Gruß aus der Vergangenheit

Vor mehr als hundert Jahren wurde die internationale 6mR-Klasse aus der Taufe gehoben. Exemplare der ersten Generation sowie einige jüngere Schwestern haben im UYC Wörthersee eine Heimat gefunden und begeistern nach wie vor mit ihrer Schönheit und Eleganz

Gruß aus der Vergangenheit

Der UYC Wörthersee ist der zweitälteste Yachtclub Österreichs. Nur drei Monate nachdem der Engländer Edward Drory, den seine Geschäfte als Betriebsleiter der Gaswerke Mitte des 19. Jahrhunderts nach Wien geführt hatten, an den Ufern der Alten Donau mit dem UYC Stammverein den ersten Segelverein des Landes ins Leben gerufen hatte, wurde er als dessen Zweigverein gegründet; als Datum ist der 14. Juni 1886 vermerkt, den Vorsitz führte Robert Freiherr von Walterskirchen. 135 Jahre später ist der UYCWö immer noch in Dellach am Südufer des Wörthersees situiert, verfügt aber mittlerweile über einen 4.500 m2 großen Grund samt Clubhaus, Sanitärtrakt sowie modernen Steganlagen und wird von rund 300 Mitgliedern genutzt.

Wiewohl sich dieser altehrwürdige Club niemals gegen die Moderne gestemmt und Entwicklungen stets mitgetragen hat, fühlt man sich in Dellach stark der Tradition verpflichtet. Eine ganze Reihe wunderschöner Oldtimer-Yachten haben hier ihre Heimat, darunter sechs 6mR-Yachten. „Diese Klasse markierte den Beginn des länderübergreifenden Leistungs-Segelns auf hohem Niveau“, glaubt der Kardiologe und Sportmediziner Dr. Peter Schmid, der mit der Gefion III ein besonders interessantes, schönes und geschichtsträchtiges Exemplar sein eigen nennt. Als Geburtsstunde der Meter-Klassen gilt das Jahr 1906, in dem auf Anregung des Prince of Wales in London eine Konferenz der europäischen Segelnationen stattfand. Ziel war es, eine Vermessungsformel zu finden, nach der Yachten unterschiedlicher Konstruktionen vergütungsfrei gegeneinander Regatten segeln können; sie sollte die bereits bestehenden, lokal bzw. national geltenden Handicap-Systeme ersetzen und damit zur Internationalisierung des Segelsports beitragen. „Die namensgebenden sechs Meter beziehen sich aber nicht, wie man glauben könnte, auf die Länge des Rumpfes“, weiß Schmid, „sondern auf die Formel, in die nicht nur Länge und Breite, sondern mit dem so genannten Gurtmaß auch die Freibordhöhe sowie Tiefgang und Segelfläche einflossen. Das Ergebnis musste sechs betragen. Und Meter hat man in die Bezeichnung hinein genommen, weil in dieser Formel erstmals dieses Längenmaß statt der sonst üblichen Fuß zur Anwendung kam.“

Die 6mR-Klasse erwies sich jedenfalls als durchschlagender Erfolg. Sie wurde bei den Spielen 1908 in die olympische Familie aufgenommen und in den folgenden Jahren und Jahrzehnten mehrfach überarbeitet. Jene Boote, die nach der allerersten Formelvariante gebaut worden waren, werden heute „First Ruler“ genannt – und zu dieser handverlesenen Gruppe, von der weltweit nur noch 25 Exemplare existieren, ist die Gefion III zu zählen.

Zu Gast beim Kaiser

„Mein Großonkel Dr. Ernst Schreiner, dessen Familie Mitbesitzer der Brauerei Reininghaus in Graz war, hat sie in Auftrag gegeben und 1911 bei Anker und Jensen in Norwegen bauen lassen“, erzählt Schmid. Nach dem Stapellauf wurde sie von Schreiner und einer Mannschaft aus Berufsmatrosen, die alle aus der Region Triest stammten, professionell gesegelt und nahm höchst erfolgreich an Regatten in ganz Europa teil. Sie gehörte dem k.u.k. Yachtgeschwader an, dem Nobelclub der Monarchie, der unter dem Protektorat von Kaiser Franz Josef stand, Heimathafen war Pola (heute Pula, Kroatien). „1912 hat mein Großonkel mit der Gefion III die Kieler Woche gewonnen und wurde daraufhin im Rahmen der Preisverleihung von Kaiser Wilhelm II. zu einem Abendessen eingeladen“, erklärt Schmid, der die Geschichte dieses Juwels bis ins Detail kennt, „auch Kaiser Franz Josef hat ihm per Telegramm persönlich zu dem einen oder anderen Sieg gratuliert.“

Nach Ende des Ersten Weltkriegs ließ Ernst Schreiner das Boot an den Wörthersee verschiffen, seither ist es beim UYCWö eingetragen. In den 1930er Jahren wurde die ursprüngliche Gaffeltakelage durch eine Hochtakelage ersetzt, im Zweiten Weltkrieg der Bleikiel zwecks Gewinnung von Munition eingeschmolzen. Ende der 1940er Jahre kam ein neu gegossener Kiel zum Einsatz, der sich aber nicht bewährte: „Damit war die Gefion langsamer und lief weniger Höhe“, sagt Schmid, „daher musste er adaptiert werden.“

1958 erfolgte eine Generalsanierung in der Happe-Werft in Dellach, nach dem Tod von Dr. Ernst Schreiner wurde die Gefion III zunächst von dessen Sohn übernommen und 2005 schließlich an Peter Schmid vererbt. Er ließ sie vom „Holzdoktor“ Christoph Goritschnigg und Herbert Kollmann, dem letzten Mitarbeiter der nunmehr stillgelegten Happe-Werft, restaurieren; seither erstrahlt das weit über hundert Jahre alte Boot, das nach wie vor und als einziges überhaupt die k.u.k-Flagge führen darf, in neuem Glanz.

Peter Schmid, der lange Jahre den UYC Wörthersee führte und 2019 zum Ehrenpräsidenten ernannt wurde, nimmt mit der Gefion III regelmäßig an Regatten teil.

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