Das Beste kommt zum Schluss

Lastovo gilt als die grünste aller Adria-Inseln. Sie zu erkunden, lohnt sich aber auch aus anderen Gründen, findet Werner Meisinger, der diesen Spot im Herbst 2020 erstmals besuchte

Das Beste kommt zum Schluss

Über Jahrtausende diente die Seefahrt ausschließlich handfesten Zwecken – Fischfang, Krieg, Eroberung, es ging ums Rauben, Morden und Überleben. Vergnügungen und seelische Erbauung waren in dem Programm nicht vorgesehen. Das kam erst mit dem Yachtsport, einem modernen Luxus vor dem historischen Hintergrund großer Gefahren und härtester Strapazen.
Aber im Yachtsport hat sich doch einiges aus dem ursprünglichen Wesen der Seefahrt erhalten. Ganz praktisch: Die Notwendigkeit, sich mit dem Meer und den Winden gut zu stellen, wenn man seine Fahrten ohne Verluste und Blessuren überstehen will. Ganz romantisch: Die Chance auf Naturgenuss und Entdeckungen.

Um Neues zu entdecken fahren viele hinaus; manche auch um nachzusehen, ob das Altbekannte eh noch da ist. Das Neue kann ein Fahrtgebiet sein, eine noch unvertraute Lebensart, ein attraktiver Platz der Gastlichkeit oder auch eine Insel, die man bislang unbeachtet ließ.

Ein solches Inselchen war für den Schreiber dieser Zeilen bis zum Herbst des letzten Jahres Lastovo. Die letzte unbesuchte unter den namhaften Inseln der Adria. Bitteres Unrecht war das Lastovo gegenüber, denn so weit weg von irgendwas liegt dieses Eiland nun wirklich nicht.

Vom Süden kann man sich ab Dubrovnik via Mljet an diese äußerste der äußeren Inseln Kroatiens heran arbeiten. Ab Split gibt es zahlreiche reizvolle Zwischenstationen, die Lastovo als Endpunkt einer ein- oder zweiwöchigen Reise plausibel machen.

Wir reisten ab Split mit einem Stopp in der Martinis Marchi Marina am Westzipfel von Solta (das Restaurant ist nach wie vor so gut wie teuer) und einem weiteren in der großen Bucht von Komiza am Westzipfel von Vis (das Liegen im Bojenfeld ist nach wie vor recht wackelig, der Ort bezaubernd wie eh und je). Von dort stachen wir in unsere Terra incognita.
Wie viele exponierte Inseln wurde auch Lastovo über Jahrhunderte mit militärischen Aufgaben belastet. Heute ist sie Naturpark, doch die Spuren der Rüstungs- und Kriegsgeschichte sind noch deutlich sichtbar. Sie werden in absehbarer Zeit auch nicht verschwinden, denn die Eingriffe der Truppen und ihrer Bautrupps waren beträchtlich. Sie haben Bunker für Kampfschiffe in den Westteil der Insel gegraben, unterirdische Munitionsdepots angelegt, Geschützstellungen auf den Hügeln eingerichtet, Lagerhallen, Werkstätten und Mannschaftsquartiere gebaut. Das meiste davon mit dauerhaftem Beton. Wer an diesem bizarren Vermächtnis interessiert ist, findet in den Buchten der Halbinsel Prezba zahlreiche Sehenswürdigkeiten – inmitten eines Naturidylls, zu dem das graue Menschenwerk in seltsamem Kontrast steht.

Das Meer ist glasklar, türkis und königsblau, der Duft der Pinien betörend. Am Ufer entlang stehen jedoch nicht die Villen jener Auserwählten, die sich ein Leben in Schönheit leisten können, sondern verfallende Häuser und Hallen. In den Stollen und Räumen der unterirdischen Anlagen modert der Müll von Jahrzehnten. Finster auf das Wasser blicken die Bunkerhöhlen. Rostende Poller, rostende Beobachtungstürme, rostende Geleise stehen und liegen am Uferweg. Beton zerbröckelt, Piers verfallen, aufgebockte Boote verrotten. Ein großes Schild am Südkai verbietet in vier Sprachen das Deponieren von Müll. An das Schild gelehnt steht der ausgediente Reifen eines Lastwagens. Wohl nicht weggeworfen, sondern abgelegt, vielleicht zur Illustration, was alles mit „Müll“ gemeint sein kann. Müll im Wald, Müll am Wegesrand, Müll im Wasser, lose und in Säcken. Die freundlichen Naturpark-Ranger kassieren 400 Kuna für das Naturerlebnis. Davon abgesehen sammeln sie Müll ein, um ihn auf hoch beladenen Anhängern aus der Bucht zu schaffen. Die Inselverwaltung ist sich des Problems also bewusst, doch Stand der Dinge muss das Sanierungsprojekt auf Jahrzehnte angelegt sein, wenn es erfolgreich enden soll.
Dessen ungeachtet vergnügen sich an den Kiesstränden der Jurjeva Luka sonnenbratende Erwachsene und quiekende Kinder. An den verwachsenen und schwer zugänglichen Landestellen machen Liebespaare, was Liebespaare am liebsten tun.
Wenn man vom Südkai die Runde um die Bucht absolviert hat, gelangt man in ruinenfreie Regionen. Hier wurden vor Kurzem weiße Appartementhäuser hochgezogen und saubere Molen mit Nirosta-Pollern ans Ufer gebaut. Viele der Appartements sind noch zu haben. Investoren willkommen. Bis zu deren Ankunft gedeiht die Wirtschaft noch in kleinen Pflanzen à la Paddelboot-Verleih, Automaten-Café und Eisgeschäft. Am Nordende der verzweigten Bucht steht für den kurzfristigen Aufenthalt ein schickes Hotel mit Mini-Marina. Zu Zeiten von Corona befanden sich auf den Terrassen keine Gäste. Yachten lagen doch am Kai.

Die Bucht, so malerisch auch hingezeichnet, erweist sich als Wechselbad der Eindrücke. Am Südende ist das Terminal für die Fähren von Split und Korcula. Man befindet sich hier auch im verkehrstechnischen Zentrum von Lastovo, also nicht am allerbesten Platz, um den Liebreiz dieser Insel zu erkunden. Dazu muss man von hier weg.

Bezaubernde Alternative

An der Südküste entlang führt der Weg nach Skrivena Luka und damit in eine Bucht, die als Sehnsuchtsort für Adria-Segler Modell stehen könnte. Von steilen Hängen umgeben ist dieser Naturhafen geschützt wie ein Teich. Die hoch aufragende Hügelkette blickt wild und zerklüftet aufs Wasser. In der Luft liegt der Wohlgeruch von Nadelhölzern, wildem Fenchel und anderen Blüten, die man als Laie nicht ohne weiteres benennen kann. Vor dem Hotel Porto Rosso ist ein Steg mit Murings ausgelegt, lang genug für Yachten bis 40 Meter. Die Betreiber begehren eine bescheidene Gebühr für Strom und Wasser, das Liegen geht auf Haus.

Für Besucher mit Appetit ist das Haus besonders interessant. In der Küche werden die Deftigkeiten der Region zubereitet. Als erste Deftigkeit des Tages empfehlen sich Omeletts, die in ihrer Größe und Üppigkeit auf den Kampf gegen echten Seebärenhunger ausgelegt sind. Man kann sich hier tadellos ernähren, aber auch seelisch aufrichten.

Den gesamten Revierbericht lesen Sie in der Yachtrevue 4/2021, am Kiosk ab 2. April!

Der komplette Bericht als PDF-Download:

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