Der Mann, der er es einfach machte

Alle sagten, das geht nicht. Dann kam James Wharram und bewies das Gegenteil. Warum und wie, das steht in seinem neuen Buch. Eine wärmste Lese-Empfehlung, abgegeben von Michael Lynn

Der Mann, der er es einfach machte

Englisch ist eine ungemein einleuchtende Sprache: Unkonventionelles Denken heißt bei den Briten „thinking outside the box“, Grenzen ausloten „pushing the envelope“. Und der Bootsdesigner, der jahrzehntelang lang beides getan hat, heißt James Wharram. Nun hat er ein Buch geschrieben. Sein zweites, nach einer Pause von 51 Jahren. Es heißt „People of the Sea“, was sich nicht umstandslos mit „Seeleute“ übersetzen lässt, sondern viel eher mit „Seefahrendes Volk“. Um den Unterschied zu verstehen, blicken wir ein wenig zurück – circa 5.000 Jahre, konventionell geschätzt.

Damals gab es in Asien an den Ufern des Pazifik bereits Boote. Ziemlich schnelle sogar, denn wer von einem gefällten Baum mehr oder weniger sorgfältig alles entfernt, was nicht nach Boot aussieht, wird auch ohne Vorstudium der theoretischen Strömungsphysik mit der energieeffizientesten Rumpfform überhaupt belohnt: Länge-Breiteverhältnis in der Wasserlinie eins zu zehn oder mehr, deshalb keine nennenswerte Bugwelle, deshalb auch bei höheren Geschwindigkeiten wenig Wasserwiderstand. Voilà – Kanu! Den einzigen Haken an der Sache lernt man kennen, sobald man als Ungeübter einzusteigen versucht. Kanus kentern bei der ersten falschen Bewegung, und die macht man meist schon beim Hinsetzen.
Abhilfe brachte eine Idee, deren Urheber in der Anonymität der Frühgeschichte versunken ist. Schade, denn er – oder vielleicht sie? – hat buchstäblich die Welt verändert. Wir dürfen annehmen, dass der kreative Prozess mit einer Kenterung in der reschen Pazifikbrandung begann, vielleicht verbunden mit dem schmerzlichen Verlust eines Bündels frisch gefangener Fische, eines kompletten Angelzeugs und eines sauteuren Obsidianmessers. Insgesamt also ein richtig mieser Tag, aber er inspirierte eine Innovation von historischer Dimension.

Denn nach einer Periode angestrengten Nachdenkens hat dieses Genie zwei Palmen gefällt, zwei Kanus nebeneinandergestellt und die Palmenstämme quer darüber gebunden. Bye, bye, Kipppunkt, hello, Katamaran! Energieeffizient wie ein Kanu, tragfähig wie zwei Kanus, formstabil wie ein Floß, und aus diesen drei einleuchtenden Gründen erstaunlich seetüchtig. So seetüchtig, dass es Steinzeitmenschen zur Erforschung und Besiedlung sämtlicher pazifischer Inseln befähigte. Bis runter nach Neuseeland, rüber zu den Osterinseln, raus nach Tikopia. Über hunderte Meilen offenes Wasser. Ohne Kompass und Sextant. Zu einer Zeit, als die Ägypter ihre ersten Pyramiden bauten und die Seefahrer der Ägäis mindestens einen Ochsen opferten, damit gnädige Götter sie auf der Reise von einer Insel zur nächsten beschützten. Und trotzdem überall hinkamen, nur nicht dort, wo sie hinwollten; für Details konsultiere man Homers Odyssee.

Im 18. Jahrhundert staunte der legendäre Captain Cook nicht schlecht, als er den Pazifik befuhr. Wo immer er anlandete, begegnete er primitiv bis bizarr anmutenden Gefährten, die Kreise um die angeblich schnellsten, modernsten Schiffe jener Tage segelten, die stolzen Dreimaster der Royal Navy. Cook war fasziniert, die Royal Navy hingegen düpiert und als die Briten darangingen, die vermeintlichen Wilden mit Bibeln, Bekleidung und Steuerpflicht zu zivilisieren, war eine ihrer ersten Maßnahmen das strikte Verbot, mit Katamaranen zwischen den Inselgruppen zu reisen. Es war nicht persönlich gemeint, nur rein geschäftlich. Handelsmonopol und so. Jedenfalls: Die Kunst der präzisen Navigation ohne technische Hilfsmittel geriet in Vergessenheit, die meisten Boote verrotteten am Strand, nur ein paar Exemplare landeten im Original, im Modell oder als Zeichnung in diversen britischen Völkerkundemuseen.

Gegen alle Konventionen

Fast forward ins Großbritannien der späten Vierzigerjahre. Der Krieg war ruinös gewesen, das Empire befand sich in Auflösung und eine zunehmend rebellische Jugend träumte sich aus Mangelwirtschaft, engen Regeln und lähmender Langeweile hinaus in Utopien und alternative Lebensentwürfe jeden Zuschnitts. James Wharram, Jahrgang 1928, suchte seine Freiräume zunächst bei ausgedehnten Wanderungen und Bergabenteuern. Dann fiel ihm Éric de Bisshops Buch „Kaimiloa“ in die Hände, ein Bericht über eine Segelreise von Honolulu nach Cannes. Auf einem selbstgebauten Doppelkanu. Mit chinesisch inspiriertem Dschunkenrigg. Und bevor jemand fragt: Doch, doch, Bisshop kam lebend ans Ziel.

Wharram, Sohn eines Baumeisters und selbst handwerklich begabt, fing Feuer und begann, Museen und Bibliotheken nach Informationen über die polynesischen Wunderboote zu durchforsten. Die Ergebnisse seiner Recherchen mixte er zu einem eigenen Entwurf. Dann verschwand er längere Zeit in einem Schuppen. Als das Hämmern und Sägen schließlich ein Ende hatte und sich die Schuppentore öffneten, kam ein Objekt zum Vorschein, keine 7 Meter 20 lang, durchaus solide gebaut, aber ehrlich gesagt etwas kunstlos entworfen und so eckig, dass ein portugiesischer Zöllner beim Einklarieren gefragt haben soll, wie viele Särge denn da an Bord wären.

Richtige Antwort: keine. Als James Wharram am 27.September 1955 in Falmouth die Segel seiner Tangaroa setzte, hatte er ausreichend Lebensmittel, genug Werkzeug, ziemlich viele Bücher und zwei Frauen an Bord: Jutta Schultze-Rohnhof und Ruth Merseburger.

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