Andrá tutto bene

Die Corona-Pandemie verschafft Venedig eine Verschnaufpause und öffnet ein Zeitfenster, das es Yachties erlaubt, die Lagunenstadt ohne Massentourismus kennenzulernen. Verena Diethelm durfte das Anfang Juni erleben

Andrá tutto bene

Überschwemmungen, ausgetrocknete Kanäle, Touristeninvasion, Kreuzfahrtschiff-Unfälle, Umweltverschmutzung, Preisexzesse, Stadtflucht – Venedig kam in den vergangenen Jahren kaum aus den Negativschlagzeilen. Überschwemmt von Meer und Reisenden, wurde die prachtvolle Lagunenstadt zum Inbegriff des Phänomens "Overtourism".
Doch Corona ließ den Touristenstrom mit einem Schlag versiegen. Die 55.000-Einwohner-Stadt, die täglich von rund 60.000 Besuchern heimgesucht wurde, erhielt eine wohlverdiente Verschnaufpause. Bilder von leergefegten Plätzen, Kanälen, Brücken und Gässchen gingen um die Welt.

Damit öffnete sich ein Zeitfenster, das es mir möglich macht, das Venedig meiner Kindheit wieder zu entdecken. Nichts wie hin! Voll Vorfreude packe ich meine Tasche und dränge meine Eltern, die ihr Segelboot in Grado stationiert haben, zu einem spontanen Kurztrip.

Bei der Anreise über die apokalyptisch menschenleere Autostrada kommen mir erste Zweifel an meinem Vorhaben. Wird das Italien nach Ausbruch der Covid19-Pandemie, die bisher rund 35.000 Menschenleben forderte, noch das gleiche sein, das ich so sehr schätze? Was kann nach einer derartigen nationalen Tragödie noch übrig sein von der legendären Lebensfreude, dem Dolce Vita?

Zu den trüben Gedanken gesellt sich zu Törnbeginn trübes Wetter. Dunkle Wolken verhängen den Himmel, es schüttet und die Temperaturen sind tief wie zu Ostern. Ehe uns ein Gewitter erwischen kann, flüchten wir nach Lignano in die Marina Punta Faro, eine der größten Norditaliens. Sie erwacht gerade aus dem Winterschlaf. An den Stegen sind viele Liegeplätze leer, dafür drängen sich die Yachten auf dem Trockenen. Schilder machen auf Corona-Schutzmaßnahmen aufmerksam: Mund und Nase bedecken, Abstand von mindestens einem Meter einhalten, Menschenansammlungen verboten. Gegen die letzten beiden Regeln zu verstoßen, ist praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Der sonst so quirlige Touristenort ist wie ausgestorben. Auf den Balkonen der Ferien-Appartement-Siedlungen flattert kein einziges buntes Handtuch im Wind, etliche Hotels, Restaurants und Geschäfte sind noch eingewintert, der Strand, auf dem die Schirme in Reih und Glied stehen, ist verwaist. Nur auf der Via Udine regt sich sich ein bisschen Leben, die ersten Gelaterias haben geöffnet. Beruhigend: Zumindest das Eis schmeckt so gut wie immer.

Der nächste Tag präsentiert sich viel freundlicher. Die rund 40 Meilen bis zum Faro di Punta Sabbioni, der von See aus an seinem markanten Schachbrettmuster zu erkennen ist, verlaufen unspektakulär. In sicherer Entfernung ziehen bei leichtem Südwind die Bettenburgen von Bibione, Porto Santa Margherita und Jesolo vorbei. Abwechslung bieten nur die gelegentlichen Ausweichmanöver: Durch die Regenfälle der letzten Tage wurde viel Treibholz in den Golf von Venedig geschwemmt und die Muschelzuchten befinden sich nicht immer dort, wo sie auf der Karte eingezeichnet sind.

Zeitreise

In der Einfahrt nach Venedig hält sich der Schiffsverkehr erwartungsgemäß in Grenzen. Die Angst, von Kreuzfahrtschiffen in die Mangel genommen zu werden, ist diesmal völlig unbegründet – die italienische Regierung hat den Ozeanriesen praktisch bis Jahresende ein Fahrverbot erteilt. Wir fahren durch die Fluttore des MO.S.E.-Projekts, vorbei am Flughafen Nicelli, an der Gemüseinsel San Erasmo und der Festung Sant'Andrea. Üblicherweise würden wir jetzt nach rechts abbiegen, um uns in der Marina Certosa einen ruhigen Liegeplatz fernab des Trubels zu suchen. Diesmal folgen wir jedoch dem Lauf der Dalben und lassen auch die neue Marina bei Sant'Elena, die noch nicht ganz fertig zu sein scheint, rechts liegen.

Unser Ziel, der Hafen auf der rund zehn Hektar großen Klosterinsel San Giorgio Maggiore, ist leicht zu finden. Einfach direkt auf den ebenso berühmten wie markanten Campanile zuhalten und dann scharf links abbiegen. Der Hafen mit 70 Liegeplätzen, der zum Yachtclub Compagnia della Vela gehört, befindet sich direkt gegenüber vom Markusplatz. Allerbeste Lage also, trotzdem haben wir ihn bisher gemieden. Normalerweise steht durch den regen Schiffsverkehr ständig ein unangenehmer Schwell im Hafenbecken, Transitliegeplätze sind Mangelware und die Preise geschmalzen.

Der Marinaio begrüßt uns mit großem Hallo und ansteckendem Lachen. Laut rufend und heftig gestikulierend dirigiert er uns in den schmalen Liegeplatz. Zumindest ihm dürfte die Lebensfreude durch den Lockdown nicht abhanden gekommen sein. Er lädt uns zu einem kleinen Rundgang "ins beste Büro der Welt ein". Es befindet sich im Leuchtturm aus istrianischem Stein, der die Marina-Einfahrt bewacht. Gewöhnlich ist das Hafenbüro 24 Stunden besetzt, weshalb es in einem der oberen Stockwerke eine kleine Küche, Dusche und WC sowie eine Schlafstelle gibt.

Den gesamten Törnbericht lesen Sie in YR 8/2020, am Kiosk ab 31. Juli!

Der komplette Bericht als PDF-Download:

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