An Bord rostet sogar Baumwolle

Gerlinde Sailer und Gunther Redondo, die seit eineinhalb Jahren auf einer uralten Hallberg-Rassy unterwegs sind, über Höhen und Tiefen im Alltag eines Blauwasserpaares

An Bord rostet sogar Baumwolle

Gewitter auf See. Blitze. Beruhigung. Wieder Gewitter. Seit Tagen geht das so. Ein Squall lässt Gunther aufspringen – er bezahlt mit einer angeknacksten Zehe.
Später, vor Anker, schwankt die Stimmung mit dem Boot: Schlafmangel, eine fliegende Espressomaschine und zersplitternde Müslischüsseln tragen wenig zu einem versöhnlichen Frühstück bei. Dann Geschirr spülen, bei dem Geschaukel. Und das Unterwasserschiff reinigen – das ungeliebte Rasenmähen des Bootseigners.
Sind es Situationen wie diese, die unseren Alltag an Bord beschreiben? Ein Thema, zu dem viele Fragen gestellt werden. In den Köpfen sitzt das Bild von der Hängematte unter Palmen; und doch ahnen die meisten, dass das wohl nicht alles sein kann. Nach 18 Monaten an Bord der Muoza fragen auch wir uns: Haben wir uns das Leben am Wasser so vorgestellt? Und falls nicht: Was hält uns, warum machen wir weiter?
Dass eine Reise kein Urlaub ist, das war uns klar. Dennoch mussten wir erst einmal diverse von Chartertörns stammende Vorstellungen über Bord werfen. Kein tägliches Gleiten im gemäßigten Halbwind, kein ständiger Wechsel von Marina zu Bucht. Wenn wir einen guten Ankerplatz gefunden haben, bleiben wir eine Weile. Steht die nächste Passage an, sind wir oft mit unangenehmen Kreuzseen konfrontiert, mit zu viel oder zu wenig Wind. Segeln ist nicht das Ziel der Reise – sondern das, was man in Kauf nimmt. Ist man mit einem Wohnmobil unterwegs, versucht man ja auch nicht möglichst viel Zeit hinter dem Lenkrad zu verbringen.
Unser Leben als Blauwasserpaar besteht zu zehn Prozent aus Segeln und zu 90 Prozent aus der Vorbereitung darauf. Ständig sind wir daran den Haushalt in Schuss zu halten, das Boot zu warten, Ersatzteile zu organisieren, Wetterberichte zu checken. Erst wenn die ewig wachsende To-do-Liste ein Stück weit abgearbeitet ist, fahren wir weiter. Süßes Nichtstun in der Hängematte? Kommt vor – aber seltener als zu Hause in Österreich. Das hätten wir uns anders gewünscht, zugegeben.
Außenstehende mögen unsere Reise als Ausstieg wahrnehmen, für uns verhält es sich genau umgekehrt. Wir erfahren unaufhörlich Unerwartetes. Noch nie haben wir eine derartige Intensität des Lernens erlebt. Wir sind Einsteiger, die sich täglich neuen Herausforderungen in neuer Umgebung stellen.
Segeln ist ein Gleichnis für das Leben; man sitzt buchstäblich in einem Boot. Die Kunst besteht darin, alle Systemebenen in Einklang zu bringen, sonst kann man weder segeln noch vor Anker liegen. Rigg, Rumpf, Elektrik, Gas, Wasser, Motor, Wind, Welle, Navigation, Geräte, lokales Recht – und das Zusammenleben mit anderen.
Überall stoßen wir auf das zweite thermodynamische Prinzip: Sobald du aufhörst, Energie in die Aufrechterhaltung des komplexen Systems „Boot“ zu stecken, beginnt dessen Verfall. Klingt theoretisch, wirkt sich aber erschreckend praktisch aus. Woche für Woche sehen wir Dingi, Persennings, Kleidung, Pumpen, Schläuchen, jedem einzelnen Teil an Bord – vielleicht sogar der Moral – beim Zerfall zu. In Europa kann man diesem Prozess durch Fachgeschäfte, Online-Angebote und leicht verfügbare Spezialisten entgegenwirken. Unterwegs sind passende Waren und Experten oft über Monate nicht verfügbar. Wird etwas bestellt, braucht es Zeit und Geld. Und Glück bei der Zustellung. Geduld und Improvisationsgeschick mit Bordmitteln sind gefragt.
Menschen machen Mühe
Wie kommt ihr als Paar mit der Enge an Bord zurecht? Eine Kernfrage. Raum ist begrenzt. Wenn der eine arbeitet, ist der andere im Weg. Werden zwei Aufgaben zugleich begonnen – beispielsweise Kochen und Wassermacher Warten – sieht es bald aus wie auf einem Schlachtfeld. Ähnelt der Weg durch das Boot einem Hindernisparcours, ist das der Laune nicht zuträglich. Oft sitzen wir uns einfach zu nah auf der Pelle. „Du hast schon wieder nicht ...“, „Jedesmal, wenn du ...“, „Ja, aber ...“ – Sätze wie diese sind schnell gesagt. Manchmal muss man Luft ablassen, braucht einen Kratzbaum und dann zankt man sich mit dem Partner. Die Bootsgröße spielt dabei eine untergeordnete Rolle: Bei richtig dicker Luft helfen auch 65 Fuß nicht. Im Gegenteil: Mehr Schiff, mehr Wartung, mehr Reparaturen, mehr Konfliktpotenzial.
Zu Hause schließt man einfach die Tür hinter sich, an Bord kommt man buchstäblich nicht so leicht davon: Dingi zu Wasser lassen. Verbraucher ausschalten. Luken und Schotten schließen. Geld, Sonnen- und Moskitoschutz einpacken. Schuhe ins Dingi werfen. An Paddel und Reservesprit denken. Motor starten, Leine loswerfen, an Land tuckern. Dingi absperren. Ganz schön umständlich. Und sowieso nur möglich, wenn man sich gerade nicht auf hoher See befindet.
Gäste an Bord, auch so ein Thema. Wie erklärt man Besuchern, dass man als Fahrtensegler zwar auf einem Boot, aber nicht auf Urlaub ist?

Den gesamten Bericht lesen Sie in der Yachtrevue 3/2016, am Kiosk ab 26. Februar. Er ist Teil eines ausführlichen Blauwasser-Spezials, in dem weitere Blauwassersegler, die sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Auszeit befinden, zu Wort kommen.

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