Die ganz „ondre“ Hafenromantik

Vorsaison. Ein März-Tag in einer kroatischen Groß-Marina kann unvorstellbar idyllisch sein

Die ganz „ondre“ Hafenromantik

Der Duft, den die fahrbaren Bootslack-Spritzen mit der Aufschrift raznopas – frei übersetzt bunter Hund – versprühen liegt in der schon recht milden Seeluft, die vom lieblichen Gesang der Ackermann-Trennscheiben erfüllt ist. Immer wieder vernimmt man das Brummen einer fetten Schleifmaschine. Sie hängt an einem dieselbetriebenen Generator, der kleine schwarze Wölkchen in den rosigen Morgenhimmel steigen lässt. Medvjedi nennen die Arbeiter in ihren einheitlich grauen, einst blauen Overalls mit rostfarbenem Leopardenmuster liebevoll den großen Brummer – frei übersetzt kleiner Bär .
Einem frechen Buntspecht gleich schlägt irgendwo ein offenbar gehörloser Mensch mit einem schweren Hammer auf einen Stahlkran ein. Im schattigsten Eckerl des Hafens versprüht ein Alien, der einen großen, quadratischen Helm mit einem Seeschlitz aus blauem Glas trägt, mittels Schweißgerät Funken. Der Goldregen spiegelt sich im regenbogenfarbenen Ölfilm, der auf einer Lacke liegt, ebenso wie die Vormittagssonne.
Der vom Unterwasserschiff eines Fischkutters abgeschmirgelte Altlack breitet sich sanft wie ein Seidentuch aus blütenweißem Feinstaub über die Glastische vor dem Café, während auf dem Parkplatz ein Fischer seit zwei Stunden versucht, sein Moped zu starten. Ein Schleier aus Acryl-Lack-Dampf durchbricht die Frühlingsluft für einen tränenden Augenblick, ehe er sich über der quietschenden, sich ständig drehenden Betonmischmaschine geschmeidig auflöst.
Plötzlich zerreißt ein Schmerzensschrei die filigrane Idylle: Unter einer weißen Plastikfolie, die über eine aufgebockte Yacht gleich neben dem Café gespannt ist, versucht sich ein Mann in die Freiheit zu quetschen. Währenddessen gibt er einen sehr langen und sehr lauten kroatischen Satz zum Besten, den ich nicht vollständig zu übersetzen vermag. Die Tiere Kuh und Ratz kommen darin gleich mehrmals vor.
Der Mann klettert über eine Holzleiter, die noch über mehr als fünfzig Prozent der ursprünglich vorgesehenen Sprossen verfügt, zurück auf den Betonboden. Sein Gebrüll lockt wiederum den aus Wien stammenden Eigner der verhüllten Yacht aus dem Café auf den Stellplatz.
„Wos is, Nano?“ ruft der Wiener. „I hob‘ mi mit die Kuh-Ratz-Maschin‘ in die Finga gschnitt’n“, antwortet Nano. (Also hat ihn weder der bunde Hund gebissen, noch der kleine Bär gefressen.)
„Asooo“, zeigt sich der Wiener vorerst beruhigt. „I hob scho glaubt, du host scho wieda wos ruiniert auf mein Boot. Host wieder die ondre Flex g’numman, wos?“
„Na die ondre, weu I hob’ net g’fund’n die ondre”, rechtfertigt sich Nano.
„Wieso muaasst du ibahaupt mit da Flex orbat’n? Wo is da Ondre?“, schimpft der Wiener.
„No muaß die Ondre moch’n, weu die Ondre is auf die ondre Seit‘n bei die ondre Yacht“, argumentiert Nano, während er nach einem geeigneten Verband für seinen blutenden Finger sucht.
Der Wiener kocht: „Wöcha Ondre?“
„No die ondre Ondre. Die wos hot ondre Flex“, schreit Nano zurück.
„Na guat, obo wo is mei blaue Flex?“, fragt der Wiener. Inzwischen hat sich Nano den verletzten Finger mit einem garantiert sterilen Leinenstreifen verbunden, ohne dass sein Auftraggeber auch nur einmal danach gefragt hätte.
„Die hot Ondre“, sagt Nano.
Jetzt platzt dem Wiener endgültig der Kragen: „Heast, des is jetzt scho da dritte Ondre! Hobts es Trottl’n kane Noman?“
Darauf Nano: „Ojo. Ondre. So haaßt die, die wos orbat auf die ondre Yacht. Konn i nix dafia, doss haaßt Ondre. Wos soll i mochn: I konn jo net Mirko zu eam sog’n, wonn a haaßt Ondre Kulanovic“.
Ich starre auf meinen Laptop und beschließe, die Website zu wechseln: Wozu soll ich mich noch länger mit dem Kauf einer gebrauchten Yacht aufhalten? Chartern ist doch eh was Feines. Ich fürchte, diese frühlingshafte Hafenromantik ist nicht auf mich zugeschnitten.
Also: Schnell auf a Homepage… auf a ondre.

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