Kobold an Bord

Kolumne Jürgen Preusser: Über gespenstische Vorgänge auf See

Bin sicher nicht der einzige, der Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“ in der Schule lesen durfte. Erinnert sich wer an den Blutfleck, der an jedem Morgen wieder da war, obwohl man ihn tags zuvor immer fein säuberlich weggewischt hatte?
Neulich auf einer stinknormalen Charteryacht. Der überaus beliebte, verantwortungsbewusste und ordnungsliebende Skipper (= ich) entfernt mittels Spülmittel und Küchenrolle vom Boden mitten im Salon einen Ölfleck. Es ist kein Speiseölfleck, nein, es ist ein Maschinenölfleck. Bräunlich und definitiv nicht nach Oliven, sondern nach Petrochemie riechend. Und nein, es ist auch kein Kernöl, danke trotzdem für den Hinweis. Tags darauf donnert Frühstücksaktivist Norbert grunzend auf den Salontisch, dabei zerbricht postwendend eines der unzerbrechlichen Häferln. Ursache des Bauchflecks war ein Ölfleck mitten im Salon. Ich entferne den Fleck, Norbert die Splitter.
Die forensischen Untersuchungen bleiben ohne Ergebnis. Alle Tanks und Kanister sind erstens dicht und zweitens ganz woanders. Der unwirsche Appell an die Crew, nicht mit Motoröl oder ähnlichen Flüssigkeiten unter Deck zu hantieren, stößt auf kollektives Unverständnis. Wäre ich paranoid, würde ich aus dem Gemurmel ein „Is-der-Koffer-jetz-scho-völlig-deppert-worn?“ heraushören.
Am nächsten Tag komme ich dem Frühstücksaktivisten zuvor, rüste mich im Halbdunkel sogar mit Stirnlampe aus. Tatsächlich! Der Fleck ist wieder da. Wie auch am nächsten Tag. Und am übernächsten. Immer an derselben Stelle.
Kein Zweifel: Der Schiffskobold hat zugeschlagen. Derselbe Kobold, der jeden Tag einen dreifachen Palstek mit doppeltem Spierenstich in die Kopfhörerkabel meines Smartphones knotet.
Der in jedem Hafen den Einkaufszettel um den Navigationsbleistift wickelt, sodass letzterer erst Stunden später mit abgebrochener Spitze in irgendeinem Küchenkastl wieder auftaucht.
Der Nacht für Nacht unter Wasser außen an der Bordwand knistert. Lanzenfischchen? An die glaub‘ ich nicht, das sind Fabelwesen.
Der dafür sorgt, dass der Gasanzünder solange einen tadellosen Funken schlägt, bis er am Herd eine Flamme entzünden soll. Dann streikt er.
Der eine perfekt aufgeschossene Leine in der Backskiste perfekt mit Zweitanker oder Bootshaken verbindet.
Der es grundsätzlich erst dann einem Crewmitglied erlaubt den Wasserschlauch ohne jedes Problem auf den Wasserhahn in der Marina zu schrauben, nachdem sich ein Kollege mit den Worten „Der verdammte Dreck passt schon wieder nicht!“ blamiert hat.
Der den Rauschunterdrücker am Funkgerät immer dann verstellt, wenn der Navi gerade versucht, den kroatischen Wetterbericht auf Englisch zu empfangen, sodass das beliebte Squelsh-Geräusch „Grrrrsvvvrsschtchcht“ unmittelbar nach dem Wort „Windspeed“ den entscheidenden Rest des Satzes verschlingt.
Der den Holepunkt kurz vor der Wende in Luv ganz nach hinten stellt, wenn er im Lee ganz vorne ist, und umgekehrt.
Der ab und zu, wenn ihm besonders fad ist, um 0200 nachts genau unter dem Echolot durchtaucht um den piependen oder pfeifenden Tiefenalarm zu testen.
Der …
Sorry, keine Zeit mehr. Da unten ist schon wieder einer auf die Schnauze gefallen. Ich muss schnell den Ölfleck wegputzen.

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