Von Apostolos bis Zorbas

Das Business des Profi-Hellsehers ist ein überaus hartes Brot

Von Apostolos bis Zorbas

Bei aller Bescheidenheit, einmal muss es ja raus: Ich bin Hellseher. Weiß ich selber erst seit 21 Jahren. Damals habe ich (öffentlich!) zwei Tipps zur Ski-WM abgegeben: Slalom-Gold für Zali Steggall und Kalle Palander, beide 200:1-Außenseiter und bis dahin sieglos. „Warum verarscht du unser Experten-Quiz?“ fragte mich ORF-Mann Robert Seeger erzürnt. Zwei Wochen später hatten sowohl die Australierin als auch der Finne einen Weltmeistertitel.

Nicht im Segeln: Im Skifahren!

Auf dem Meer brauche ich das Schiffserkennungs-App Vessel Finder nicht. Kurz nach dem Unfall der Costa Concordia tauchte bei einem Törn ein großes Schiff am Horizont auf. „Sicher die Costa Fortuna“, sagte ich. Zwanzig Minuten später brauste das Schwesterschiff der Costa Concordia knapp an uns vorbei. COSTA FORTUNA stand in riesigen marineblauen Lettern auf der Bordwand.

Der griechische Barkeeper Apostolos aus Leptokarya hält mich wohl immer noch für einen Gott und sucht die Hänge des nahe gelegenen Olymp nach mir ab. Ich hatte einen ganzen Abend lang sämtliche Ingredienzien seiner absurden Mixgetränke erraten. Vom „Sirtaki Tornado“ bis zum „Odysseus Killer“. Für jeden Volltreffer wurde meine Crew mit Gratis-Drinks belohnt. Immer mit dem Kommentar: „Beim Hades, wie machst du das?“

Böse Zungen – natürlich aus der eigenen Crew – behaupten: ich rede so viel Unsinn, dass im Laufe der vielen Jahrzehnte rein statistisch ab und zu etwas Richtiges dabei sein müsse. Überaus witzig.

Vor zehn Jahren wollte ich endgültig ins Profi-Hellseher-Business einsteigen: KURIER-Weihnachtsfeier auf einem Donauschiff, von Wien aus in die Wachau und zurück. Ich musste als Chef vom Dienst in der Redaktion im 7. Bezirk Nachtdienst schieben und war dementsprechend angefressen. Gegen 22 Uhr schickte ich eine falsche Nachricht an die Handys meiner Kollegen: „Austria Presse Agentur: Die MS KURIER ist in der Donau auf Grund gelaufen!“ Chefredakteur und Herausgeber erhielten die Eilmeldung, während sie auf dem Schiff mit Kapitäns-Kapperln auf den Führungsköpfen gerade ihre jährliche Motivationsrede hielten. Ihre Handys vibrierten, und plötzlich kugelte die gesamte Belegschaft teils kreischend auf dem Innendeck herum. Nein, Apostolos stand nicht hinter der Bar. Der echte Kapitän hatte beim Umkehr-Manöver in der Wachau eine Schotterbank gestreift. Danach machten einige meiner Kollegen bis Ostern einen großen Bogen um mich.

Leider kann ich von der Hellseherei doch nicht leben. Ehrlich gesagt: Zali, Kalle und Costa Fortuna waren reine Glückstreffer. Und heute darf ich es ja verraten: Die Sache mit den Drinks beim Olymp war glatter Betrug, beim Zeus! Ich habe jeden Handgriff des bemitleidenswerten Apostolos in einem Spiegel unter der Bar genau beobachtet.

Besonders beim Segeln sind meine Prognosen so wertvoll wie die Verschwörungstheorien auf Facebook und so beängstigend wie die Weltuntergänge, die wir allesamt schon überlebt haben. Oder glaubt ihr vielleicht, dass ich 2018 bei Korinth vorsätzlich in den Medicane Zorbas gesegelt bin? Oder 2019 in das historische Sturmtief auf Mallorca? Und drei Wochen später in die Troglage des Jahres auf den Liparischen Inseln, beim Auge des Zyklopen?

Aber ich schäme mich nicht für die jämmerliche Erfolgsquote meiner Vorhersagen. Da müssten da die Weltwirtschafts-Apostel, Wahl-Propheten, vereinzelte Wetterfrösche und andere Wahrsager viel öfter knallrot werden. Darum: Lasst euch nicht unterkriegen, bleibt auf dem Kurs der Vernunft, wie ihr es vom Segeln her gewohnt seid, auch wenn ihr womöglich auf den einen oder anderen Törn verzichten müsst.

Und zum Schluss muss ich doch noch einmal das Orakel von Delphi spielen: Spätestens in einem Jahr werden viele von uns schmunzeln, wenn sie für einen zweiwöchigen Segeltörn Klopapier kaufen, beim Po-Seidon.

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