Schamanen, Chemtrails und Filzläuse

Naturphänomene. Während Wissenschaftler vor Rätseln stehen, haben Verschwörungstheoretiker und Weltuntergangsphilosophen längst Antworten

Schamanen, Chemtrails und Filzläuse

Soeben habe ich via Facebook erfahren, dass ein australischer Teenager beim Baden von mysteriösen Seeläusen malträtiert wurde. Auch die Meeresbiologen der Westküste Nordamerikas stehen vor einem Rätsel: Dort sind die Strände mit Milliarden von gallertartigen, leuchtenden Seegurken übersät. Keiner weiß so recht, woher die so genannten Feuerwalzen kommen.
Keiner? Feuerwalzen sind selbstverständlich nordkoreanische Bio-Waffen. Oder Aliens? Seeläuse wurden hingegen durch Trumps geheime Atomtests unter der Antarktis freigesetzt. Oder war’s doch der Putin? Egal.

„Die Apokalypse ist voll im Gang“, glaubt Erich, ein Fixstern unserer Crew. Er wird zusehends seltsamer, seit er bei einem Schamanen, der an Chemtrails glaubt, einen Astro-Navigationskurs belegt hat. Ich fürchte, Erich wird bald nach diesen angeblich giftigen Kondensstreifen den Kurs suchen.

Neulich in der Türkei: Vorerst halten wir den aus morschen Brettern gezimmerten Steg für das mit Abstand Gefährlichste an dieser Bucht. Irrtum. Erich springt ins Wasser und in derselben Sekunde wieder zurück auf die Badeplattform. „Bis-du-debbat-do-is-ollas-volla-Feierquall’n!“, brüllt er in Panik. Statt Essig auf die Wunden zu träufeln, gießt Thomas Öl ins Feuer. „Der Erdogan schreckt echt vor nix zurück!“ Erich nimmt die Quallen-Attacke persönlich: „Des is ned lustig, du…!“ Er besteht darauf, die Bucht zu verlassen.

Wir machen unser Boot wenig später an der Mole eines Ferien-Klubs fest. „Achtung, Omas!“, ruft uns ein Mann zu, der im Pyjama auf einem Klappsessel sitzt und mit einer Nylonschnur angelt. Er ist weit und breit der einzige Mensch in dieser Geisterstadt. Seine Warnung vor den unsichtbaren, womöglich aber mannstollen Großmüttern führen wir auf den süßlichen Tabakdunst seiner Pfeife zurück.

Erich steigt diesmal ohne weitere Schäden aus dem Wasser und aus der Badehose in die Unterhose. Eine Sekunde später reißt er sich selbige wieder vom Leib, fuchtelt wild an buchstäblich allen Körperteilen herum, rast splitternackt und brüllend auf der Steinmauer hin und her.

Eine Gruppe junger türkischer Frauen, offenbar die Putzbrigade, die soeben mit dem Wassertaxi gekommen ist, trippelt verschämt kichernd davon. Thomas fragt: „Sind das die Omas?“ Der Pseudo-Kiffer im Pyjama antwortet: „Dort nix Omas! Do Omas!“ Er zeigt auf eine Straße von roten Ameisen auf dem Betonboden. Wobei Straße eine Untertreibung ist: Die Tiere haben quer durch Erichs Unterhose eine Südosttangente gelegt.

Der Eigner der Unterhose schwimmt inzwischen wieder; diesmal winselnd. Der Pyjama-Angler sagt: „Dos is gefährliche Omas’n! Tut Schmerz zwei Tag Minimum!“ Der mitfühlende Thomas ruft Erich zu: „Übermorgen geht’s dir wieder gut!“ Die Rückmeldung aus dem Wasser ist abgesehen vom Wort ‚Verschwörung‘ nicht druckreif. Doch Thomas legt nach: „Sei froh, jetzt spürst die Quallen nimmer!“

Seine Schadenfreude trifft auch mich, denn ich hab‘ neulich den gleichen Ameisen-Horror auf einem Steg am Wolfgangsee erlebt. Wobei meine splitternackte Panikrunde über die Terrasse des eher noblen Strandcafés weit mehr öffentliche Anerkennung fand als Erichs Derwisch-Tanz. Da ham’s schön g’schaut, die Salzkammergut-Omas! Und mir sogar eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses eingebrockt.

Als Erich Wochen nach dem Türkei-Abenteuer wiederhergestellt ist, beschließen wir, unseren Törn bei einer Segelpartie auf dem Neusiedler See Revue passieren lassen. Thomas sagt erst ab, als wir zu fünft beim Boot auf ihn warten: „Ihr werdet es nicht glauben: Ich habe Filzläuse und steh unter Quarantäne!“

Und schon wieder beginnt Erich zu brüllen. Diesmal vor Entzücken. Seither glaubt er wieder an Gerechtigkeit, hat seine Verschwörungstheorien in den Wind geschossen und hält den Chemtrail-Navigator für einen Volltrottel.

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