Die Irrfahrten des Pumuckl

Blinder Passagier. Bei aller Sehnsucht nach menschlicher Wärme: Manche Sozialkontakte vermisse ich deutlich weniger schmerzlich als andere

Die Irrfahrten des Pumuckl

Am Tag 1 nach Corona wird vieles anders sein: Es wird Navis geben, die mir nicht nur berichten, wo ich gerade bin, sondern auch warum. Die Luxusversion wird mir darüber Auskunft geben, wer ich überhaupt bin. Das ist auch gut so, denn wohl kaum einer von uns wird jünger werden im Laufe dieser Krise.

Ein elektronisches Gerät, das mir verrät, wer der Mitsegler ist, der da gerade den Niedergang herauf stolpert, hätte ich schon vor zehn Jahren gebraucht: Zwei Stunden nach dem Ablegen im Hafen von Hydra stand plötzlich ein Mann mit Zeppelin-Nase, Mozzarella-Haut und rotem Wirrkopf im Cockpit. Pumuckl war offenbar (körperlich) erwachsen geworden und stammelte einen Satz, von dem ich nur das Fragezeichen am Schluss verstand. Vor allem aber schaute er erbarmungswürdig dumm aus der Unterwäsche. Ich stand am Ruder. Mein Gesichtsausdruck dürfte um keinen Deut intelligenter gewesen sein. Ein Schock mit Patenthalsen-Potenzial: Hat Captain Alzheimer das Kommando übernommen?

Die Antwort war harmlos, jedoch überraschend: Es handelte sich um einen tatsächlich unbekannten Holländer. Das Nachtmahl mit seiner Crew bei Plato war offenbar dank einer Überdosis Retsina aus dem Ruder gelaufen. Nicht Plato, der Philosoph, sondern „Plato“, der Wirt. Ergo handelte es sich um keine Zeitfalte, sondern um einen Filmriss.

Wim, so hieß der blinde Passagier nach eigener Angabe, hatte unsere Yacht für die seine gehalten, festgestellt, dass seine vermeintliche Kabine doppelt belegt war, sich in den Salon gelegt und mit einem Badetuch zugedeckt. Deshalb hielten wir ihn für einen von uns.

Eine bessere Handlungsabfolge hätte man aufgrund seines Zustands multipler Berauschung keinesfalls erwarten dürfen. Eine schlechtere sehr wohl. So glimpflich die Sache für uns auszugehen schien – also ohne Sachschäden durch unkontrolliert ausströmende Körperflüssigkeiten – so ungünstig entwickelte sie sich für Henk. So hieß er nämlich wirklich.
In einem Kauderwelsch aus Holländisch, Deutsch, Englisch und Polnisch, machte er uns klar, dass seine Crew jetzt auf dem Weg nach Athen sei, um den Flieger nach Amsterdam zu erreichen. Kursänderung um 180 Grad. Wir sind ja keine Unmenschen: Spannender Ritt – hart am Meltemi. Nach zwei Stunden bretterten wir mit sieben Knoten an Hydra vorbei.

Unser burgenländisches Crew-Mitglied borgte Henk Jacke und Hose. „Wir Flachländer müssen z’amhalten,“ bellte er, obwohl er um einen Kopf niedriger war als der Niederländer. Langsam begann Henk zu schnallen, dass er sich die polnischen Passagen in seinen Sprechblasen schenken konnte: „You are not Polksi, are you?“ Henks Kleidung samt Handy blieb unauffindbar. Im fünften Versuch schien er sich an ein Bruchstück vom Namen jenes Schiffes zu erinnern, auf dem er zwei Wochen lang durch die Ägäis gegondelt war. „Perhaps etwas with Moon. Oder Sonne, maybe?“

Zwei Meilen vor der Olympia-Marina von Athen gelang es uns, eine Funkverbindung zu einer Yacht namens Moonshadow herzustellen. Die hatte mit Henk zwar nicht das Geringste zu tun, lag aber zufällig neben einer gewissen Starflower. Volltreffer! In der nun folgenden, zutiefst grotesken Funk-Konferenz mit wildfremden Menschen aus halb Europa stellte sich heraus, dass Henks Skipper – der hieß übrigens Wim – die Flugtickets umgebucht hatte. Die besorgte Crew befand sich nach wie vor auf Hydra und hatte mit Hilfe eines 70-jährigen Polizisten auf seiner 40-jährigen Vespa eine Großfahndung nach Pumuckl eingeleitet. Wir setzten Henk in Piräus ab und gaben ihm Geld für eine Jugendherberge und ein Abendessen ohne Weinbegleitung.

Zwei Monate später: Unser Burgenländer bekommt ein Paket aus Amsterdam mit Jacke, Hose und einem Fünfzig-Euro-Schein. Beide Kleidungsstücke sind ihm um drei Nummern zu groß. Pannonischer Kommentar: „Unser Van Pumuckl muaß a urdentliche Deliriumwanzn sein.“*

*) Übersetzung: „Unser Pumuckl dürfte ein ziemlicher Schluckspecht sein.“

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