Leichtmatrose

Demut ist gut für die Entwicklung einer reifen Persönlichkeit, sagen uns die spirituellen Meister. In diesem Sinne war der Juni für mich persönlichkeitsbildend. Aber der Reihe nach: 21 Führungskräfte eines großen österreichischen Unternehmens sollten mit ihrem Chef drei Tage auf einem Schiff vor Amsterdam auf der Nordsee verbringen, der Autor dieser Zeilen als Trainer mit dabei. Außergewöhnlich die Wahl des Schiffes: Der Clipper Stad Amsterdam (www.stadamsterdam.nl), gebaut zwischen 1997 und 2000, ist ein 76 Meter langen Rahsegler mit drei Masten und beeindruckenden Daten. Stahlbau mit 4,8 m Tiefgang, 46,5 m Masthöhe, auf 29 Segel verteilte 2.200 m2 Gesamtsegelfläche, 1018 PS Dieselmotor, 723 Bruttoregistertonnen und rund 30 Personen Besatzung. Ein wesentliches Kennzeichen der Stad Amsterdam ist das Bemühen um möglichst authentisches „tall ship feeling“. Abgesehen von Zugeständnissen wie Metallmasten und -rahen, Rettungsbooten, Dieselmotor, Steuerhydraulik sowie modernster Technik in der Steuerkabine schaut es aus wie damals. Stage, Tauwerk, Belegnägel, Holzblöcke – das Schiffshandling ist so, wie man es von bekannten Großschiffen kennt.
Das lehrt Demut in mehrfacher Hinsicht.
Erstens: Alles braucht seine Zeit und hat seinen eigenen Rhythmus. Beim Durchgehen des Ablaufes mit dem Kapitän habe ich beispielsweise für das Segelsetzen eine Stunde – großzügig, wie ich meinte – einkalkuliert. Mit unterdrücktem Lachen und professioneller Höflichkeit weist mich der Kapitän darauf hin, dass wir rund zweieinhalb Stunden brauchen werden, da wir für jedes Segel aufentern, auf jeder Rah die Zeisinge von den Segeln nehmen, aufschießen und befestigen, dann die Segel setzen und entsprechend anbrassen (= dichtnehmen) müssen. Dazu kommt, dass zwei der Segel mitsamt ihrer jeweiligen Rah, jedes rund 700 kg schwer, nach oben zu hieven sind.
Zweitens: Jeder Plan muss, noch mehr als sonst beim Segeln, auf die Gegebenheiten abgestimmt werden. Als wir am letzten Tag rund 20 Seemeilen gegen den Wind in Richtung Ausgangshafen Ijmuiden müssen, zeigt sich, dass wir nach einer Stunde bei 12 Knoten Wind aufgrund des Stromes, der Abdrift und des großen Wendewinkels des Bootes rund 2 Seemeilen nach Lee (!) gutgemacht haben.
Drittens: Regattasegler oder Top-Executive sein hilft dir relativ wenig, wenn du 40 m über Deck mit einem Gemisch aus Angst- und Anstrengungsschweiß in leicht überhängender Lage auf das Krähennest kletterst und dich zitternd auf das äußerste Ende der Rah vorschiebst. Wissend, dass ein Fehltritt dich entweder in die Tiefe sausen oder hilflos im Sicherungsgurt baumeln lässt, hoffend, dass weder Gurt noch Stahlseil reißen. Hier zählen körperliche Gewandtheit, Selbstvertrauen, Erfahrung.
Fazit: Die See und ihre Schiffe machen einen als große Umverteiler schneller zum Leichtmatrosen als man glaubt ...

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S/W