Vierzehn Tage und zehn Stunden

Kolumne Jürgen Preusser: Erinnerungen an ein Abenteuer auf einer VOR-Yacht

16. April 2002. Der Immigration Officer am Flughafen von Washington D.C. schaute ein bisserl eingeschüchtert drein, fast ehrfürchtig. Das lag eindeutig an meinem nautischen Spezialvisum. Er musste mich für einen großen Seefahrer halten, obwohl mir damals noch ein paar Meilen für diesen Status fehlten. Als Journalist und Segler durfte ich auf einem Volvo-Ocean-Racer der vorherigen Generation mit schwedischer Profi-Crew den Atlantik überqueren und so das Rennen begleiten.
Ich, der Hobbyskipper, überspielte meine an Todesangst grenzende Nervosität durch sinnlose Beweise meiner unerschöpflichen Kompetenz. Flockig sprang ich von Bord um Sachen einzuladen, stolperte über einen Festmacher, den ich soeben selbst schulmäßig belegt hatte, und fiel auf die Schnauze.
Johan, der Profiskipper, bat mich, wenige Minuten nachdem wir einander kennengelernt hatten: „Jürgen, not too much action, please.“ Einmal auf den Holzplanken der Realität gelandet, verhielt ich mich fortan ruhig, demütig, fleißig, folgsam und unauffällig.
Vor mir lagen 3.500 Seemeilen zwischen Annapolis und La Rochelle und die körperlich anstrengendsten vierzehn Tage und zehn Stunden meines Lebens, in denen ich sieben Kilo abnehmen sollte. Das lag nicht am durchaus kalorienreichen Essen, trotzdem entwickelte ich einen abgrundtiefen Hass auf dieses nautische Trockenfutter. Meinen Journalisten-Kollegen Edouardo trieb diese unmenschliche Nahrung sogar in den Wahnsinn. Erst nach einem zehngängigen Menü inklusive zehnminütiger Diskussion mit dem französischen Haubenkoch in La Rochelle war der italienische Gourmet wieder halbwegs bei sich.
Ziemlich genau in der Mitte des Atlantiks war wieder einmal ich mit dem Kochen dran. Als ich die Pressspanplatten-Brösel aus einem großen Alu-Sack in einen Topf mit entsalztem Meerwasser schüttete, erwischte mich eine Welle auf dem falschen Fuß. Die Späne ergossen sich in die offene Bilge, in der die Sturmsegel gelagert waren, und vermischten sich dort mit dem gut abgestandenen Seewasser zu pampigem Zement.
„Jürgen, get this shit out.” Kopfüber, bei vierzig Knoten Wind und acht Meter hohen Wellen, gelang mir die Mission Impossible. Als ich der Deckscrew das „Essen“ (frisch angerührter Zement – diesmal ohne Bilgeschlamm) servieren wollte, jagte mich eine Quereinsteiger-Welle zurück in den Niedergang.
„Jürgen, you brought half the Atlantic in here. Get it out again.” Irgendwie mochte ich ihn trotzdem. Den Schwamm und die Pütz eher weniger, nach den nächsten zwei Stunden.
Ach ja, gesegelt wurde auch: Bei nie weniger als 20 und nie mehr als 55 Knoten Wind, 13 der 14 Tage raumschots. Die Hälfte der Zeit regnete es, der Sternenhimmel in den beiden einzigen wolkenlosen Nächten war ebenso atemberaubend wie die Schulen von bis zu fünfzig Delfinen, die des nachts durch das aufgeladene Plankton zehn Meter lange, grün und rosa leuchtende Linien in den Atlantik zauberten.
Speed im Schnitt 15 Knoten. Rekord beim Surfen 32,3 Knoten – standesgemäß erreichten wir ihn mit Skipper Johan am Steuer. Ich selbst kam auf 29,9. „Jürgen, go to sleep and dream of it.“ Ich träum‘ noch heute davon.
Ein zehn Meter hoher Heckeinsteiger kostete uns eine der beiden Rettungsinseln und verursachte ein paar leichte Verletzungen. Vier der zwölf Crewmitglieder waren stets an Deck, beim Segelwechsel acht.
Im Golfstrom flog uns permanent warmes Wasser um die Ohren, manchmal auch ein fliegender Fische an den Kopf. Tut übrigens ziemlich weh. Ungenießbar sind die Viecher auch noch. Selbst wenn sie gerade erst an Deck gelandet sind, fischeln sie dermaßen penetrant, dass man sich kurz nach dem Kochzement sehnt. Sehr kurz.
Als der Golfstrom hinter uns lag, wurde die Dauerdusche deutlich kälter. Irgendwann entdeckte der deutsche Kollege von der ARD ein Leuchtfeuer. Das beförderte ihn vor Freude zurück in den Stimmbruch. Ein geniales Gipfelerlebnis.
„Jürgen, it can be much worse!“ Danke, Johan.
Ob ich sowas wieder tun würde? Ja. Vorausgesetzt, Edouardo und ich übernehmen die Verpflegung.

* Bericht und Vorstellung der Teams finden sich ab Seite ??

Übrigens zu meinem Steckbrief: Es sind inzwischen 19.000 Seemeilen und zehn Olympische Spiele, weil ich in Sochi war. Und statt dem Wort regelmäßig wäre ab und zu passender und ehrlicher.
Danke für die entsprechenden Korrekturen,
Liebe Grüße,
Jürgen

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