedem Fluchtachterl werden die sechs alten Granden lockerer. „Junger Mann, Sie können uns ruhig duzen“, sagt der Physiker mit erhobenem Becher. „Ich bin der Fred“, fügt er hinzu. „Ich bin der Jürgen“, stelle ich mich vor. „Sehr angenehm“, ergänzt der Hofrat. „Zu mir darfst du Herr Hofrat sagen.“

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