Wind, Sonne, Meer

Auf eigenem Kiel will der Oberösterreicher Michael Puttinger Afrika umrunden und hat die erste Hälfte bereits geschafft. Mit Verena Diethelm sprach er über geplatzte Dieselschläuche, Geburtstagswünsche aus der Luft und seinen unverhofften Covid-Job auf den Malediven

Wind, Sonne, Meer

Sobald sich die Blätter an den Bäumen zu bewegen beginnen, wird Michael Puttinger unruhig. Ab sieben Knoten Windgeschwindigkeit hält ihn nichts mehr am Schreibtisch. Wind ist das bestimmende Element im Leben des Seglers, Kiters und Foilsurfers; sogar seinen Beruf hat er passend dazu gewählt und sich als Elektrotechniker auf Windkraftanlagen und andere erneuerbare Energien spezialisiert.

Bereits während seines Studiums der Elektrotechnik und Wirtschaft an der TU Graz arbeitete Puttinger an Projekten zum Einsatz von Erneuerbaren Energien in Ägypten und entdeckte dort eine weitere Leidenschaft: "Afrika hat mich sofort fasziniert und ich wollte unbedingt mehr davon sehen", erzählt der 31-Jährige, der mit 13 bei einem Törn mit seinem Onkel mit dem Segelvirus infiziert wurde. Die Verbindung dieser beiden Leidenschaften gipfelte im Traum, eines Tages auf eigenem Kiel Afrika zu umrunden: "Segeln ist für mich der einzig authentische Weg, um diesen Kontinent zu entdecken und auch Länder abseits der Standardrouten kennenzulernen."

Daher reist Puttinger unmittelbar nach dem Abschluss des Masterstudiums nach Kroatien, um sich nach einem eigenen Boot umzuschauen. Die Wahl fällt auf eine 30 Jahre alte Sunbeam 34S namens Webik.

In Folge verschwendet er kaum Zeit mit langwierigem Herumbasteln, sondern investiert nur ein bisschen in neue Sicherheitstechnik, Elektrik, stehendes Gut sowie ein Großsegel und legte im Sommer 2019 in Pula ab. "Ein Boot ist nie fertig. Ich hab genau gewusst, dass ich das jetzt machen muss, bevor sich die Prioritäten im Leben verschieben. Ich habe daher vieles erst unterwegs erneuert", erkärt Puttinger seinen Ansatz.

All-In-Lösung

Anders als die meisten Blauwasser-Segler ist der Wind- und Solarkraft-Spezialist kein Aussteiger, sondern arbeitet an Bord weiter an seinen Projekten. "Die sind einfach zu spannend, um damit aufzuhören", beteuert Puttinger. Nachdem er sich von Kroatien über Montenegro, Albanien, Griechenland und den Suezkanal ins Rote Meer vorgearbeitet hat, legt der Wind-Junkie einen längeren Zwischenstopp in El Gouna, Ägypten ein. Er beschäftigt sich mit Solar- und Berufsbildungsprojekten und hilft mit, das Charter- und Ausbildungsunternehmen Red Sea Sails aufzubauen.

Im Februar 2020 setzt Puttinger seine Reise fort und bricht gemeinsam mit Zakaria, einem langjährigen ägyptischen Freund, Richtung Dschibuti auf. Möglichkeiten für einen Zwischenstopp gibt es auf dieser Strecke kaum. Eritrea, Saudi-Arabien und Jemen will Puttinger meiden, er hält sich an die westliche Küste des Roten Meeres.
Im Süden von Ägypten, an der Grenze zum Sudan, platzt die Dieselleitung und hundert Liter Treibstoff entleeren sich in die Bilge. Zum Glück ist ein Freund zufälligerweise gerade in der Nähe auf einem Tauchsafari-Boot unterwegs und kann mit ein paar Kanistern aushelfen. Trotzdem muss Puttinger mit dem Sprit ab nun äußerst sparsam umgehen.

Prompt kommt es an der ungünstigsten Stelle am südlichen Ausgang des Roten Meeres, im Nadelöhr zwischen Eritrea und Jemen, zu einer brenzligen Situation, wobei sich zu allem Überfluss auch noch der Nordost-Monsun aus dem Indischen Ozean durchsetzt. "Wir hatten keinen Sprit, rundherum Riffe, schlechte Seekarten und befanden uns mitten in einer Hauptverkehrsroute für die Großschifffahrt mit einer 90-Grad-Kurve, in der sich Frachter gegenseitig überholten", erinnert sich Puttinger. Ankern scheint ihm in diesen Gewässern zu unsicher zu sein und so müssen die beiden Abenteurer in den sauren Apfel beißen: "Wir haben uns vom Land freigesegelt und in einer Nacht 30 Wenden gemacht. Einer hatte ständig das AIS im Blick und funkte mit den Frachtern, der andere hat gesteuert", erzählt Puttinger.

Die Erleichterung ist groß, als in Dschibuti, der Hauptstadt des gleichnamigen ostafrikanischen Staates, der Anker fällt. Bevor Puttinger zurück zur Arbeit nach Ägypten fliegt, erkundet er mit seiner Freundin Verena noch den Golf Ghoubbet-el-Kharab.

Alleingang

Mitte März schwappt die Corona-Pandemie über die Welt und macht auch vor Afrika nicht Halt. Ein Staat nach dem anderen schließt die Grenzen und stellt den Flugverkehr ein. "Plötzlich hat es geheißen, der letzte Flug nach Dschibuti geht in fünf Stunden. Wenn ich den nicht erreicht hätte, hätte ich Webik mehrere Monate unbeaufsichtigt in einem Kohlenhafen mit einem Meter hoher Welle stehen lassen müssen. Das ist wie ein Porsche Cabrio mit offenem Verdeck im Winter in einem Slum zu parken. Sie wäre gestohlen worden oder kaputt gewesen", erinnert sich der Oberösterreicher mit Schaudern.

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