Tut mir leid, ich bin auch nicht von hier!

Sommerferien XVII. Meine längst erwachsenen Kinder lachen sich noch heute schief, wenn einer „Onkel Felix“ erwähnt

Tut mir leid, ich bin auch nicht von hier!

Mitternacht, Neumond, prachtvoller Sternenhimmel, irgendwo im Süden Dalmatiens, vollkommene Stille. Auf dem schmalen Wirtshaus-Steg schlendert Freund Alexander daher. Einer der drei Skipper unserer verhaltensauffälligen Familienflotte. „Na, hast du Schlafstörungen“, frage ich. „Ja zwei“, antwortet er. „Michi und Babsi.“

Da ich die Ausdauer seiner beiden Kinder kenne, lachen wir wohl etwas zu laut über diese Pointe, worauf uns der Nachbar-Skipper brüllend die Leviten liest: „Va au diable! Chameau de bactriane!“ Nun ist mein Französisch bedauerlicher Weise so abwechslungs- und umfangreich wie die Fender-Sammlung entlang unserer Reling. Um den Wüterich zu besänftigen, kratze ich meinen Wortschatz zusammen. Mit einem geflüsterten „pardon monsieur, s'il vous plait“ zieh‘ ich mich zurück. Der erregte Franzose muss sich nun seinerseits mit ähnlichen Worten bei einer Rheinländerin entschuldigen. Deren wuchtige Arie lockt wiederum einen Engländer aus seiner Motoryacht. „Shut your fucking mouth!“ schmettert jener in den unschuldigen Nachthimmel.

Vorerst ist einmal Babsi hellwach. Sie lernt seit einem Schuljahr Englisch und hat eine dringende Frage an ihren Daddy: „Papa, warum will der Engländer eine bumsende Maus erschießen?“ Während Babsis Vater aus Scham beinahe in die Adria kippt, stellt ihr Bruder Michi eine Gegenfrage: „Sag wie blöd bist du?“

Postwendend mengt sich unser Nachwuchs ins nächtliche Treiben, während Monsieur und Mister – ohne einen einzigen überschneidenden Sprachfetzen – einander wüst beflegeln. Der Angelsachse nennt seinen Widersacher „goofy warthog!“ Das „vertrottelte Warzenschwein“ – freie Interpretation – kontert mit dem mir bereits bekannten „Va au diable! Chameau de bactriane!“ Weil Prof. Google noch nicht unterrichtet, muss ich Mrs. Columbo wecken. Meine Neugier ist unerträglich – und meine Frau ist des Französischen mächtig. „Geh zum Teufel, du Trampeltier,“ zischt sie und dreht sich um. Ich bin nicht sicher, ob es sich um die korrekte Übersetzung, oder um eine Unmutsäußerung mir gegenüber handelt. Etwa um 2 Uhr muss ich doch eingeschlafen sein. Wahrscheinlich als Letzter in ganz Dalmatien.

Um 3:15 Uhr brüllt jemand: „Hallo, zusammen! Ich bin Onkel Felix. Darf ich längsseits gehen?“ Während Napoleon, Jack the Ripper und die Walküre – ermattet vom internationalen Konflikt – um die Wette schnarchen, stürme ich zum Bug. „Sagen Sie, wissen Sie, wie spät es ist?“ rufe ich dem Mann zu. „Tut mir leid, ich bin auch nicht von hier!“ antwortet mir ein gut achtzigjähriger tätowierter Hippie in der Lautstärke einer startenden Marsrakete. Die Reling seines abartigen Zweimasters, Marke Eigenbau, hängt am Pflug meines Ankers. Und Onkel Felix ist offenbar stocktaub. Ich werde lauter: „Nein, hier können Sie nicht längsseits anlegen!“ Der Alt-Hippie brüllt zurück: „Danke, ich hab‘ heute schon zwei getrunken.“ Ich leg‘ noch einmal nach: „Nein! Du! Hier! Nix! An-le-gen!“ Er lacht laut auf: „Ha, ha! Da gebe ich dir Recht! Dugi Otok ist eine wirklich schöne Insel!“ Inzwischen stehen alle 13 Kinder unserer Flotte kichernd an Deck.

Das desaströse Manöver des Gehörlosen und die nur teilweise erfolgreichen Aufräumarbeiten dauern bis in die Morgenstunden. Die Kinder entwickeln ein Gesellschaftsspiel: Sie stellen eine Frage, auf die Onkel Felix völlig sinnbefreit antwortet. Kurz nach Sonnenaufgang stellt jedoch er mir eine vorwurfsvolle Frage: „Warum hast du mir nicht gesagt, dass ich hier nicht anlegen soll?“ Ich antworte total übermüdet aus einer Art Wachkoma: „Nein, Fisch mag ich lieber als Cevapcici.“ Onkel Felix buchstabiert daraufhin lautstark: „Die Batterien deines Hörgerätes sind leer. Ich hab‘ meine auch erst vor fünf Minuten getauscht.“

Gelegentlich treibt mich das Wunder Familientörn an den Rande des Wahnsinns.

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