Von Lümmeln und kalten Eiern

Fachchinesisch: Die Sprache der Segler ist ganz eindeutig zweideutig

Von Lümmeln und kalten Eiern

Neulich im guten Segel-Fachhandel:
Kunde vom Typ „Wenn-mein-Schiff-sinkt-baue-ich-mir-aus-Bordmitteln-ein-Floß-mit-Notrigg“: „Haben Sie einen Splint, der in meinen Lümmel passt?“
Verkäufer (lacht) : „Welchen Lümmel meinen Sie?“
Kunde (verärgert) : „Schicken Sie mir Ihren Chef.“
Verkäufer: „Aber bitte, gerne.“ (Geht kichernd ab.)
Chef (kommt) : „Ja, bitte, wie kann ich Ihnen helfen?“
Kunde: „Ihr Verkäufer weiß nicht, was ein Lümmel ist.“
Chef: „Nein, weil das, was sie da haben, gar kein Lümmel ist.“
Kunde: „Sehr interessant, denn ich habe diesen Lümmel selbst gebaut!“
Ich weiß nicht, wie die Sache ausgegangen ist, weil ich wegen eines Lachkrampfs aus dem Geschäft gehechtet bin. Ich gebe ja zu, dass manche nautische Vokabel nicht ganz geschmeidig über die welligen Lippen gehen. Ein Lümmel ist nun einmal die Verbindung zwischen Baum und Mast. Ganz im Gegensatz zum Hafenlümmel; so nennen die Hamburger eine Bockwurst mit Pommes. Ein Slip ist eine Schlaufe, mit deren Hilfe ein Knoten schnell gelöst werden kann. Abgreifen heißt, die Entfernung auf der Seekarte mit Hilfe des Zirkels zu messen. Ein Hundsfott ist eine Öse an einer Talje oder an einem Block. Als Kalte Eier bezeichnet man jenen Gezeitenstrom, der kaltes Wasser an die Oberfläche fördert und somit Nebel erzeugt. Und das Kielschwein ist nicht etwa jener Lümmel, der all diese Schweinereien erfunden hat, sondern der Holzblock, in dem das untere Ende des Mastes steckt.
Laien und Landratten sind oft überfordert, wenn so ein Salzbuckel auspackt. Nein, also nicht auspackt in dem Sinn, sondern wenn er loslegt mit seinem nautischen Fachchinesisch. Andererseits brachte ich neulich ganz unverhofft und unbeabsichtigt einen Verkäufer in Verlegenheit. Und zwar nicht im Segel-Fachgeschäft, sondern in einem simplen Baumarkt.
Ich: „Haben Sie einen Saugheber, der auch unter Wasser hält?“
Verkäufer: „Wie bitte?“
Ich: „Ich will mich damit am Rumpf festhalten, um einen kleinen Schaden am Unterwasserschiff auszubessern.“
Verkäufer: „Sie meinen ein U-Boot?“
Ich: „Nein. Vergessen Sie das mit dem U-Boot. Ich brauche einen Saugheber.“
Verkäufer: „Einen kleinen Moment bitte, ich muss im Lager fragen …“ (Verschwindet und kommt nach einer guten Viertelstunde wieder.)
„Nein, tut mir leid. Saugheber haben wir nicht im Sortiment.“
Ich: „Macht nix. Ich hab‘ inzwischen im Regal einen gefunden. Danke trotzdem.“
Verkäufer: „Bitte, gerne. Viel Spaß auf Ihrem Unterwasserschiff!“
Neulich habe ich auf eBay einen Frosch entdeckt. Keinen, der durch den Garten hüpft. Auch keinen, aus dem bei richtiger Behandlung ein Prinz wird. Nein, ein Frosch ist eine ganz bestimmte Drahtseilklemme. Zu folgendem naheliegenden Dialog kam es erst gar nicht, als ich beim Anbieter anrief: Ich: „Haben Sie einen Frosch?“ Er: „Sind Sie ein Ostfriese?“ Ich: „Warum?“ Er: „Wir sind ein Bootsgeschäft, keine Tierhandlung.“ Witzig.
Manchmal reicht schon das sprachliche Missverständnis-Potenzial zwischen Deutschland und Österreich, um ein Geschäft zum Scheitern zu bringen. Denn nach folgendem Telefonat mit einer Hamburger Firma schien mir der geplante Froschkauf völlig aussichtslos:
Dame (hebt ab): „Firma Kleenstüber & Wolfsmütter, Drahtseilerzeugnisse, Herstellungs- und Handelsgesellschaft; Sie sprechen mit Office-Managerin Babette Krusen-Wegertritt, einen wunderschönen guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“
Ich: „Äh… Guten Tag, Preusser aus Wien, kann ich bitte Herrn Gehrmüller sprechen?“
Frau K-W: „Moment bitte, ich muss Sie umlegen.“
Ich: „Ist das nicht eine etwas zu harte Strafe für meine simple Frage?“
Frau K-W: „Wie meinen Sie das?“
Ich: „Na dass Sie mich gleich umlegen wollen ...?“
Frau K-W: „Sie müssen schon sagen, was Sie wollen...“
Ich: „Nicht umgelegt werden und Herrn Gehrmüller sprechen.“
Frau K-W: „Wie stellen Sie sich das vor?“
Ich: „Gewaltfrei und schmerzlos.“
Frau K-W: „Gut, dann leg ich Sie jetzt um.“
Die Frau ist gnadenlos. Lebt wohl, meine Freunde ...

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