Schwimmender Schatz

Schärenkreuzer haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Konzept der Seetüchtigkeit neu definiert und Bootsdesignern den Kopf verdreht. Paradebeispiel dafür ist die 86 Jahre alte Liss Gun, die dank Rainer Wilhelm am Attersee eine neue Heimat fand.

Schwimmender Schatz

Diese Geschichte startete vor hundert Jahren in Schweden und endete letzten Sommer am Attersee. Mit Zwischenstationen in England, Holland und Deutschland. Tribuswinkel kommt auch vor. Tribuswinkel ist sogar wichtig. Aber beginnen wir woanders. Beginnen wir im Kopf. Da, wo bekanntlich die wahren Abenteuer sind.
Was, fragen wir uns, geht im Kopf eines Bootsliebhabers vor, beim Blick zurück auf eine lange Karriere, in der er alles, wirklich alles segeln durfte, was richtig schnell und abartig teuer ist? Rainer Wilhelm, heute Global Manager der Marinedivision des Leinenherstellers Teufelberger, hat, vom Starboot kommend, die internationale Performanceyacht-Szene der Länge nach durchquert: IMS, Transpac, Swan … Ein Vierteljahrhundert Segeln am High End, alles in allem. Was kann man da als Krönung draufsetzen?

Ich sitze mit Rainer beim Kaffee im UYCAs. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, der Attersee grün, an den Bojen vor dem Club schaukeln hundert Jahre alte klassische Holzyachten. Eine ist jetzt seine. Vielleicht ein Lebensphasending, sagt er, und philosophiert darüber, dass die radikalen Performanceyachten unserer Tage nach zwei, drei Saisonen schon wieder von vorgestern sind. Dass es andererseits durchaus populäre Regattaklassen gibt, in denen man mit jahrzehntealten Booten vorne mitsegeln kann. Dass das nachhaltiger ist, irgendwie. Es folgt ein kundiger Exkurs über 110 Jahre Yachtdesign.
Schwimmende Designlabors

Die Revolution begann in Schweden, wo die Küstenlinie lang, das Wetter nicht immer freundlich und die Bevölkerung seit jeher dem Bootssport zugeneigt, aber trotzdem praktisch veranlagt ist.
Nicht wirklich praktisch fanden die segelnden Schweden Anfang des 20. Jahrhunderts die internationale Yachtbau-Entwicklung: Zu schwer, zu teuer, zu unhandlich waren die Rennyachten jener Zeit. Gebaut aus sauteuren Tropenhölzern, verdrängten sie von 20 Tonnen aufwärts. Um solche Segelmaschinen sinnvoll zu betreiben, waren gewaltige Segelflächen erforderlich, und um die Segelflächen zu kontrollieren, brauchte es viel zu viele Hände. Das war einfach nicht hygge, im Gegenteil.

Als Alterative erdachten die Schweden halb so schwere Boote aus leichter heimischer Lärche, auf soliden Eichenspanten, mit vergleichsweise sparsam dimensionierten Riggs, schlanken Rissen, jollenähnlich niedrigem Freibord und Überhängen, die nicht nur sexy aussahen, sondern auch bei Lage die Wasserlinie und damit das Speedpotenzial gegen Unendlich verlängerten. Boote, die ab zwei Windstärken den Seezaun durchs Wasser zogen, danach weitere Krängung unter allen Bedingungen standhaft verweigerten und mit ihren extrem schmalen Rümpfen wie Messer durch Wellenkämme schnitten. Erfunden wurden sie für die Küstengewässer rund um die Schäreninseln, deshalb heißen sie bis heute Schärenkreuzer.
Zwischen 1908 und 1910 installierte der schwedische Segelverband neun bis heute gültige Schärenkreuzer-Klassen, 15er, 22er, 30er, 40er, 55er, 75er, 95er, 120er und 150er. Gedacht waren sie als nationale Klassen, aber ihre Performance und ihre Eleganz erregten weltweit Aufsehen. Bald mutierte die Klasse zu einem Design-Labor, dessen Faszination und Einfluss bis Amerika und Australien reichten: Der legendäre Nat Herreshoff erwarb einen Schärenkreuzer und importierte ihn zu Studienzwecken in die USA. Der Bayer Manfred Curry, Erfinder der gleichnamigen Klemme und Pionier des aerodynamisch korrekten Segeldesigns, schätzte Schärenkreuzer als Experimentierplattform. Rolly Tasker pilotierte einen 40er von Sydney nach Hobart und verfehlte nur knapp das Podest. Kurz, wo immer sie auftauchten, profilierten sich diese Boote als Magnet für geniale Innovatoren, besessene Schnellsegler und nautische Einzelgänger von nicht immer überragender Sozialkompatibilität.

Segelnde Extremisten

Nehmen wir als Beispiel den legendären Yachtdesigner Uffa Fox. Er pflegte den schüchtern vorgetragenen Wunsch seiner Kunden nach Stehhöhe mit der trockenen Feststellung abzuwürgen, das wäre nur etwas für Menschen, die im Stehen schlafen. Seinem Design eines per Fallschirm aus Suchflugzeugen abzuwerfenden Rettungsbootes verdankten im Zweiten Weltkrieg viele abgestürzte Kampfpiloten ihr Überleben, aber auch 49er-Segler von heute sollten sein Andenken in Ehren halten: Uffa Fox hat sowohl das Konzept der Gleitjolle als auch die Idee des Trapezsegelns in die Welt gebracht.

Die gesamte Story lesen Sie in der Yachtrevue 10/2020, am Kiosk ab 2. Oktober!

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