Brücken der Hoffnung

Nebel wie im November, aber die weihnachtliche Stimmung bleibt durch Vanillekipferl, eine dampfende Tasse Earl Grey und ein gutes Buch aufrecht. Auf einmal von draußen leise Musik. Jingle Bells … nein, das hört sich anders, wienerischer an! Es klingt wie – ja, Nestroy, Couplet: das Kometenlied aus „Der böse Geist Lumpazivagabundus“!

Etwas verwundert öffne ich die Terrassentür. Draußen deklamiert eine vertraute Gestalt: „… und jetzt richt’t a so a Vagabund uns die Welt bei Butz und Stingel z’grund; aber lass’n ma das, wie’s oben steht, auch unt’ sieht man, daß’s auf’n Ruin losgeht.“ Das Weihnachtsengerl. Ich räuspere mich vernehmlich und der sichtbar durchgeschüttelte gefiederte Freund unterbricht seinen Vortrag. Nach einer kurzen Begrüßung frage ich vorsichtig nach dem Hintergrund. Das Engerl schaut zunächst etwas verlegen, ja fast schuldbewusst und antwortet dann kurz: „Irgendwo muss ich es ja rauslassen!“ Auf meine Nachfrage führt der Gefiederte weiter aus: „All meine Engerlfreunde – vom Chef rede ich gar nicht – sind noch immer so hoffnungsfroh und optimistisch. Aber mich hat ein wenig die Rat- und Mutlosigkeit gepackt. Wenn ich auf euch Erdlinge schaue, dann wird mir gerade angst und bang. In meiner Bubble traue ich mich das aber nicht so recht zuzugeben. Und ob der Sport wirklich die Völker verbindet und uns Zuversicht geben kann? Ich weiß nicht …“

Ich murmle etwas von „vertauschte Rollen“, „Sport als Brücke“ und „Fest der Hoffnung“, um anschließend den Himmlischen von der Bedeutsamkeit der Weihnachtsbotschaft zu überzeugen und dass wir mit dem Sport da eine wichtige Funktion hätten. Nach einigem Hin und Her beruhigt sich das Engerl. „Hast ja recht, aber hin und wieder überkommt es mich halt. Danke!“ Mit einem kurzen Segensgruß entschwindet es in die Nacht. Diesen sowie den obligaten Wunsch nach stets einer Handbreit Wasser unter dem Kiel und die ­Hoffnung auf ein gutes 2026 übermittle ich gerne auch der p.t. Leserschaft.

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Eigentlich ist es klar. Aber manchmal wird es so richtig klar. Wovon ich spreche? Von der Macht der sozialen Medien, auch im Segelsport. Zwei Ereignisse führten mir das deutlich vor Augen. Da war zum einen ein Gespräch mit Karl Stoss, dem Vorsitzenden der Programmkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Er nahm sich freundlicherweise kurzfristig Zeit für einen Austausch zu den Anstrengungen unseres internationalen Dachverbands World Sailing, noch attraktiver für die olympische Familie zu werden. Worauf er dabei eindringlich hinwies: Der Auftritt in den sozialen Medien ist ein ganz wesentlicher Faktor dafür, wie der Beitrag, den ein internationaler Verband für die olympische Bewegung leistet, beurteilt wird.









 

Soziale Medien

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Der Segelbazillus hat einen meiner Freunde – nennen wir ihn Willi – in dessen Lebensmitte befallen. Ohne familiären Segelhintergrund sieht sich dieses Kind der Berge plötzlich en masse Videos auf YouTube an, macht Grundkurs und BFA-Binnen in kürzester Zeit. Die Begeisterung scheint zu wachsen und für mich als wohlmeinenden Mentor stellt sich die Frage: wie weiter?









 

Entflammt – und dann?

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Am 19. August 2024 sank die 184 Fuß/56 m lange und von der Herstellerwerft Perini Navi als „unsinkbar“ bezeichnete Superyacht Bayesian vor Porticello (Sizilien) in nur 16 Minuten. Ursache war eine extrem starke Fallböe mit Windgeschwindigkeiten bis 130 km/h. Die Krängung über 70° hinaus – wesentlich erleichtert durch den extrem hohen Mast und einen vor Anker hochgeholten Kiel – war fatal: das Schiff kenterte in weniger als 15 Sekunden. An Bord waren 22 Personen, darunter der britische Tech-Milliardär Mike Lynch, seine Tochter Hannah und mehrere Bekannte. Sieben Menschen starben, 15 überlebten. Gegen den Kapitän und zwei Crewmitglieder wird derzeit wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Die zehn Monate später gestartete Bergung wurde durch den Tod eines Tauchers verzögert. Am 22. Juni dieses Jahres konnte das gesunkene Boot schließlich ohne den schon vorher vom Rumpf getrennten Mast und Großbaum vom Meeresgrund an die Oberfläche gebracht werden und steht nun für weitere Untersuchung zur Verfügung.









 

Der Untergang der Bayesian

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Am 9. April war Lostag für den Segelsport bei Olympia. Das IOC verkündete auf einer live übertragenen Pressekonferenz die für 2028 gültigen Zahlen in Sachen Teilnehmende und Medaillen. Bereits im Vorfeld war Segeln klarer Wackelkandidat: teuer durch Unterbringung der Boote und der Abwicklung der Wettkämpfe, relativ geringes Publikumsinteresse außerhalb der Nationen mit unmittelbaren Medaillenchancen und schwer durchschaubare Formate und Abläufe. Entsprechend groß dann das Aufatmen: keine Veränderung. Auch in Los Angeles 2028 werden so wie in Marseille insgesamt je 165 Frauen und Männer in 10 Events (‚Klassen‘) um Medaillen segeln. Alles paletti?









 

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Die Goldmedaillen von Marseille haben Auswirkungen. Das gilt nicht nur für das Ansehen des Segelsports in Österreich und den OeSV im Konzert der Fachverbände, sondern vor allem für die Hauptprotagonisten. Vali Bontus, Luki Mähr und Lara Vadlau sind zu öffentlichen Personen geworden. Sie tauchen in Funk und Fernsehen auf und sind bei Veranstaltungen mit Sportprominenz, etwa dem traditionellen Charity Race auf der Planai, gern gesehen. Gleichzeitig eröffnen sich Möglichkeiten in Sachen Sponsoring und sie können – durchaus gegen Entgelt – ihre Erfahrungen per Vorträgen und Panels über die Sportwelt hinaus verbreiten.









 

Dritte Halbzeit

Ressort Kreuzpeilung
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