Kinder an die Macht?

Kolumne Jürgen Preusser: Über Urlaubstörns und Autoritätsverlust

Am Beginn eines Törns stehen Formalitäten. Es folgt die Elektrizität, die bis zur Computer-Kriminalität reicht. Die Crew befindet sich in dieser Anfangsphase in einem Wellenbad aus Passivität und Hyperaktivität, Laszivität und Sexualität, Aggressivität und Animosität, Ineffektivität und Inflexibilität, Naivität und Nervosität. Die Liste der Täten ist unvollständig.
Da jetzt Sommerferien sind, darf die böseste aller Täten keinesfalls unter den Kartentisch fallen, ist sie doch an Inkompatibilität und Irrationalität, an Brutalität und Bestialität nicht zu überbieten. Sie ist schlimmer als Ratten an Bord, gefährlicher als Skorbut. Und wenn man nicht aufpasst, mindert sie die einzige gute Tät, um die es wirklich geht bei einem Törn, nämlich die Lebensqualität.
Es handelt sich um die Pubertät.
Irgendwie versteh ich ihn ja, den Wiener Skipper, der in einer scheinbar friedlichen Kornaten-Bucht seine beiden pubertierenden Kinder im Schlauchboot aussetzte um ungestört sein Ankermanöver fahren zu können. Er hatte jedoch die nicht vorhandenen freien Ankerplätze und die rasant daher rollende Bora außer Acht gelassen. Eine Banalität, doch Sekunden später schwojten die anderen Yachten wie wild an ihren gestreckten Ketten und die beiden Halbwüchsigen trieben ohne Paddel und Motor dem offenen Meer entgegen.
Jetzt schien die große Stunde der Pubertierenden auf unseren Booten gekommen: „Papa, dürfen wir …?“ – „Nein!“ lautete die voreilige Antwort, die gleichzeitig und ähnlich im Tonfall auf allen drei Booten unserer Familien-Flottille zu vernehmen war. Und dann ging’s los. „Geh, biiiitte! Ihr seids uuuurfad! Endlich ist einmal was loooos auf dem faaaaden Törn und dann dürf‘ ma nicht einmal die Nachbarn retten!“
Der Anblick des völlig überforderten Spätankömmlings schuf dummerweise einen völlig neuen Sachverhalt: Die Kinder hatten recht. Zu hundert Prozent.
Absurdität nennt man das. Eine weitere böse Tät.
Der Neue hatte sich brüllend und fluchend in seiner Ankerkette verkeilt, während sich die 44er unbeabsichtigt am Teller drehte und seine Frau (immer noch oben ohne) in Zehn-Sekunden-Abständen das Wort „Waaaas?“ gegen die pfeifende Bora schmetterte. Die Kinder des Ankerkünstler-Ehepaars befanden sich inzwischen eine Kabellänge vor Lebensgefahr.
„Oida, ihr seids sooooooo Scheiße!“ hörte ich noch vom Nachbarschiff. (Meine Kinder hätten sowas natürlich nie gesagt!) Dann kam es zwangsläufig zum Augenkontakt zwischen den drei befreundeten Skippern. Wir entschieden: „Okay, los geht’s, Kinder!“ Das beigefügte „Aber seid bitte vorsichtig!“ wurde bereits vom Kriegsgeheul verschluckt.
Tatsächlich haben so zuletzt die Wikinger gebrüllt, nachdem sie vom schrecklichen Sven den Befehl zur Erstürmung irgendeiner Festung bekommen hatten. Ein paar Kids fielen ins Wasser, andere zwängten sich neben dem bereits röhrenden Außenborder ins Dingi, einer sprang zurück an Bord, weil er die Paddel vergessen hatte, rutschte aus, hechtete mit Paddeln und blutendem Knie zurück ins Dingi. „Kinder haben einen Schutzengel“, sprach eine der Mütter ein Beruhigungs-Mantra, die andere ging unter Deck, um einen Rosenkranz zu suchen.
Die Wikinger errangen einen historischen Triumph, retteten die anderen Kinder, der schreckliche Sven zerfetzte sein Leiberl und trommelte mit den Fäusten auf seine Brust. Eigenmächtig fungierten sie dann auch noch als Lotsen für die Eltern der Schiffbrüchigen und verhalfen ihnen zu einem halbwegs sicheren Ankerplatz zwischen unseren Booten. Am nächsten Tag entwirrten die zu Feuerwehrtauchern mutierten Wikinger auch noch das zwangsläufig entstandene Ankerketten-Chaos.
Super, könnte man meinen. Wäre da nicht ein kleiner Schönheitsfehler. Eine Tät, mit der wir drei Skipper in jenen vierzehn Tagen fix spekuliert hatten, war mit einem Schlag von uns gegangen. Die Autorität.

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