Interview Michel Desjoyaux

Vendée-Sieger Michel Desjoyaux über das Rennen, Rettungsaktionen und seine Sehnsucht nach miesen Fernseh-Sendungen

Sie haben einen ungefährdeten Sieg eingefahren. Wie erklären Sie sich Ihre Dominanz?
Bei der Vendée Globe gewinnt derjenige, der am Ende die wenigsten Fehler gemacht hat. Das betrifft nicht nur das Rennen, sondern schon die Auswahl des richtigen Materials. Man darf keine strategischen Fehler machen, muss mit seinem Boot pfleglich umgehen und drei Monate Stress und schlechtes Essen aushalten. Ich sage das ohne Arroganz: Bei einem so langen Rennen gewinnt am Ende natürlich der Beste.

Also haben Ihre Konkurrenten Fehler gemacht?
Dass inzwischen nur noch 12 von 30 Booten dabei sind, ist schon eine extreme Bilanz. Ich glaube aber, dass wir bei den letzten Regatten einfach Glück hatten, dass nicht mehr Segler auf der Strecke geblieben sind. Trotzdem: Der Druck, gewinnen zu müssen, ist den letzten Jahren größer geworden, deshalb waren viele bereit, ein größeres Risiko einzugehen und sind nicht optimal vorbereitet ins Rennen gegangen. Die haben wohl vergessen, dass man das Rennen erstmal zu Ende fahren muss, bevor man es gewinnen kann. Segeln ist in erster Linie ein mechanischer Sport - wie die Formel 1 - Material und Vorbereitung müssen einfach stimmen.

Rund um Weihnachten hätten Sie selbst fast aufgeben müssen ...
Ja, das stimmt. Mitten im Pazifik ist mir das linke Ruderblatt abgebrochen, eine Welle hat mit voller Wucht dagegen geschlagen. Ich war zu dem Zeitpunkt mit etwa 35 Knoten unterwegs, musste das Boot dann sofort stoppen und den Rückwärtsgang einlegen. Wie durch ein Wunder ist das verlorene Ruderblatt unter dem Boot wieder aufgetaucht, später ließ sich der Schaden sogar reparieren. Ohne Ruderblatt zu segeln ist wie Autofahren ohne Lenkrad. Ich bin an dem Tag ganz knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt.

Während des Rennens gab es immer wieder Diskussionen um die Kosten, die beispielsweise Australien und Chile durch Rettungsaktionen entstehen. Manche sind aber der Auffassung, dass sich gerade die australische Marine über Rettungseinsätze freut und die Länder ohnehin zur Rettung verpflichtet sind. Wie sehen Sie das?
Genau so. Die Kriegsschiffe fahren doch sonst nur sinnlos in der Gegend rum. Ich habe diese polemische Diskussion um Rettungseinsätze nie verstanden. Ich glaube, dass sie von Leuten angestoßen wird, die unserem Sport generell negativ gegenüber stehen. Aber mit der Realität hat das nichts zu tun.

Bislang haben nur Franzosen bei der Vendée Globe gewonnen. Warum haben die anderen keine Chance?
Schauen Sie sich Frankreich an, wir haben eine sehr lange Küste.

Nach dieser Logik müssten die Briten aber noch besser sein.
Okay, das stimmt. Ich denke, die Briten sind eher Teamplayer, wir Franzosen Individualisten. Deshalb sind solche Wettbewerbe wie gemacht für uns.

Was haben Sie während der drei Monate auf See am meisten vermisst?
Mich aufs Sofa legen zu können, um irgendeinen Mist im Fernsehen anzuschauen. Meine Familie hat mir wahnsinnig gefehlt, frisches Obst, normales Essen. Die Leute wissen gar nicht, wie toll es ist, jeden Tag zum Bäcker gehen zu können.

Weitere Artikel aus diesem Ressort

Ressort Vendée Globe
PDF-Download

Da müsste Musik sein

Vendée Globe: Die Erstplatzierten mögen den Ruhm einstreifen, Respekt und Ehre gebühren jedem Teilnehmer

Ressort Vendée Globe

Im Zielsprint entmastet

Vendée Globe: Conrad Colman büßt 300 Seemeilen vor Portugal sein Rigg ein

Ressort Vendée Globe

Angst vor dem Fliegen

Vendée Globe: Der österreichische Yachtdesigner Harry Miesbauer erklärt Details und Tücken der neuen ...

Ressort Vendée Globe

Schlag auf Schlag

Vendée Globe: Aus für Thomas Ruyant, dessen Yacht nach einer Kollision mit einem UFO schwer beschädigt ist

Ressort Vendée Globe

Wieder Ausfall bei der Vendée

Stephane Le Diraison verlor den Mast und versucht nun sich per Notrigg in Sicherheit zu bringen

Ressort Vendée Globe

Kito de Pavant in Sicherheit

Der Solosegler wurde abgeborgen – seine havarierte Yacht musste er aufgeben