Ein Mittsommernachtstraum

Östlich von Stockholm erstreckt sich ein Schärengarten mit unberührten Buchten, mondänen Kurorten und malerischen Fischerdörfern. Um dieses vollständig zu erkunden, wären mehrere Seglerleben nötig

Ein Mittsommernachtstraum

Keine Menschenseele, nicht einmal ein Hund hat sich auf die leergefegten Straßen verirrt. Häuser sind verlassen, Geschäfte und Restaurants geschlossen, nur vereinzelt Autos unterwegs – wer an Mittsommer in Stockholm landet, fühlt sich an postapokalyptische Szenen aus dem Hollywood-Blockbuster The Day After erinnert. Eigentlich hatte ich genau das Gegenteil erwartet: Mordstrubel und ausgelassen feiernde Wikinger. Doch die Party findet ohne mich statt. Und zwar draußen in den Schären, wohin die Stockholmer schon am Midsommarafton, dem Freitag vor Mittsommer, aufbrechen, um im engsten Kreis das nach Weihnachten zweitwichtigste Fest des Landes zu feiern.

Zurück bleibt eine verwaiste Hauptstadt. Auch der Stützpunkt von Navigare Yachting in Lidingö, einer der schwedischen Hauptstadt vorgelagerten Insel, wirkt seltsam still. Während Mittsommer herrsche Ausnahmezustand, erklärt mir die Stützpunktleiterin. Und dass ich meine Einkaufspläne getrost vergessen könne, da auch der 1,5 Kilometer entfernte Supermarkt geschlossen habe.

Im vier Meilen entfernten Vaxholm werden aber angeblich trotz der Feierlichkeiten Lebensmittel verkauft, also machen wir uns schnellstens auf den Weg. Vaxholm wird oft als Hauptstadt des Archipels bezeichnet und ist im Sommer ein beliebtes Ausflugsziel der Stockholmer. Die einschlägigen Handbücher beschreiben den Gästehafen als überfüllt und unruhig, zu unserer Überraschung ist aber so wenig los, dass wir uns den Liegeplatz aussuchen können. Zudem wurde der Hafen offensichtlich umgebaut (und entspricht nicht mehr den Plänen in den Hafenbüchern), statt Bojen gibt es jetzt Murings, wie in der Adria.

Nach erfolgreicher Verproviantierung machen wir uns am nächsten Morgen gen Osten auf. Eine Armada an Segel- und Motorbooten kommt uns entgegen. Mehr als 150.000 Sportboote sind im Verwaltungsbezirk von Stockholm registriert; ein Großteil dürfte gerade unterwegs sein, um die Stockholmer von ihren Middsommar-Feiern zurück in den Alltag zu bringen. Viele Yachten sind noch mit Birkenzweigen geschmückt. Trotz der Verkehrsdichte, die an die Wiener Südosttagente Montagfrüh erinnert, bleibt Zeit zum Schauen und Staunen. Die Navigation ist nicht sehr anspruchsvoll, wir folgen einem gut markierten Fahrwasser, das auf der Karte als strichlierte Linie eingezeichnet ist.

Zu beiden Seiten zieht eine märchenhafte Landschaft an uns vorbei: Dicht bewaldete Inselchen mit Felsufern, darin eingebettet die Villen der Sommerfrischler. Alte Herrenhäuser, die um die Jahrhundertwende des letzten Jahrtausends von reichen Händlern errichtet wurden, reihen sich an architektonisch gewagte, moderne Glaspaläste. Fixer Bestandteil der Anwesen sind Anlegesteg und Saunahäuschen direkt am Wasser.

Je weiter wir uns Richtung Osten vorarbeiten, desto weniger werden Verkehr und Bebauung. Gleichzeitig verdunkelt sich der Himmel von Süden her und just in dem Moment, als wir uns aus der schützenden Abdeckung in den Kanholmsfjärden hinausbewegen, geht ein mächtiges Gewitter auf uns nieder. Innerhalb weniger Sekunden löst sich die Grenze zwischen Himmel, Meer und Inseln in einer grauen Wand auf.

Wir flüchten in den flaschenhalsförmigen Naturhafen zwischen Säck und Krokholm – angeblich die sicherste, vor allen Winden geschützte Bucht im Schärengarten. Als wir uns vorsichtig durch den schmalen, nur 2,4 Meter tiefen Eingang zur Krokholmsviken tasten, blitzt die Sonne wieder durch die Wolken. Wir liegen mit Heckanker auf rund acht Metern im südwestlichen Teil der Bucht und schlingen unsere Bugleinen um zwei starke Föhren. Der Wald duftet frisch nach Moos und Farnen, Schilf und Birken wiegen sich sanft im Wind, die tiefstehende Sonne taucht die Umgebung in ein unwirkliches, goldenes Licht. Dann ziehen Schwäne friedlich vorbei – echt kitschig.

Auch am nächsten Tag hat sich die Wetterlage nicht stabilisiert. Jede der fünf am Handy installierten Wetter-Apps liefert eine andere Prognose. Wir bleiben auf der sicheren Seite und erkunden das gut geschützte Herz des Schärengartens. Besonders verheißungsvoll klingt eine langläufige Bucht namens Paradisviken, die zwischen den Inseln Idholmen, St. Jolpan und Kalgardson liegt. Sie bietet unzählige Möglichkeiten, an Stegen oder direkt an den Schären anzulegen oder auf schlammig-sandigen Untergrund zu ankern. Auch dieser Sommer-Hotspot ist nur schwach besucht. Das bekannte Restaurant Finnhamns Cafe & Krog, das einen Gästesteg mit zehn Liegeplätzen, Dachterrasse mit Livemusik und authentische Schärenküche bietet, hat geschlossen, Badebuchten, Sandstrand und Sprungbrett sind leer.

Grüße aus Bullerbü

Auf Möja lebten Mitte des 20. Jahrhunderts mehr Fischer als sonst wo in Schweden. Davon zeugen nach wie vor die zahlreichen typischen Fischerhütten – rote Farbkleckse, die aus dem Grau und Grün der Landschaft leuchten. Auf der von rund 280 Menschen bewohnten Insel gibt es nur wenige Autos. Beliebtestes Fortbewegungsmittel ist ein Moped mit Kiste davor, in der die ganze Familie Platz findet. Beim Spaziergang durch das Fischerdorf Berg wird die Welt meiner Lieblingskinderbücher lebendig. Gewundene Schotterwege, wilde Blumenwiesen, bunte Holzhäuser – es würde mich nicht wundern, wenn plötzlich Pippi Langstrumpf auf ihrem Pferd um die Ecke biegen oder Karlsson auf einem Dach sitzen würde.

Auf der anderen Seite des Hügels befindet sich eine der Hauptattraktionen des Dorfs: Eine Dampflok aus 1904, die jeden Samstagnachmittag im Sommer Eisenbahnfans aus aller Welt begeistert. Mein Interesse gilt eher dem Lokal Parlan pa Möja, das nicht nur karibisches Bier serviert, sondern auch berüchtigte Caribbean Nights veranstaltet.

Den gesamten Revierbericht mit zahlreichen Tipps finden Sie in der Yachtrevue 11/2017, am Kiosk ab 3. November!

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