Trübe Aussichten

Der Wasserstand des Neusiedler Sees liegt auf besorgniserregend niedrigem Niveau. Schnelle Abhilfe ist nicht in Sicht, aktives Schlamm- und Schilf-Management soll die Situation in den kommenden Jahren verbessern

Trübe Aussichten

Diese Zahl beunruhigt eine ganze Region: 115,23. Sie benennt den Mitte März gemessenen Wasserstand am Neusiedler See und das ist laut den langjährig vom Hydrographischen Dienst des Amts der Burgenländischen Landesregierung gesammelten und auf dem Wasserportal Burgenland veröffentlichten Daten der tiefste Wert, der seit 1965 um diese Jahreszeit erhoben wurde. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Wasserstand Mitte März liegt bei 115,58 ü.A.

Ein alarmierender Zustand also – der aber keinesfalls überraschend kommt. Schon im Vorjahr lag der Wasserstand deutlich unter dem Mittel. Für einen halbwegs entspannten Saisonstart hätte es einen feuchten Herbst und einen schneereichen Winter gebraucht, doch die Hoffnungen darauf wurden nicht erfüllt. Im Gegenteil: Ab März war das Jahr durchgehend zu trocken, weiß der Leiter der ORF-Wetter-Redaktion Markus Wadsak, der in Neusiedl wohnt und die Veränderungen in der Region besonders aufmerksam verfolgt. „In Summe sind 2021 nur 545 Liter pro Quadratmeter gefallen, das ist deutlich weniger als üblich. 2020 waren es beispielsweise 712 Liter“, fasst der Meteorologe, der kürzlich ein Buch über den Klimawandel veröffentlicht hat, die Fakten zusammen, „gleichzeitig lag 2021 die Temperatur um 1° über dem Mittel.“

Eine fatale Kombination. Wird der See also in absehbarer Zeit austrocken, so wie es zuletzt in den Jahren 1864–1870 der Fall war? Die ungarisch-österreichische Gewässerkommission hat sich ausdrücklich dazu bekannt, das verhindern zu wollen, hierzulande wurde aus diesem Grund im Mai 2020 eine eigene Task Force gegründet und diese damit beauftragt, Gegenstrategien zu entwickeln. Leiter Christian Sailer präsentierte noch im selben Jahr als überregionale Maßnahme die Zuleitung von Fremdwasser aus der Mosoni Duna, einem Seitenarm der Donau, der durch Ungarn und die Slowakei fließt. Der Plan sah vor, dass Ungarn einen bereits bestehenden Bewässerungskanal bis zur Grenze bei Andau verlängert und Österreich an diesem Punkt übernimmt, als frühestmöglicher Baubeginn wurde das Frühjahr 2022 genannt.

Weiterhin im Wartezimmer


Doch von einem Startschuss für dieses Megaprojekt kann derzeit keine Rede sein und das liegt nicht nur an der harschen Kritik diverser heimischer Naturschutzorganisationen. „Auf ungarischer Seite sind zwar alle Genehmigungen vorhanden“, beschreibt Christian Sailer die aktuelle Lage, „aber die nationale Finanzierung ist ungeklärt und uns wurde bis dato kein konkreter Termin genannt, wann es tatsächlich losgehen soll.“ Das Projekt sei nicht gestorben, betont Sailer, befinde sich aber derzeit in Schwebe. Dass Anfang April die Parlamentswahl in Ungarn stattfindet, dürfte zu diesem Stillstand beigetragen haben.

Der Zeithorizont für eine Umsetzung der Zuleitung rückt damit in immer weitere Ferne. „Wir sind von den Ungarn abhängig“, beschönigt Sailer nichts, „wenn die zu bauen beginnen, können wir bestenfalls zwei Jahre später das Wasser an der Grenze übernehmen.“ In dieser Zeit würden dann die Detailplanung für den österreichischen Teil sowie die Umweltverträglichkeitsprüfung erfolgen, so Sailer.

