Von Bügeleisen und gerösteten Priestern

Kolumne Jürgen Preusser: Internet-Übersetzungsdienste, Hörfehler und andere Problemchen

Einst im tiefen Süden Englands: Mein Freund Norbert gerät außer sich ob der schrillen Fahrweise eines einheimischen Busfahrers: „Hey man, you travel a cheese together!“ brüllt er den rothaarigen Dickwanst an. Selbiger weiß zwar nicht, wie ihm geschieht, fährt aber plötzlich deutlich langsamer. Mit etwas gutem Willen kann man selbst völlig missratenen Sprachgebilden einen gewissen Sinn entnehmen. Der Grad der Entrüstung des Gesprächspartners hilft mitunter dabei.
Obwohl Norbert knapp vierzig Jahre danach längst ein Fixstern unserer Crew ist, habe ich eine zu enge Freundschaft zwischen ihm und dem Schiffsfunkgerät stets unauffällig unterbunden. Zumal Norbert nicht selten versucht, sprachlich verzwickte Situationen mit einem Witzchen zu entspinnen, mitunter sogar mit einem kleinen Reim: „Il condore* per favore“ zu einem ebenso unwilligen wie humorlosen Kellner beispielsweise, naja, nicht ganz ungefährlich in einer sizilianischen Hafenkneipe … Andererseits wollte Norbert ja nur die Rechnung zahlen und nicht wirklich einen gebratenen Aasfresser bestellen.
Irgendwann mitten auf der Adria bat ich Norbert trotzdem den kroatischen Wetterdienst abzuhören. Acht Knoten Fahrt am Wind bei kaum vorhandener Welle – ich glaubte, jemand hätte Superkleber auf das Steuerrad geschmiert. Die Wolken ließen allerdings auf deutlich miesere Verhältnisse schließen. In diesem Dilemma bat ich Norbert, alles zu notieren, was er verstehen konnte.
Später – jetzt durfte sich Norbert am Steuer austoben – fand ich auf dem Kartentisch ein vollgeschmiertes A4-Blatt. „Moj rodak poput pecenja Slomljeni svecenika“ stand da als oberste Zeile. „Norbert“, fragte ich höflich aber bestimmt, „bist du komplett deppert?“
Nun, es stellte sich heraus, dass ihm keiner verraten hatte, dass die Wettermeldungen auch auf Englisch und Deutsch empfangen werden können. Gut, die Schuld lag also bei mir.
Ich beschloss, Norberts Aufzeichnungen in Google Translate einzutippen: Oben erwähnter Satz ergab beispielsweise „Mein Vetter röstet gerne zerbrochene Priester“. Die navigatorische Aussagekraft des weiteren Textes wäre wohl ebenfalls nur unter Drogen erkennbar gewesen: „Kein betrunkener Wirt lernt einen Braunbären zu düngen“ und „Ein Schiff auf dem Gipfel dreht mit Holzschuhen gegen Kamele.“ Das Erstaunlichste daran: „Brod“ heißt tatsächlich „Schiff“. Den Jugo-Sturm erkannten wir also noch rechtzeitig (weil wir nach dem Google-Kabarett einfach die Aladin-Wetterseite öffneten).
Ein Jahr später wiederholten wir unser Experiment in türkischen Gewässern mit allen möglichen Internet-Übersetzungsdiensten. „Beaufort neun Aufstiege zwischen Rhodos und Kos“ war das mit Abstand Sinnvollste, das wir je auf diese Art ermitteln konnten. Denn tatsächlich hob der Wind zwischen den nahen griechischen Inseln wenig später auf neun Beaufort an. Den Satz „Bügeleisen sind sehr süß im Herbstlaub“ konnten wir ad hoc jedoch nicht auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen. Und „Wilde Eichhörnchen werfen mit gekühlten Glühbirnen” klang ein wenig nach einem zufällig aufgeschnappten Funkspruch zwischen Geheimagenten.
Irgendwann werden es Norbert und ich es schaffen, Wetterdienste in allen Sprachen des Mittelmeeres zu entschlüsseln. Allerdings müssen wir bis dahin wohl noch einige geringfügige Rückschläge hinnehmen. Wie neulich in Italien: „Un vitello da Mercurio ha inghiottito la mia bottiglia di acqua calda“ wurde notiert. Klingt wunderbar, heißt aber: „Ein Kalb vom Merkur hat meine Wärmeflasche verschluckt“.
Hey Norbert, you hear a cheese together!

* condor (dt. Kondor): Vogelart, die zu den aasfressenden Neuweltgeiern gehört

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