Von Plünderern und toten Tauchern

Glaube niemals eine Geschichte, die du nicht selber erlebt oder zumindest erfunden hast

Von Plünderern und toten Tauchern

The Harp, ein Irish Pub, in Split: Oliver ertränkt eine schwere Krise in Guinness. Kurz zuvor sei seine irische Crew in den Flieger nach Dublin gestiegen. Alle in grünen T-Shirts mit dem Aufdruck „NOT MY SKIPPER“ unter dem weißbärtigen Gesicht des 70-Jährigen. „Das tut weh“, seufzt der Engländer traurig. Zwei Wochen lang habe er Iren-Witze erzählt, den Brexit verherrlicht und Boris Johnson als großen Staatsmann gefeiert. „Um die Iren zu ärgern“, gibt er zu. Und jetzt ist er beleidigt? Wegen eines lausigen T-Shirts? „Die spinnen, die Briten“, würde Obelix sagen.

Ich werfe dem Gentleman vor, er habe sich not very british verhalten. In seiner Ehre gekränkt, fordert er mich zum Duell. Nicht mit Pistolen, sondern mit Skipper-Storys als Waffen: „Neulich hab’ ich in Amsterdam mit dem Anker ein Fahrrad gehoben“, erzählt er mit leuchtenden Augen. In der Satteltasche habe er ein Bündel Briefe mit Stempeln vom April 1977 gefunden.
Frag’ mich gerade, wo man mitten in Amsterdam ankern kann. Und warum die Briefträger dort wasserdichte Taschen haben. Da legt Oliver richtig los: „Ich laufe im Morgengrauen aus Tortuga aus. Bei Sonnenaufgang begegnen mir an Bord sechs wildfremde Menschen.“ Er sei nach dem Duschen versehentlich auf ein fremdes Schiff geklettert und habe im Dunkeln abgelegt.
Ich drohe im Duell unterzugehen: Rettet mich das Stromkabel, das wir in Kroatien am Anker hatten? Oder Skipper Herbert, der sich versehentlich in die Kabine einer fremden Yacht legte? Als die Lady vom Nachbarschiff den schnarchenden Riesen in ihrer Koje vorfand, wäre ein Nachthemd mit dem Aufdruck NOT MY SKIPPER sehr passend gewesen, doch sie entschied sich, eine Minute lang zu kreischen.

„Hab‘ ich alles selbst auch erlebt“, prahlt Oliver. „Mein Kabel am Anker hat ganz Barbados verdunkelt!“ Sogar Plünderungen habe es gegeben. „Und mit der Frau, zu der ich versehentlich in die Koje gestiegen bin, habe ich vier Söhne in Buenos Aires.“
Okay, Oliver, nimm das! Den Werkzeugkasten des Marina-Elektrikers, der fünf Meilen nach Palermo beim Segelsetzen scheppernd aus dem Lazy Bag in mein Cockpit purzelt! „Hoho“, frohlockt Oliver. „In Brisbane hab’ ich beim Setzen des Großsegels keinen Werkzeugkasten, sondern einen leibhaftigen Elektriker ausgewickelt!“ Der gute Mann habe auf dem Großbaum seinen Rausch ausgeschlafen.

Verzweifelt kontere ich mit Biograd, wo wegen der Bootsmesse in der Nacht die Schwimmstege versetzt wurden. In der Früh war die Marina-Ausfahrt verschwunden. Dann das Feuerwerk am Peloponnes, das wir für einen Seenotfall hielten. Erst ein blauweißer Glitzerregen brachte uns davon ab, einen Notruf zu funken.

„Wie lächerlich“, höhnt Oliver. „In Grenada hat die Mafia eine ganze Marina geklaut!“ Froschmänner hätten die Leinen gekappt, ein Frachter habe die Schwimmstege in Schlepptau genommen und sei verschwunden. Auf dem Indischen Ozean sei vor seinen Augen ein chinesisches Containerschiff in die Luft geflogen. „Ein Spektakel“, jubelt er. „Die hatten Pyrotechnik für die Zweihundertjahrfeier der französischen Revolution geladen.“

Dann Olivers entscheidender Fehler: „In Kalifornien hab’ ich einen toten Mann mit Taucherbrille, Flossen und Sauerstoffflasche gefunden“, flüstert er verschwörerisch. „Mitten im Wald!“ Ein Löschflugzeug habe den Mann beim Wasserschöpfen eingesogen und über einem Waldbrand abgeworfen.

Das war ’s! Der tischt mir eine Legende auf, die ich tausendfach googeln kann. Beim Pinkeln beschließe ich den harten Brexit: Ich verschwinde und lass den Briten allein hocken. Jetzt wär‘ ein Leiberl mit NOT MY SKIPPER super! Vorausgesetzt er ist Skipper. Womöglich ist er nicht einmal Brite.

„Oliver zahlt“, ruf‘ ich dem Barkeeper zu. Der antwortet: „Meinst du den Kerl mit dem weißen Bart? Der heißt Zlatko, zahlt nie und ist gerade gegangen. 690 Kuna, bitte.“

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