Ich bekenne

Würden Sie gerne ganz von vorne beginnen? Ich nicht. Klar, die Verabschiedung von zwickender Achillessehne hier und herausspringender Bandscheibe dort, das Tauschen des Gössermuskels gegen einen wenigstens in der Erinnerung ultraharten Sixpack-Bauch hat Verlockendes. Aber sonst bin ich froh über das, was ich im Segeln hinter mir gelassen habe – nicht zuletzt deswegen, weil ich den heutigen Anforderungen kaum genügen würde.
Segeln hat sich zum Ganzjahressport entwickelt. Auf höchster Ebene Wettsegeln heißt heute – warum sollte es anders sein als in anderen Sportarten – Ganzjahressegeln. Auch für den Nachwuchs. Wintertraining, Ostertraining, seglerische Einheiten unter der Woche. Um nicht im falsch Eck zu landen: Gut so, in den meisten anderen Disziplinen ist es nicht anders. Und: Wenn man die jungen Seglerinnen und Segler mit ihren schwimmenden oder Tennis spielenden Altersgenossen vergleicht, bleibt immer noch etwas aufzuholen.
Ich persönlich aber habe Zweifel, ob ich aus einem solchen Holz geschnitzt gewesen wäre. Eine hypothetische Frage, natürlich, aber trotzdem: Zu meinen ganz lebendigen, frühesten Segelerinnerungen gehören die Zeiten des Nicht-Segelns. Seltsam verschämt, aber doch aus tiefem Herzen war ich froh, auch Auszeiten zu haben – und zwar nicht nach einem nach heutigen Maßstäben voll durchgeplanten Trainings- und Regattajahr.
Beispiel 1: Bei der damals noch als Teamwettbewerb ausgetragenen Opti-WM 1967 war ich Ersatzmann und buchstäblich das fünfte Rad am Wagen. Wie heute weiß ich noch um mein Zusammenzucken und meine Enttäuschung ob des Verlusts eines freien Tages im Juli (!), als ich kurzfristig für einen erkrankten Teamkollegen einspringen musste. Klar, ich war erst neun, aber trotzdem.
Beispiel 2: Bis weit in meine Teenagerjahre hinein habe ich es sehr genossen, nach einem Monat Sommerferien mit täglichem Segelpensum den Neusiedler See mit meiner Kärntner Heimat zu tauschen, um bei den Großeltern den ganzen August (!) die Wälder unsicher zu machen und den Wörther See im Pörtschacher Strandbad lediglich als große Badewanne zu nutzen.
Mein Fazit: Hut ab vor denen, die schon in jungen Jahren rund um die Uhr segeln und die Freude daran nicht verlieren, sondern sogar steigern können; nachdenklicher Blick nach innen – habe ich schon früh nach einer für mich passenden „Work-Life-Balance“ gestrebt oder fehlte einfach das Feuer? Zum Glück muss ich, siehe oben, nicht von vorne beginnen…

Anmerkung der Redaktion: Wolfgang Mayrhofer gewann 1980 bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille im Finn.

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