König der Tasten

Der Anlass war unbedeutend, die Folgen verheerend. Rechtzeitig vor Weihnachten wurden in dieser Zeitschrift ausgewählte österreichische Segel-Promis zwar nicht nach dessen Sinn, aber immerhin nach seiner ökonomischen Komponente gefragt, sprich: Was schenkst du? Mein konsumkritisch-hochmütiger Überblätterimpuls wurde von voyeuristischer Neugier besiegt und so erfuhr ich dies und das. Schließlich stolperte ich über H. P. Steinachers Geschenk an seinen Sohn (ja, ja, zum Glück gibt es dafür Söhne …) – eine Regattasimulation am PC – und es war um mich geschehen: „Erleben Sie … aufregende Regatten … vier verschiedene Boote … berühmteste und beliebteste Segelreviere der Welt … realistischer 3D-Engine … verschiedene Blickwinkel …“ – ja, jaaa, jaaaaaa!
Ein fast lupenreiner Spontankauf über Internet war binnen weniger Minuten erledigt. Fast spontan: Immerhin liebäugle ich, speziell fasziniert von der Variante mit Mini-Pinne als Joystick-Ersatz, seit Jahr und Tag mit so einem Zeitvertreib. Aber jetzt: Nach einigen Tagen trudelte das Spiel per Post ein, die Installation war relativ schnell erledigt und los ging’s.
Zunächst Wahlentscheidungen: America’s Cupper, Melges 24, Offshore Racer oder Trimaran Open 60? Sonnig, Regen, Tag, Nacht? Fleet oder Match Race? San Francisco, Porto Cervo, Auckland oder Sydney? Vier, fünf, sechs oder sieben Windstärken? Anfänger, Normal, Fortgeschritten oder Profi? Der Mantel des Schweigens sei über die eher unbeholfenen ersten Schritte im Trainingsmodus gehüllt. Kaum zu schaffen, in einer vorgegebenen Zeit mit schlichter Links-rechts-Tastensteuerung einen bestimmten Kurs einfach abzusegeln. Wenden wie Halsen arteten in wilde, jedem Opti-Anfänger-Kurs zur Ehre gereichende Schlenkerbewegungen aus. Aber – Triumph! – die Manöver wurden besser, die Selbstsicherheit wuchs. Auf in die erste Regatta: Sonnenschein, 6 Windstärken, America’s Cupper, 5 weitere Teilnehmer. Den Start versch…enkt, dann auf der Kreuz ganz gut dabei, auf der Vorwind mit Spinnaker alles wieder verloren, Extremschlag auf der zweiten Kreuz, Anschluss gefunden, die zweite Vorwind dann völlig verschlafen – das gibt’s doch gar nicht: wie im richtigen Leben! Also, zweiter Versuch, gleiche Konstellation, schon ein wenig besser, bereits Dritter im Ziel. Nach einigen Regatten schreckt wildes Geheul meine Familie auf – Sieg, Sieg, Siiiiieg!!!!
Heute bin ich routinierter, wenngleich vereinsamter Player. Sicher navigiere ich meine – meine! – Boote über den Parcours, bin über den automatischen Anfängermodus weit hinaus und bestimme selbst die Segelstellung, wechsle blitzschnell von der Vogelperspektive über die Bordkamera zur Totale von schräg vorne und weiß über Wendewinkel, Target Speed und Velocity Made Good meiner – meiner! – Boote Bescheid. Allerdings: Die beste Ehefrau von allen kenne ich kaum mehr, unsere jüngste Tochter Katharina hat sich nach anfänglicher Begeisterung für die Rolle als Spinnakercrew ebenfalls abgewandt. Sollten Sie mich heuer nicht auf dem Wasser treffen – ich bin im Internet-Multiplayer-Modus. Sie bestimmen Ort und Bootsklasse, ich Wind und Wetter – okay?

Weitere Artikel aus diesem Ressort

Ressort Kreuzpeilung
Lockdown-bedingt verläuft der Abend ruhig, untermalt von der Pörtschacher Singgemeinschaft und ihrer Interpretation von „Sing ma im Advent“. Plötzlich draußen ein herzzerreißender Jammerschrei. Ich öffne die Terrassentür – und sehe das Weihnachtsengerl. Verstört lehnt es in der Ecke. Meine einladende Geste beantwortet der Gefiederte nach kurzem Zögern mit dem Eintreten.









 

Mehr Wir, weniger Ich

Ressort Kreuzpeilung
Ohne Zugriff auf digitale Welten geht heute (fast) nichts mehr. Das Handy, längst vom Telefon zum elektronischen Allzweckwerkzeug mutiert, erschließt ebendiese im Alltag auf einfache Weise. Das mag man je nach Standpunkt und Umstand bejammern oder begrüßen, Fakt ist: Digital-ohne ist bis auf weiteres nicht mehr vorstellbar.









 

Die Speisekarte macht nicht satt

Ressort Kreuzpeilung
Sommerzeit ist Urlaubszeit. Und mit der Urlaubgestaltung ist es so wie mit persönlichem Geschmack: Darüber lässt sich nicht streiten, sondern allenfalls freudig erstaunt, gleichgültig oder sich gruselnd abwendend reagieren. Ersteres ist mir in diesem Sommer angesichts der Urlaubsgestaltung einer (nicht: meiner) Familie am Neusiedler See passiert. Was war gelaufen?









 

Kein Titel!

Ressort Kreuzpeilung
Für viele von uns ist das Segeln die schönste Nebensache der Welt. Über lange Jahre war es relativ klar, was es umfasst: Boot, Mast, Segel – und aus. Heute ist das anders – und das hat durchaus Konsequenzen. Auf lokaler Clubebene stellt sich etwa die Frage, ob schwimmende Untersätze wie Elektro- oder Motorboote bei allfälliger Knappheit von Liegeplätzen gleiche Priorität haben sollten wie Segelboote. Auf globaler Ebene wurden die Folgen aktuell sichtbar, als über die Auswahl einer Klasse für die Segelbewerbe vor Marseille bei den Olympischen Spielen 2024 diskutiert wurde. Bei der Vorbereitung der Entscheidung und in Abschätzung der Auswirkungen auf die betroffenen Seglerinnen und Segler, ihre Verbände, die Verankerung von Segeln als olympischen Bewerb und die Attraktivität des Segelsports für Medien sowie breite Öffentlichkeit wurde eines überdeutlich: Es gibt keine Einigkeit darüber, was alles unter „Segeln“ verstanden werden soll.









 

Schatz, ich geh dann mal Segeln!?

Ressort Kreuzpeilung
Nicht jeden Geburtstag muss man feiern. Nein, ich denke jetzt nicht an diejenigen unter uns, die spätestens nach einem an der Zehnerstelle auftauchenden Fünfer abtauchen, sondern an den eben absolvierten Jahrestag des ersten Covid-Lockdowns. Das vergangene Jahr hat tiefe Spuren hinterlassen – auch bei den Seglerinnen und Seglern. Eine Liste des Jammers wäre lang und wenig originell. Vielleicht besser auf die helle Seite schauen? Gerne! Hier ein spezifischer Versuch.









 

Du lebest hoch

Ressort Kreuzpeilung
Ich bin mittendrin. Dank technologischem Fortschritt ist das zumindest mein Eindruck bei den gerade laufenden Großereignissen im Segelsport, Vendée Globe und America’s Cup. Klar, nüchtern gesehen bin ich ein fauler couch potatoe – aber wie gesagt mittendrin und nicht nur dabei.









 

Je suis Boris & Ben