Bereits vorliegend ist eine Machbarkeitsstudie, die von der DWS Hydro-Ökologie, einem technischen Büro für Gewässerökologie und Landschaftsplanung, im Auftrag des Amts der burgenländischen Landesregierung erstellt wurde und positiv ausfiel. „Wir haben anhand von Langzeitdatenreihen die chemische Zusammensetzung des Dotationswassers und des Seewassers verglichen und geprüft, ob es in Hinblick auf die Wasserqualität einen Ausschließungsgrund für die Zuleitung gibt“, erklärt Geschäftsführer Dr. Georg Wolfram, „da geht es etwa um Nährstofffrachten oder potenzielle Schadstoffe.“ Das Ergebnis sei eindeutig gewesen, so Wolfram: „Es besteht kein großes Risiko, dass die Besonderheiten des Öko-Systems Neusiedler See durch Fremdwasser aus der Moson in Mitleidenschaft gezogen werden. Von der Menge her gibt es natürlich ein Limit, aber das wird aufgrund der technischen Gegebenheiten nicht erreicht.“

Das Moson-Wassers wäre also für eine Zuleitung grundsätzlich geeignet, bestätigt Christian Sailer, diverse Details seien aber noch zu klären. „Das Horrorszenario der Aussüßung und Veralgung des Sees, das manche Naturschützer entwerfen, darf und wird nicht passieren“, bekräftigt er.

Graue Masse

Ob eine Dotierung mit Fremdwasser den See rettet oder ihm – wie etwa vom WWF prophezeit – den „Todesstoß versetzt“, darüber dürfte noch heftig diskutiert werden. Unstrittig ist hingegen, dass es sich um eine Maßnahme mit sehr langer Vorlaufzeit handelt, die keinen Einfluss auf die aktuelle Situation hat. Und wenn irgendwann Moson-Wasser in den See fließen sollte, werden die Wassersportler aufgrund der laut Planung geringen Menge davon kaum profitieren.

Das Land Burgenland hat daher im Jänner 2022 eine eigene See-Management GmbH ins Leben gerufen, die gesamtheitliche und vergleichsweise kurzfristig umsetzbare Lösungen erarbeiten soll. Als ein zentrales Thema wurde in diesem Zusammenhang die Entfernung des allgegenwärtigen Schlamms genannt. 55 Millionen Kubikmeter Schlamm befinden sich insgesamt am Seeboden, eine Million Kubikmeter wolle man in den nächsten zehn Jahren herausholen, ließ Infrastruktur-Landesrat Heinrich Dorner wissen, und sich dabei vor allem auf die stark verschlammten Buchten konzentrieren.

Klingt gut, wirft aber einige Fragen auf. Mit welchem Verfahren soll der Schlamm entfernt werden? Wie und zwischen wem wird die Finanzierung aufgeschlüsselt? Und vor allem: Wohin mit diesen enormen Mengen? „Schlamm ist eine Suspension aus Wasser und feinen Schwebstoffen, der sich grundsätzlich mit unterschiedlichen Methoden entfernen lässt“, erklärt Helmut Böhm, langjähriges Vorstandsmitglied im UYCNs und Chef der gleichnamigen, in Neusiedl situierten Transportfirma, die sich auch mit Gewässersanierung beschäftigt und zu deren Fuhrpark mehrere hochspezialisierte Entschlammungsfahrzeuge zählen. Man kann den Schlamm beispielsweise in Becken oder Spülfelder pumpen, was großen Ressourcenaufwand und Flächenverbrauch bedeutet. Man kann ihn per LKW abtransportieren, was mit hohem logistischem Aufwand verbunden ist und einen gewaltigen ökologischen Fußabdruck hinterlässt. Durch Pressen oder Zentrifugieren lässt sich Schlamm technisch entwässern (wodurch das Volumen minimiert wird), dieses Verfahren ist aber sehr teuer und zeitintensiv und daher nur für geringe Mengen geeignet. Am ehesten käme laut Böhm der Einsatz von geotextilen Schläuchen in Frage.

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