Bockdown – ein deppertes Manöver

Prosit Neujahr 2022! Und bitte nicht vergessen: Der Optimist ist viel mehr als eine Bootsklasse für den Nachwuchs

Bockdown – ein deppertes Manöver

Wir müssen aufpassen, dass sich der x-te Lockdown nicht zum Bockdown entwickelt. Keinen Bock zu haben, ist für uns Segler wirklich kein schulmäßiges Manöver. Schließlich haben sehr viele von uns diesen wundervollen Sport auf einem Boot der Klasse „Optimist“ gelernt! Wenn wir als Segler sagen „Wir hoffen auf eine Wende“, so klingt das fast zu bescheiden. Wir wünschen uns natürlich nicht nur eine, sondern unzählige perfekte Wenden auf dem Wasser. Doch am innigsten sehnen wir die Corona-Wende herbei. Wir haben auch nichts gegen hohe Wellen, selbst wenn der eine oder die andere dann ein bisserl seekrank werden sollte. Aber auf eine weitere Corona-Welle würden selbst die härtesten Seebären unter uns gern verzichten. Zumal sehr viele von ihnen zur Risikogruppe zählen.

Versuchen wir also, im neuen Jahr 2022 in jeder Hinsicht optimistisch zu bleiben, ohne gleich deppert zu werden. Ich wünsch‘ mir zum Beispiel auch, dass kein weiterer Ozeanriese im Suezkanal stecken bleibt, dass die Polkappen langsamer schmelzen, dass der Meeresspiegel nicht mehr steigt, dass die beängstigenden Wetterphänomene nicht weiter zunehmen, dass keine chinesischen Fischfangflotten die Galapagos-Inseln gefährden. Vor allem, dass keine flüchtenden Menschen ertrinken müssen. Und nebenbei, dass sich die Vulkane der Liparischen Inseln, auf Sizilien und auf La Palma wieder einkriegen.

Optimismus hilft uns in schweren Krisen. Deppert sein versetzt uns in schwere Krisen. So einfach ist das. Dazu ein paar Beispiele:

Es ist optimistisch, wenn wir uns im Hafen in die letzte – rein optisch viel zu enge – „Parklücke“ zwischen zwei Fischerboote quetschen wollen. Es ist deppert, wenn wir das Gleiche zwischen den Rümpfen eines Katamarans versuchen.

Es ist optimistisch, wenn wir darauf hoffen, dass uns die Jadrolinija-Fähre ausweicht, bevor wir dann doch lieber eine Halse fahren. Es ist deppert, wenn wir auf unserer angeblichen Vorfahrt beharren.
Es ist optimistisch, wenn wir im Vorstart-Gemetzel einer Regatta „RAUM!“ schreien, um einen störenden Rivalen zu verscheuchen. Es ist deppert, wenn wir das Boot der Rennleitung anbrüllen.

Es ist optimistisch, wenn wir versuchen, vor einer Windhose davon zu segeln oder schlimmstenfalls unter Motor zu entkommen. Es ist deppert, den Kurs zu halten und sicherheitshalber nur ein bisserl zu reffen.

Es ist optimistisch, wenn wir dem Schlauchboot-Kellner eines kroatischen Wirtshauses beim Festmachen an seiner Boje bedingungslos vertrauen. Es ist deppert, ihm nicht zu vertrauen, wenn er uns empfiehlt, genau an dieser Boje auf gar keinen Fall festzumachen.

Es ist optimistisch, über die Reling zu pinkeln und dabei zu hoffen, dass der Wasserspiegel des Neusiedler Sees irgendwann wieder steigt. Es ist deppert, sich jetzt eine 30-Fuß-Yacht mit mehr als einem Meter Tiefgang genau für diesen See zuzulegen.

Es ist optimistisch, wenn ich mich darauf freue, nach der elendslangen Zwangspause mit meinem Segel-Kabarett Abdrift irgendwann wieder vor echten Menschen auftreten zu dürfen. Es ist deppert zu glauben, dass derselbe Schmäh wie damals nach zwei Jahren genauso gut ankommt. Zum Beispiel sollte ich nach dem Begrüßungsapplaus Folgendes sicher nicht sagen: „Ich freu mich! Ihr seid alle sooooo positiv!“ Das könnte eine Massenpanik auslösen.

Hoffentlich fallen mir bis dahin bessere Pointen als die soeben geschriebene ein. Sonst fragt mich womöglich ein guter Freund im Anschluss an den ersten Auftritt nach Corona: „Na? Wie ist es dir ergangen?“ Und ich werde – beseelt von meiner zwangsoptimistischen Lebensphilosophie – antworten: „Es war großartig! Die Leute sind weggegangen wie die warmen Semmeln!

Jedenfalls ist es optimistisch, wenn wir für 2022 auf das Ende der Pandemie und damit auf ein entspanntes, normales Seglerleben hoffen. Deppert ist es hingegen, wenn wir selber nichts dazu beitragen.

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