Die Stunde des Dr. Cool

Kolumne Jürgen Preusser: Es lebe der Sport. Und die Medizinmänner

Die Stunde des Dr. Cool

„So gehört das“, frohlockt Rudi lautstark. „Des is echter Sport! Net so a Kindergeburtstag wie euer Basketball.“ Der gute Rudi sitzt mit drei ehemaligen Basketballern in einem erdigen Beisl im Hafenviertel von Split und ist sicht- und hörbar begeistert. Im Fernsehen läuft eine Art Ringkampf zwischen einem weißrussischen Fleischberg in einer Leopardenmuster-Wursthaut und einem einäugigen, kroatischen Koloss in einer rot-weiß karierten Latzhose.
Der Wirt, den sie Celavi (Die Glatze) nennen, hat kurz zuvor den Fernseher eingeschaltet; sein überaus eindrucksvoll tätowierter rechter Arm war dabei deutlich zu sehen. Es spielt Ultimate Fighting, eine Mischung aus Heumarkt-Catchen und Kickboxen, bei der echtes Blut fließt und mitunter echte Knochen brechen.
„Nach die Kampf bleibt immer einer liegen“, sagt Celavi auf Deutsch und nicht ohne Stolz ob seiner Programmwahl. Bildungsauftrag erfüllt. Das begleitende Lächeln enthüllt ein Geheimnis: ?elavis rechter oberer Eckzahn ist aus Gold. Ein paar Werftarbeiter in blauen Overalls starren ungerührt, aber mit zum Teil geballten Fäusten auf den Bildschirm. „Des is echter Sport“, wiederholt Rudi und wird dafür von Celavi mit einem Stamperl Pelinkovac belohnt.
Gestählt durch diese Überdosis hochintellektueller TV-Unterhaltung geht es am nächsten Morgen platt vor dem Wind Richtung Insel Vis. Rudi beginnt mit dem Spibaum zu hantieren. Selbiger ließ sich bisher in seiner salzigen, leicht angerosteten Halterungsschiene kaum bewegen. Deswegen hat Hannes die Schiene inzwischen mit Silikonspray behandelt, aus purer Bescheidenheit aber niemandem von seinem seemännischen Tun erzählt.
Das hat fatale Folgen: Noch ehe Rudi kräftig daran ziehen kann, knallt er sich den Spibaum auf seinen Kopf.
„Manöver abbrechen!“, schreit der Skipper. Rudi hat ein erschreckend anmutendes Cut auf der Stirn, Blut läuft in Strömen über sein Gesicht, das weiße Leiberl sieht schon jetzt wie eine Leihgabe aus dem Heeresgeschichtlichen Museum aus.
„Scheiße, ich hab ein Cut!“ Rudi bestätigt verbal, was die anderen längst gesehen haben. „Ich brauch‘ einen Arzt“, ruft er auf dem Weg ins Cockpit. Doch dort sitzen keine Ärzte, sondern ausgerechnet drei Ex-Basketballer, die Rudi wie aus einem Mund willkommen heißen: „So gehört das! Des is echter Sport!“
Aber dann stellen auch diese drei Herren den Ernst der Lage über eine gewisse Schadenfreude. Aus Mangel an echten Ärzten, mutieren innerhalb der folgenden Sekunden gefühlte sechs Crewmitglieder zu weisen Medizinmännern und machen großartige Vorschläge für die Erstversorgung des Spibaum-Opfers: Aspirin, Nylonsackerl, elastische Binde, Desinfektionsmittel, Eisbeutel, Mayday-Ruf …
Mir kommt unweigerlich jene Passage aus „Asterix bei den Schweizern“ in den Sinn, wo der korrupte römische Statthalter Virus sagt: „Ich kenne die Ärzte der Garnison. Im Rudel sind sie mörderischer als eine bis zu den Zähnen bewaffnete Legion!“ Zu allem Überfluss sind unsere Garnisonsärzte allesamt keine Ärzte.
Michi, bei dem offenbar vom letzten Erste-Hilfe-Kurs am meisten hängengeblieben ist, hat inzwischen nicht nur die Ruhe bewahrt, sondern auch Wundspray, Schere, Mullbinde, Leukoplast und vor allem Butterfly-Pflaster aus dem Verbandskasten geholt. Beinahe wortlos weist er die restliche Crew in die Schranken und zur Seite. Sein einziger vollständiger Satz richtet sich an jenes Crewmitglied, das ihm noch am ehesten weder hyperaktiv noch hysterisch erscheint: „Du bist jetzt meine Krankenschwester.“
Die Behandlung verläuft professionell, ruhig und erfolgreich. Rudi kann heute nicht einmal mehr eine Narbe vorweisen.
Handeln statt Quatschen. Des is echter Sport!

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