Kein Maulkorb für Charly

Angeblich gibt es keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten. Oder war das womöglich umgekehrt?

Kein Maulkorb für Charly

Weihnachten ist das Fest der Überraschungen. Eine davon erlebe ich mit beängstigender Regelmäßigkeit, wenn ich am 27. Dezember auf die Waage steige. Heuer werde ich die Donald-Trump-Strategie wählen: Ich werde die Messung bei 85 Kilo für beendet erklären. Doch ich fürchte, diese geniale Taktik wird mir auch nix nützen, wenn ich beim ersten April-Törn eine Verlängerungsleine brauche, um meiner Crew das Anlegen der Rettungsweste zu demonstrieren.

Für Segler ist oft die ganze Saison mit Überraschungen gespickt. Für die erstaunlichsten sorgen meist Mitsegler durch ihre „No-na-Fragen“: Nachtfahrt, ein schlecht beleuchteter Fischkutter, offenbar auf Kollisionskurs. Rudergänger Charly: „Kurti, hol das Fernglas!“ – Kurti: „Willst du seine Lichter sehen?“ – Charly: „No-na, seinen Blutdruck messen.“

Ein Traumtag unter Vollwäsche südlich der Insel Rab. Aus heiterem Himmel setzt die Bora ein. 40 Knoten, ohne dass wir vorher eine Borawalze gesehen haben. Kurti: „Sollen wir reffen?“ – Charly: „No-na, Mikado spielen.“ – Kurti: „Aber warum schon jetzt?“ – Charly: „Wegen deiner Frau.“ – Kurti: „Aber die ist ja gar nicht mit an Bord!“ – Charly: „Aber bald Witwe.“ – Ich: „Kurti, geh ans Ruder!“ – Kurti: „Soll ich steuern?“ – Charly: „No-na! Oder glaubst, das ist das Glücksrad? Übrigens: die Zahl 50 am Kompass sind Grade, nicht dein Gewinn in Euro. Also bleib im Wind!“

Ausgerechnet im größten Stress entwickeln sich oft die abenteuerlichsten Wortwechsel. Wieder einmal haben wir ein Fischernetz in der Schraube. Charly springt mit Taucherbrille und Schnorchel ins Wasser. Der Frühstückstisch ist noch nicht einmal abgeräumt. Charly: „Kurti, bitte gib es mir ganz vorsichtig herunter.“ – Kurti: „Das Messer?“ – Charly: „No-na, das Kaffeehäferl!“
Keinem ist es je gelungen, unserem Meldungskaiser Charly einen Maulkorb umzuhängen. Friedl, ein überzeugter Vegetarier, ertappte ihn einst, als er mit zwei prallvollen Plastiksäcken aus einem Fleischhauer-Laden in Split trat. „Hast du Fleisch gekauft?“, fragte Friedl mit strafendem Unterton. Darauf Charly: „Nein, ich hab die Schweindln beatmet. Sie waren aber leider nicht mehr zu retten.“

Übrigens hab‘ ich den Verdacht, dass Charly seine makellose Glatze täglich mit Bodenwachs poliert. Als er sich im Vorjahr schwer beladen mit Kisten und Flaschen dem Schiff näherte, fragte Kurti: „Warst du einkaufen?“ Darauf bildete sich eine gemäßigte Brandungswelle auf Charlys kahlem Charakterkopf. Er blieb mitten auf der Passarella stehen und sagte mitleidig: „No-na, beim Frisör.“

Bisweilen beginnt das No-na-Spielchen schon bei der Fahrt Richtung Mittelmeer. Und es soll keiner behaupten, unsere Exekutive sei humorbefreit! Verkehrskontrolle in der Nähe von Graz. Polizist 1: „Sie sind 83 statt 70 gefahren.“ – Beifahrer Kurti: „Müssen wir jetzt Strafe zahlen?“ – Polizist 2: „No-na, zum Leiberltauschen hamma euch net aufg‘halten.“ Er wirft einen Blick in den Hinterraum des Kombis, der mit Segeltaschen vollgestopft ist: „Sind Sie ein Segler?“ – Georg: „Momentan leider Autofahrer.“ Zum Glück sitzt Charly nicht am Lenkrad. Seine aufgelegte Antwort – „No-na, Bankräuber“ – würden die beiden Ordnungshüter womöglich in die falsche Kehle bekommen. So aber reduzieren sie unsere Strafe grinsend auf das absolute, gerade noch legal vertretbare Minimum von 25 Euro. Diese Gnade haben wir allerdings nicht allein Georgs Schlagfertigkeit zu verdanken. „Ihr solltet ein bisserl reffen. Zumindest bis ihr wieder auf der Autobahn seid“, sagt der eine. Kurti: „Jö, seid ihr womöglich auch Segler?“ – Polizist 1 mit der Kelle in der Hand: „No-na, Bahnwärter.“ Am liebsten wären die beiden mit uns auf ein Bier gegangen. Und jetzt – trari-trara – die Pointe! Ein Jahr später ist Georg bei einem der beiden mitgefahren. „Im Segelboot?“ werden Sie jetzt vielleicht fragen. Und Charly würde antworten: „No-na, in der Funkstreife.“

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