Verloren zwischen den Zeiten

Geisterschiffe treiben führerlos oder mit toter Besatzung über die Meere, zeugen von Unheil und Grauen und entzünden seit Jahrhunderten die Phantasie

Verloren zwischen den Zeiten

Auf dem Schreibtisch der Kapitänskajüte ein Federkiel und ein Logbuch, davor auf einem Stuhl ein Mann in gebeugter Haltung. Steifgefroren, mausetot. An der Wand ein Bett, darin eine Frau und ein kleiner Junge, ebenfalls tot. In den 38 Kojen jeweils ein lebloser Seemann unter Decken und Tüchern. Ein Schiff voller Leichen, von Eiseskälte unbarmherzig konserviert.
Eine grausigere Szenerie hätte sich der Crew des Walfängers Herald, die den Zweimaster Octavius am 11. Oktober 1775 westlich von Grönland treibend entdeckt hatte, kaum bieten können. Nichts wie weg, lautete deren Devise, helfen konnte man ohnehin nicht mehr. Ein Matrose nahm das Logbuch an sich, allerdings rutschte der größte Teil bei der Rückkehr zum eigenen Schiff aus der Bindung und ging unwiederbringlich verloren. Aus den wenigen Seiten, die erhalten blieben, konnte eine Tragödie rekonstruiert werden. Die Octavius hatte 1761 in England die Leinen gelöst um nach Indien zu segeln. Nach einem Jahr war das Ziel erreicht, die Heimreise sollte auf Befehl des Kapitäns über die wesentlich kürzere Nordwestpassage führen. Eine fatale Entscheidung: Ende Oktober 1762 wurde der Zweimaster nördlich von Alaska vom Eis eingeschlossen, die für eine Polarfahrt völlig unzureichend ausgerüstete Mannschaft saß fest. „Unsere ungefähre Position ist 160 Grad westliche Länge, 75 Grad nördliche Breite. Das Feuer ging gestern aus, und der Kapitän versuchte es wieder anzuzünden, doch ohne Erfolg. Des Kapitäns Sohn starb heute morgen, und seine Frau sagt, dass sie die schreckliche Kälte gar nicht mehr fühlt. Für den Rest von uns scheint der Schmerz eine Qual ohne Ende", lautet der letzte Eintrag ins Logbuch, datiert auf den 11. November 1762. 13 Jahre lang trieb die Octavius als schwimmendes Massengrab durch die Arktis, nach ihrer Begegnung mit dem Walfänger im Jahr 1775 wurde sie nie wieder gesichtet.
Während sich das traurige Schicksal der Octavius recht schlüssig nachvollziehen lässt, rankt sich um die Brigantine Mary Celeste, die etwa hundert Jahre später am Atlantik verlassen aufgefunden wurde, ein bis heute ungelöstes Rätsel. Das unter amerikanischer Flagge segelnde Schiff war im November 1872 in New York aufgebrochen um 1.700 Fässer Industriealkohol nach Italien zu transportieren. An Bord befanden sich Benjamin S. Briggs, ein erfahrener und angesehener Kapitän, seine Frau Sarah Elizabeth, deren gemeinsame zweijährige Tochter sowie eine siebenköpfige Crew.

Die gesamte Story, in der die Geschichte weiterer Geisterschiffe aus Vergangenheit und Gegenwart erzählt wird, lesen Sie in der Yachtrevue 11/2015, am Kiosk ab 2. November!

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